Backpacker unterwegs (Symbolbild): Gestrandet am Ende der Welt
Backpacker unterwegs (Symbolbild): Gestrandet am Ende der Welt
Foto: Kike Arnaiz/ Stocksy United

In Australien gestrandet Bitte adoptiert mich, ich bin Backpacker!

No work, no travel: Corona stoppte das Australien-Abenteuer Zehntausender Backpacker. Doch wie weitermachen und vor allem: wie unterkommen? Ein junges Paar hilft mit einer Facebook-Seite.
Von Anja Tiedge

Geschafft, endlich angekommen. Als Michelle Kulig die Farm von Johanna und David Miller in der westaustralischen Kleinstadt Bridgetown betritt, fühlt sie sich sofort zu Hause.

"Ich hatte von Anfang an das Gefühl, zur Familie zu gehören. Das war eine große Erleichterung", erzählt Kulig. Dabei war die 24-Jährige aus dem Rheingau nur wenige Monate vorher aufgebrochen, um ein Jahr lang frei zu sein, sich planlos und ohne Verpflichtungen durch Australien treiben zu lassen, bloß nicht stillzustehen. Bis Corona die Welt anhielt.

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Down in Down Under

Foto: Paul Kane/ Getty Images

Als die Backpackerin im März gerade einen Job als Kellnerin in Perth ergattert hat, erreicht die Coronakrise Australien. Das Restaurant schließt, Kulig wird gefeuert. Zusammen mit ihrem Freund, ebenfalls Backpacker, zieht sie vom günstigen Hostel in eine Airbnb-Unterkunft. Arbeitgeber würden aus Sorge vor dem Coronavirus verlangen, dass man sich isoliert, hatten sie gehört. Kulig will möglichst bald wieder Reisegeld verdienen. Doch schnell wird klar: Jobs würde es vorerst nicht geben.

Keine Arbeit und eine teure Unterkunft - lange würde sie sich das nicht leisten können. "Hätte ich 'Adopt a Backpacker'  nicht gefunden, wäre ich wohl frustriert nach Hause geflogen", sagt Kulig.

Die Facebook-Gruppe verknüpft in der Coronakrise Gestrandete mit Einheimischen, die Unterkünfte anbieten, umsonst oder im Tausch für höchstens drei Stunden Arbeit am Tag. In einem Post beschreiben Kulig und ihr Freund ihre Situation. Kurz darauf bekommen sie mehrere Angebote von Australiern, die ihnen gratis Unterschlupf anbieten. Unter ihnen Familie Miller aus Bridgetown.

"Wir wollten ursprünglich einer Handvoll Freunden helfen, alles Backpacker, die in Perth festsaßen", erzählt Miguel Fuentes, der die Facebook-Gruppe mit seiner Freundin Nikki de Weerd ins Leben gerufen hat. Fuentes, geboren auf den Philippinen, kam einst selbst als Rucksacktourist nach Australien. Seit vier Jahren lebt er in Perth und arbeitet als Krankenpfleger. "Die meisten meiner Freunde sind Backpacker", sagt er. Auch seine Partnerin de Weerd, ursprünglich aus den Niederlanden, ist mit dem "Working Holiday"-Visum im Land.

Vorbei die Lässigkeit

Australien gilt dank des guten Wetters und des lässigen Lebensstils als Mekka für Backpacker. Nach offiziellen Angaben hielten sich Anfang des Jahres 118.000 Rucksacktouristen mit dem "Working Holiday"-Visum im Land auf. Die oft unterbezahlten Arbeitskräfte, die vor allem im Gastgewerbe und auf Farmen arbeiten, sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Doch als die Zahl der Corona-Fälle sprunghaft ansteigt, ist es mit der Lässigkeit vorbei: Es herrscht Kontaktsperre, ab Mitte März werden die Grenzen für Touristen dicht gemacht. Wer bereits im Land ist, soll schnellstens raus: "Wenn Sie hier zu Gast sind, ist es jetzt an der Zeit, sich auf den Heimweg zu machen", so Premier Scott Morrison Anfang April. Doch etliche Flugverbindungen nach Europa sind bereits gestrichen und die Preise für die raren Flüge zum Teil fünfstellig - für Rucksacktouristen mit kleinem Budget unbezahlbar.

Auch eine gute Freundin von Fuentes und de Weerd muss mit einem überteuerten Flug zurück nach Holland. "Beim Abschied hat sie bitterlich geweint", erzählt Fuentes. Das Paar will Reisenden helfen, denen es ähnlich geht, und fragt bei Arbeitskollegen und Bekannten nach, ob sie Backpacker aufnehmen würden. Die Reaktionen sind positiv. Über eine öffentliche Facebook-Gruppe verknüpft Fuentes die potenziellen Gastgeber mit Backpackern, die Unterschlupf suchen. Eine Woche später ist die Zahl der Mitglieder vierstellig.

"Ich konnte es nicht fassen – diese Kids sind doch Gäste in unserem Land!"

Johanna Miller

Mittlerweile hat jeder australische Bundesstaat eine eigene "Adopt a Backpacker"-Gruppe, mit insgesamt mehr als 20.000 Mitgliedern. Auch in Neuseeland und Kanada gibt es jeweils eine Gruppe. Insgesamt haben darüber bislang 10.000 junge Touristen eine Bleibe gefunden, schätzt Fuentes.

Neben seinem Vollzeitjob im Krankenhaus arbeitet er sechs Stunden täglich an "Adopt a Backpacker", beantwortet Fragen, liest Berichte, entwickelt eine Website. Geld bekommt er dafür nicht. Warum er das tut? "Die Dankbarkeit ist überwältigend. Wir wollten ein paar Leuten helfen, jetzt sind es Tausende, und es werden immer mehr. Es ist wie ein Rausch."

Dank kommt zum Teil auch von den Eltern der Backpacker. "Sie sind erleichtert, dass ihr Kind in diesen verrückten Zeiten sicher ist und bei netten Menschen unterkommt." Auch von Gastgebern erreichen Fuentes Nachrichten. "Viele hatten vorher keine Berührungspunkte mit Backpackern, jetzt werden sie in kurzer Zeit zu guten Freunden."

Die Situation ist weiterhin schwierig

Auch Johanna Miller hatte nicht viel mit Backpackern zu tun, bevor sie Michelle Kulig und ihren Freund Ende März bei sich aufnahm. Sie hatte in den Medien von den gestrandeten Touristen erfahren. Zur selben Zeit machte im Nachbarort ein Hostel dicht und setzte alle Gäste auf die Straße, die meisten davon junge Rucksackreisende.

"Ich konnte es nicht fassen - diese Kids sind doch Gäste in unserem Land!", sagt Miller. Die 43-Jährige ist Mutter von drei Kindern. "In guten Zeiten nehmen wir sie mit offenen Armen auf, weil wir ihre Arbeitskraft brauchen - und in schlechten behandeln wir sie wie Aussätzige und werfen sie einfach raus? Das ist doch beschämend!" Ähnlich kommentierte sie auf Facebook - und stieß dabei auf die "Adopt a Backpacker"-Gruppe.

Gemeinsam mit ihrem Mann entschied sich Miller, Backpackern eine leer stehende Einliegerwohnung auf ihrer Farm drei Stunden südlich von Perth zur Verfügung zu stellen. Schon wenige Tage später zogen Kulig und ihr Freund dort ein.

Nach zweiwöchiger Quarantäne halfen die beiden bei der Kinderbetreuung, im Garten und bei Arbeiten am Haus. Kulig brachte den Kindern Deutsch bei, abends aßen sie meist gemeinsam mit der Familie. "Es tat total gut, trotz Kontaktsperre Anschluss zu haben", sagt Kulig.

Trotzdem wollte Kulig den Millers nicht monatelang auf der Tasche liegen. Sie fand keinen Job und konnte nicht arbeiten. "Ich hatte das Gefühl stillzustehen", sagt sie. Nach wochenlangem Überlegen buchte sie schließlich einen Flug nach Deutschland, mittlerweile ist sie zurück in der Heimat.

Die Entscheidung fiel ihr nicht leicht, auch weil der Flug teuer war. "Ohne einen Vorschuss von meinen Eltern wäre das nicht gegangen." Nach mehr als zwei Monaten fiel auch ihrer Gastmutter der Abschied schwer. Johanna Miller will auch in Zukunft Backpacker bei sich aufnehmen. "Man hilft und lernt gleichzeitig Menschen aus der ganzen Welt kennen. Das möchte ich nicht mehr missen."

Reisende, die eine Unterkunft suchen, gibt es nach wie vor reichlich. "Im Moment werden immer mehr Restriktionen gelockert, für Backpacker ist die Situation aber nach wie vor schwierig", sagt Miguel Fuentes.

Zwar öffnen Restaurants und Cafés wieder, aber in der Coronakrise haben Hunderttausende Australier ihren Job verloren. "Sie werden jetzt bevorzugt eingestellt." Auch die Grenzen einiger Bundesstaaten bleiben geschlossen, weshalb Backpacker nicht ohne Weiteres der Erntesaison hinterherreisen könnten, sagt Fuentes. "Viele haben es deshalb immer noch schwer, einen Job zu finden."

Im Moment entwickelt er eine App, die Backpackern und Studenten auch nach der Coronakrise kostenlose Unterkünfte bei Einheimischen anzeigen soll. Er ist zuversichtlich, dass Gastgeber weiterhin Haus und Hof für die jungen Touristen öffnen. "Corona hat vielen gezeigt, wie wichtig Solidarität ist. Und dass letztlich alle Beteiligten profitieren."

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