Foto: Gloria Glimmer

Gestrandet wegen Corona Kokosnüsse auf Palawan, Poolparty auf dem Schiff

Weltweit werden Grenzen wegen des Coronavirus geschlossen - und deutsche Urlauber sitzen in der Ferne fest. Hier erzählen unsere Leserinnen und Leser, was sie erleben.
Von Antje Blinda

Zehntausende Deutsche waren in den vergangenen Wochen in den Urlaub gestartet. Um dem deutschen Winter zu entfliehen, reisten sie auf die Kanaren, nach Südafrika, Vietnam, Australien und auf die Philippinen. Seitdem sich die Coronavirus-Situation verschärft, werden Flüge abgesagt, viele geraten in Quarantäne - und bleiben in der Ferne hängen.

Deutschland gehört inzwischen zu den Hauptrisikoländern, viele Staaten weltweit wollen keine Deutschen mehr einreisen lassen oder schicken sie gleich in Quarantäne. Inzwischen hat die Bundesregierung eine weltweite Reisewarnung  ausgesprochen. "Wir müssen verhindern, dass weitere Deutsche im Ausland stranden", begründete Außenminister Heiko Maas den ungewöhnlichen Schritt. "Bitte bleiben Sie zu Hause."

Informationen für die Gestrandeten? Oft Fehlanzeige. Fluglinien und Veranstalter sind überlastet und zum Teil nicht mehr erreichbar. Hilfe? Auch die Botschaften müssen mit einem Riesenansturm fertig werden, die Hotline des Auswärtigen Amts  unter +49 30 1817 3000 ist selten erreichbar. Und die Behörde bittet alle Deutschen im Ausland, sich elektronisch in ihrer Elefand-Liste  zu registrieren.

Am Dienstag kündigte Außenminister Maas an, bis zu 50 Millionen Euro für Rückholaktionen bereitzustellen. Diese helfen zunächst den Urlaubern, die in Marokko, der Dominikanischen Republik, auf den Philippinen, in Ägypten und auf den Malediven gestrandet sind. "Luftbrücke" nennt Maas die Maßnahmen. Vor allem werden damit erst mal Pauschalreisende und Reisegruppen zurückgeholt.

Tausende Urlauberinnen und Urlauber sind jedoch auf eigene Faust unterwegs - und in der Ferne überfordert. Wenn ihre Direktflüge abgesagt sind, können sie dann über Drittländer fliegen? Wo geraten sie nicht gleich in Quarantäne? Welche Flüge finden überhaupt noch statt und wo? Das Auswärtige Amt informiert auf seiner Reise- und Sicherheitshinweise-Webseite  über die Maßnahmen in den einzelnen Ländern. Urlauber im Ausland können sich zudem auf dieser Webseite  von Condor melden, "auf dieser Basis entsendet das Auswärtige Amt die benötigen Sonderflüge", schreibt die Airline. Um vieles jedoch müssen sich die Reisenden selber kümmern.

So geht es SPIEGEL-Leserinnen und -Lesern in ihrem Urlaub:

Aus aller Welt melden sich SPIEGEL-Leser und berichten über ihre Situation. Meist verzweifelt, oft fühlen sie sich hilflos. Eine Urlauberin auf den Philippinen sah ihre Lage zunächst noch gelassen - dann begannen die Sorgen:

Philippinen: Lehrstunden im Kokosnusspflücken

"Als wir am Freitag erfuhren, dass der philippinische Präsident die Hauptstadt Manila zur Sperrzone erklären wird und der Inlandsluftverkehr eingestellt werden soll, war es bereits zu spät: Wir bekamen keinen Flug mehr von der Insel Palawan herunter. Zunächst nutzten wir das Leben unter Palmen – ohne fließend Wasser und ohne Elektrizität – für die persönliche Weiterbildung: Von einem Filipino lernten wir, wie man eine Palme ohne Hilfsmittel hochklettert, um eine Kokosnuss zu pflücken.

Und in Gesprächen mit Einheimischen lernen wir staunend, welch geringen Stellenwert Job und Geld hier haben: 'Alles Wichtige, was man sich dafür kaufen könne, gäbe Mutter Natur doch ohnehin kostenlos her', wird uns gesagt und: 'Fisch ist im Meer und Früchte wachsen überall in Hülle und Fülle!' Warum sich Menschen aus Deutschland denn häufig so viel Sorgen machen, werden wir lachend gefragt.

Sorgen machen wir uns allerdings schon: Inzwischen wurden Straßensperren eingerichtet, und mit Maschinengewehren bewaffnete Polizisten sorgen dafür, dass sich niemand mehr draußen aufhält. Alles ist geisterhaft leer und verlassen. Wir sind in einem Hotel in El Nido, um im Minutentakt Nachrichten zu screenen und in Kontakt mit der Deutschen Botschaft zu kommen. Bisher erfolglos. Wir sollen das Land bis zum 20. März 2020 verlassen, heißt es auf der Seite des Auswärtigen Amts. Wir bezweifeln, dass dies uns gelingt."

Gloria Glimmer (Name geändert)

Karibik und Indischer Ozean: Unfreiwillig abhängen

Auch auf Kreuzfahrtschiffen ist die Stimmung unter den Passagieren eher gedämpft. Schon seit Tagen stellen einige Reedereien nach und nach den Betrieb ein und holen ihre Kunden zurück:

Sie sollten ihren Urlaub genießen, tönt es aus den Lautsprechern der "Mein Schiff 2". "Haha", schreibt per WhatsApp eine Hamburger Urlauberin, die gerade an Bord ist. Die Sonne scheint, 27 Grad. Doch die Passagiere sind genervt. Das Kreuzfahrtschiff von TUI Cruises sollte in diesen Tagen eigentlich durch die Karibik fahren, von der Dominikanischen Republik über Martinique, Grenada, Aruba. Aber ein Hafen nach dem anderen wies den Luxusdampfer ab.

Seit Sonntag liegt das Schiff nun im Hafen von Bridgetown in Barbados, für die Passagiere soll es vorzeitig mit extra gecharterten Flugzeugen zurückgehen. Informationen sind spärlich, '"wir sollen unsere Koffer bereithalten", schreibt die Hamburgerin. Immerhin dürfen die Passagiere für Landausflüge von Bord. Die Verhaltenshinweise über "soziale Distanzierung" wegen der Coronakrise werden an Bord fröhlich ignoriert: Am Sonntagabend fand eine Poolparty statt. Der Kapitän sagte den Passagieren, es sei "ein ganz normaler Tag".

Eine Leserin schreibt über die Kreuzfahrt ihrer Eltern, die zur Irrfahrt wurde:

"Meine Eltern befinden sich seit dem 3. März auf der 'Aida Blu' und wollten eigentlich bis zum 27. März von Mauritius über die Seychellen durch den Suezkanal bis nach Kreta fahren. Dann fuhr das Schiff sechs Tage lang im Indischen Ozean umher, da alle weiteren Zwischenstopps nach den Seychellen - unter anderem Oman, Jordanien, Israel und Griechenland - das Anlegen untersagt haben.

Nachdem die Deutsche Botschaft schließlich mit Dubai verhandelt hat, war es möglich, am Sonntag dort anzulegen. Vom Flughafen konnten die ersten Österreicher und Schweizer mit Sonderflügen am Sonntag ausgeflogen werden. Die circa 150 Deutschen wurden mit Bussen zurück zum Schiff gebracht und dürfen es nicht verlassen. Niemand weiß, wie es weitergeht. Auch die Reederei scheint ratlos."

Australien: Vom Veranstalter allein gelassen

"Wir hatten eine vierwöchige Tour an der Ostküste Australiens gebucht, diese wird nun eine gute Woche früher enden. Ab dem verfrühten Ende der Tour werden wir allein gelassen und sind auf uns selbst gestellt. Der Veranstalter stellt uns keinerlei Unterstützung, hilft uns weder beim Buchen des weiteren Aufenthalts noch beim Buchen der Flüge nach Hause oder innerhalb Australiens. Unsere Rückflüge wurden auf dem halben Weg gecancelt - also alle Flüge nach oder innerhalb Europas. Die Fluggesellschaft ist nicht erreichbar.

Wir mussten also selbst ein Ticket zu einer Verwandten nach Melbourne kaufen, bei der wir notfalls zum Glück einige Zeit bleiben können. Wir haben uns in die Elefand-Liste des Auswärtigen Amts  eingetragen, aber bisher noch keine weitere Rückmeldung erhalten. Eine Österreicherin auf unserer Tour, die sich in die entsprechende österreichische Liste eingetragen hatte, wurde nun nach Hause geholt.

Bisher war die Situation in Australien sehr entspannt, im alltäglichen Leben schien es keine Einschränkungen zu geben. Jetzt scheint das Virus aber langsam ins Bewusstsein zu rücken. Wir haben Angst, dass unsere neu gebuchten Flüge auch wieder abgesagt werden und dass wir erst mal für längere Zeit nicht nach Deutschland zurückkehren zu können.

Wiete Herweg, SPIEGEL-Mitarbeiterin

Namibia: Genug kaltes Bier

"Wir sind seit zwei Wochen in Namibia und wollten am Mittwoch wieder mit Eurowings nach Frankfurt zurückfliegen. Nachdem es zwei Fälle des Virus in der Hauptstadt Windhuk gab, hat der Präsident alle Reisen von und nach Deutschland gestrichen. Davon war auch unser Flug betroffen.

Gestern wurden alle Schulen für 30 Tage geschlossen, was aber eher eine gewisse Partystimmung zur Folge hatte. Die Namibier scheinen erst mal im eigenen Land in den Urlaub zu fahren. Trotzdem ist das Coronavirus Topthema bei der Bevölkerung, Gesichtsmasken wie auch Handdesinfektionsmittel sind ausverkauft. Wenn die EU-Grenzen schließen, könnte sich unser Plan, über Abu Dhabi zurückzufliegen, erübrigt haben. Glücklicherweise haben wir die Familie meiner Frau hier vor Ort, genügend Lebensmittel und kaltes Bier gibt es auch."

Johannes, Erica und Charlotte Baader, zurzeit in Tsumeb

Portugal: Abstand halten!

"Wir sind seit Samstag circa hundert Kilometer nördlich von Lissabon am Meer. Wir bereisen seit vielen Jahren dieses liebenswerte Land - diesmal ist alles anders. Im Hotel sind wir mittlerweile die einzigen Gäste. Viele Geschäfte und die meisten Restaurants und Cafés im Ort haben geschlossen, "auf unbestimmte Zeit". Die großen Supermärkte haben den Zugang auf maximal 30 Personen limitiert, an den Kassen muss man Abstand halten - eine Kassiererin hat uns das recht deutlich zu verstehen gegeben. Wir kaufen deshalb lieber in einem der unzähligen Minimercados ein.

Wir machen uns nun Sorgen um unseren Rückflug. Am Mittwoch will der Staatspräsident entscheiden, ob hier der Notstand ausgerufen wird. Wir hoffen, dass es nicht so weit kommt. Gestern Abend konnten wir die portugiesische Gastfreundschaft genießen. Unser Hotelier, der sein Restaurant eigentlich schon geschlossen hatte, lud uns zum Abendessen ein. Es gab ein wunderbares Menü.

Michael Abke, SPIEGEL-Mitarbeiter

Panama: Sturm aufs Airline-Büro

"Ich bin mit meiner Freundin und hundert anderen Passagieren in Panama gestrandet. Unser Flug sollte eigentlich am 15. März um 21.55 Uhr gehen, wurde aber gestrichen. Wir haben keine Information von Air Europa bekommen, am Flughafen war das Büro verschlossen. Als es sich unter den Deutschen herumsprach, dass die Fluglinie in Panama-Stadt noch ein Büro hat, sind wir mit Sammeltaxen hin. Das Büro wurde regelrecht gestürmt. Wir bekamen einen Flug von Havanna über Madrid zurück nach Frankfurt, den Flug nach Havanna müssen wir allerdings selbst bezahlen. Von der deutschen Botschaft in Panama wurden wir nur an den Flughafen beziehungsweise an die Airline verwiesen."

Kevin Becker

Marokko: Die Stimmung kippt

"Wir fünf Freundinnen sind am Freitag nach Marokko für einen Kurzurlaub geflogen. Eine von uns befindet sich im sechsten Schwangerschaftsmonat. Vorher haben wir beraten, ob wir wirklich reisen sollen. Da Marokko noch als Niedrigrisikogebiet (Stand 12. März) galt, haben wir uns dafür entschieden. Seit unserer Einreise jedoch wurden alle Flüge von Marokko nach Deutschland bis voraussichtlich 31. März ausgesetzt.

Uns ging es hier in Marrakesch bisher sehr gut, die Leute hier vor Ort waren sehr hilfsbereit und boten uns auch an, hier bei ihren Familien unterzukommen. Am Montag kippte die Stimmung in der Stadt jedoch. Die Straßenhändler der Souks sind missmutig, weil sie ihre Läden für zwei Wochen schließen sollen. Die Menschen sind beunruhigt wegen des Virus und besorgt über ihre Einkünfte. Einige tragen auch Atemschutzmasken und sprechen uns auf das Coronavirus an. Viele packten ihre Koffer und sind raus aufs Land zu ihren Familien gefahren.

Auch für uns ist unklar, wie es sein wird, wenn nun alle Geschäfte und die meisten Restaurants geschlossen haben. Am Dienstagmorgen werden wir hoffentlich einen Rescue Flight des Auswärtigen Amts bekommen. Im Nachhinein wäre es natürlich vernünftiger gewesen, zu Hause zu bleiben. Jedenfalls waren wir schockiert, wie schnell sich die Reiseempfehlungen und -beschränkungen geändert haben."

Kelly Hoffman

Vietnam: Hilfe für Rucksacktouristen

"Meine Tochter und ihre Freundin sind mit dem Rucksack in Vietnam gestrandet. Zwei Studentinnen, die lange für eine Traumreise gespart haben und mit wenig Geld ohne Reiseveranstalter als Sicherheit im Hintergrund losgezogen sind. Kaum angekommen, gab es den ersten Coronafall in Hanoi. Aus Angst, dass die Stadt abgeriegelt wird und sie in Quarantäne geraten, sind sie kurzerhand in den Süden geflogen. Dort angekommen, haben sie sich eine Unterkunft genommen, in der sie jetzt noch sitzen.

Beide möchten seit Tagen nach Hause, aber die Lage ist extrem unklar. Ihr Rückflug sollte über die Türkei stattfinden, die inzwischen ja gesperrt ist. Die Fluglinie weiß auch nicht weiter. Nach unzähligen Versuchen habe ich die Deutsche Botschaft in Hanoi erreicht - mitten in der Nacht. Sie sei nicht zuständig für Touristen im Süden, sagte man mir, das wäre das Gebiet des Konsulats in Ho Chi Minh City. Dort konnte niemand weiterhelfen.

Nach Stunden in der Warteschleife beim Auswärtigen Amt - es lohnt sich nicht, die Notfallnummer zu versuchen -, bekam ich einen Rat: Vietnam-Reisende sollten dort bleiben, wo sie sich gerade aufhalten. Die Situation der Quarantänebestimmungen ändere sich in einigen Ländern beinahe minütlich, und die Gefahr sei groß, dass man in einem Transitland in der Quarantäne landet. Jetzt harren meine Tochter und ihre Freundin der Dinge, die da kommen. Mir ist klar, dass alle auf Hochtouren daran arbeiten, die Lage in den Griff zu bekommen. Aber denkt bitte an die Rucksacktouristen, damit die nicht vergessen in irgendeinem Land sitzen und verzweifeln!"

Dunja Hirt

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