Couchsurfing in Asien Familienmitglied per Internet

2. Teil: "Bleib doch noch zum Abendessen"


Geld zu sparen ist ein angenehmer Nebeneffekt, vor allem in Städten wie San Francisco, London oder Paris. Den meisten Sofa-Nutzern geht es jedoch um mehr: "Durch das Zusammensein mit Einheimischen lernt man ein Land viel besser und authentischer kennen, als wenn man seine Zeit nur mit anderen Touristen verbringt", sagt Ulf Kleinings, ehrenamtlicher Couchsurfing-Koordinator aus Köln.

Wer Mitglied der kostenlosen Couch-Community werden möchte, legt einen eigenen Steckbrief auf der Website an. Aus über 200 Ländern sucht er dann sein Reiseziel aus, schaut sich die jeweiligen Profile an und sendet jenen Mitgliedern eine Nachricht, die sympathisch oder interessant erscheinen.

Wem der Gastgeber zusagt, bleibt ihm selbst überlassen - es besteht keine Aufnahmepflicht. Die Vermittlung, der Aufenthalt, alles ist kostenlos. Die meisten Mitglieder stellen ihre Unterkunft für ein bis drei Nächte zur Verfügung, andere mögen sich nur auf einen Kaffee treffen oder ihre Stadt zeigen.

So wie Luyen aus Hanoi. Sie hat bereits Gäste, als ich ihr mein Couch-Gesuch schicke. "Lass uns uns doch bei mir zum Mittagessen treffen", schlägt sie vor. "Am besten, du nimmst den Bus." Neugierig beäugt von etwa zwei Dutzend Vietnamesen, versuche ich, dem Fahrer mein Ziel zu erklären. Vergebens. Keiner spricht auch nur ein Wort Englisch. Gut, dass Luyen mir ihre Handynummer gegeben hat. Sie spricht mit dem Busfahrer, der mich daraufhin sogar gratis mitfahren lässt - ich habe vergessen, Geld zu wechseln, und nur einen 20-Dollarschein dabei. Luyen wartet lächelnd an der Bushaltestelle, drückt meinen Arm und sagt: "Du bist mutig, steigst in einen Bus in Hanoi ohne einen einzigen Dong in der Tasche."

Mit ihrem Mann, einem Briten, und dem Sohn lebt die 51-jährige Designerin in einem bewachten Villenviertel, Tür an Tür mit Diplomaten und gutverdienenden Ausländern. Ihr Hund heiße Chance, erklärt Luyen, weil er das Glück gehabt habe, bei einer netten Familie zu landen und nicht in den Kochtöpfen eines Restaurants.

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In dem geräumigen Haus spiegelt sich die europäisch-asiatische Ehe: Es dominieren dunkle Holzmöbel im englischen Landhausstil, garniert mit buntbestickten Seidenkissen oder zart bemalten Tässchen und Kannen. In der offenen amerikanischen Küche steht ein riesiger Kühlschrank, aus dem Luyen zum Nachtisch meine deutsche Lieblingsschokolade hervorzaubert.

"Bleib doch noch zum Abendessen", schlägt Luyen vor und nimmt mich nachmittags mit in die Schule ihres Sohnes, dann in ihre Design-Werkstatt. Nach dem köstlichen Essen mit den zwei anderen Couch-Gästen macht sie gleich den nächsten Vorschlag: "Julian Lloyd Webber gibt heute ein Konzert, lasst uns in die Oper fahren." Ich lehne ab, fühle mich underdressed mit T-Shirt und abgelaufenen Turnschuhen. Dieses Argument lässt Luyen, fein frisiert und gewandet in ein schmales, dunkles Seiden-Ensemble, nicht gelten. Eine halbe Stunde später stehen wir vor dem Opernhaus, und sie ergattert auf dem Schwarzmarkt tatsächlich noch Karten.

Wir treffen uns noch einige Male, gehen gemeinsam essen, ins Kino. Und an meinem letzten Tag in Hanoi lässt es sich Luyen trotz Stresses bei der Arbeit nicht nehmen, mich und meinen großen Rucksack auf ihrem Moped durch den Feierabendverkehr zum Bahnhof zu bugsieren. Als ich zu meinem Nachtzug laufe, ruft sie mir hinterher: "Da drüben sind noch andere Ausländer, freunde dich mit ihnen an."

So ähnlich lautete auch die Mission des Pazifisten Bob Luitweiler, als er 1949 in Dänemark das erste Gastgebernetzwerk namens "Servas" gründete. Die Friedensorganisation wollte nach dem Zweiten Weltkrieg ein besseres Verständnis für die verschiedenen Kulturen und Völker schaffen - durch persönliche Kontakte. "Menschen, die sich kennen, bringen sich eher nicht um", sagt Thomas Thomas, Vorstandsmitglied von Servas Deutschland. Weitere Börsen wie "Hospitality Exchange" und der von dem Deutschen Veit Kühne gegründete " Hospitalityclub" folgten, doch keine rief bislang eine derart globale Begeisterung hervor wie die Non-Profit-Organisation Couchsurfing.



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