Couchsurfing in Asien Familienmitglied per Internet

3. Teil: "Bist du allergisch gegen Pasta oder Pizza?"


Casey Fenton, ein amerikanischer Programmierer, hat das Portal erdacht. Er entwickelte die Idee nach einem ungewöhnlichen Wochenendtrip nach Island. Vor seiner Reise gelang es ihm, an 1500 E-Mail-Adressen isländischer Studenten zu kommen. Alle erhielten eine personalisierte Nachricht mit der Bitte, ihn bei sich übernachten zu lassen. Das positive Feedback überraschte Fenton, und er beschloss, nur noch auf diese Art zu reisen.

Um nicht jedes Mal Universitätsserver durchforsten zu müssen, startete er mit Hilfe von Freunden und Kollegen im Januar 2004 Couchsurfing.com. Neben den Gründern halten heute Tausende Freiwillige die ansonsten durch Spenden finanzierte Web-Seite am Laufen: Sie helfen beim Webdesign, pflegen Daten, organisieren Treffen aller aktuell anwesenden Couchsurfer in ihrer Stadt.

Mittlerweile hat das Portal mehr als eine Million Mitglieder, über 70 Prozent von ihnen sind jünger als 30 Jahre. Die meisten wohnen allein oder in einer WG, aber auch Paare, Familien oder Rentner lassen Reisende bei sich übernachten.

Kirsty, 31, und Bas, 27, wurden von Kirstys Mutter, einer Gastgeberin in Schottland, auf den Geschmack gebracht. Seit drei Monaten empfangen die beiden jetzt Couch-Gäste in ihrer Wahlheimat Phnom Penh in Kambodscha. Sharing, teilen, das ist das Lebensmotto des Paars; gemeint sind damit sowohl ihre Zeit als auch ihre Joints und eben ihr Zweizimmer-Apartment.

Obgleich der erste Gast, ein Engländer, keine große Freude war: Er blieb sechs Nächte, sprach nicht viel, bediente sich am Kühlschrank und wollte offensichtlich nur Geld sparen. Bis zu zehn Anfragen erhalten die beiden pro Woche. Einige tauchen trotz fester Verabredung nicht auf, andere sind dafür umso netter. Das Vertrauen der beiden ist beeindruckend. Wir kennen uns noch keine Stunde, und sie lassen mich allein in ihrem Apartment - mit ihrem neuen Laptop und herumliegendem Geld.

Um keine bösen Überraschungen zu erleben, rät Kleinings, sich vor einer Zusage die Steckbriefe und vor allem die Referenzen durchzulesen, die andere Couchsurfer einer Person auf der Website hinterlassen haben. Alessandro aus Rom wappnet sich bereits im Vorfeld. Auf seinem Profil steht ein Fragebogen für potentielle Gäste: "Bist du ein Verfechter der Todesstrafe? Findest du es in Ordnung, Flecken zu hinterlassen? Bist du allergisch gegen Pasta oder Pizza?" Wer auch nur eine der 27 Fragen mit ja beantwortet, brauche sich gar nicht erst bei ihm zu melden, teilt der Italiener mit.

Weitere freiwillige Sicherheitsverfahren sind das Verifikationssystem, bei dem Namen und Adresse überprüft werden, sowie Bürgschaften, die Mitglieder füreinander übernehmen können. "Wildfremden Menschen zu vertrauen hat einen großen Reiz, seinen gesunden Menschenverstand sollte man aber auch einsetzen", sagt Kleinings. Dazu gehöre immer ein Plan B, wie zum Beispiel die Adresse eines Hotels in der Nähe.

Mit ihren Gästen gehen die Schottin Kirsty und der Holländer Bas gern auf einen Drink in die "Lost and Found Bar". Umgeben von ein paar gestrandeten Backpackern, die nicht mehr wissen, wie lange sie eigentlich schon um die Welt reisen, erzählen die beiden abendfüllende Geschichten von korrupten kambodschanischen Polizisten.

Das nächste Mal, so Bas, werde er mit seinem Moped einfach davonbrausen, wenn die Polizei ihn wieder einmal anhalte. "Die müssen nämlich ihr Benzin selbst zahlen, deshalb verfolgen sie dich nicht." Wer so locker mit der Staatsgewalt umgeht, zeigt sich auch seinen Gästen gegenüber entspannt: "Mach dir morgen früh ruhig einen Kaffee, auch wenn wir noch schlafen", sagt Kirsty, obwohl die winzige Küchenzeile in ihrem Schlafzimmer steht.

Gopal aus Nepals Hauptstadt Katmandu träumt von Europa, und die Couchsurfer füttern diesen Traum. Wer bei dem 28-Jährigen zu Gast ist, wird schnell zum Familienmitglied. Seine 61-jährige Mutter, sein dreijähriger Sohn und sein jüngerer Bruder, mit denen er zusammenlebt, sind schon an die fremden Gesichter gewöhnt und kommunizieren trotz Sprachbarriere eifrig mit den Gästen. Zurzeit hat Gopal eine Holländerin zu Besuch. Wie lange sie bleibt, weiß er noch nicht. "Solange sie möchte."

Auch Menuka holt sich mit den Couchsurfern die Welt ins Wohnzimmer. "Die Zeit mit den ausländischen Touristen ist ein Reiseersatz. Ich genieße die vielen Geschichten der Traveller", sagt die 24-Jährige, die noch nie aus Nepal herausgekommen ist. Mit zwei ihrer sieben Geschwister und dem schwerkranken Vater lebt sie in zwei Räumen: einer karg möblierten Küche, von deren Wänden der Putz blättert, und einem kleinen Schlafzimmer, dessen schlechte Luft vom intensiven Odeur eines Räucherstäbchens überlagert wird. Fließendes Wasser, Toilettenpapier oder Handtücher gibt es nicht, und auch der Strom fällt beinahe täglich für unbestimmte Zeit aus. Annehmlichkeiten kennt Menukas Clan nicht, dessen zwölf Mitglieder sämtlich keine Arbeit haben.

Einige Couchsurfer haben der Familie schon ein bisschen geholfen, Pakete mit Schulsachen und Kleidung geschickt, Arztrechnungen bezahlt. Von alldem ahne ich noch nichts, als ich am Nachmittag bei Menuka ankomme. In dem Wohn- und Schlafzimmer stehen dicht beieinander zwei Betten, auf dem einen liegt der Vater, auf dem anderen spielen und reden die Brüder, 9 und 17 Jahre alt.

Bei Kerzenschein und dem Licht einer Stirnlampe kocht die 24-Jährige ein Gemüsecurry. Nach nepalischer Etikette nehmen wir die Mahlzeit nicht gemeinsam ein. Der Gast isst zuerst, Menuka zuletzt, wenn alle anderen schon dabei sind schlafen zu gehen. Als wir das Licht löschen, liege ich in einem Bett, Menuka und ihr kleiner Bruder am Boden auf einer Matratze und ihr Vater sowie ein anderer Bruder im zweiten Bett. Draußen bellen Hunde, die ganze Nacht.

Erst am frühen Morgen überwältigt mich die Müdigkeit, und als ich nach ein paar Stunden Schlaf um halb acht aufwache, bin ich die Letzte. Menuka kocht bereits das Mittagessen, reicht mir süßen Milchtee und macht Pläne. Sie möchte mir die Stadt zeigen und danach ihr Heimatdorf.

Am Ende, nach drei gemeinsamen Tagen, fällt der Abschied von Menuka schwer. Das kenne ich schon, das war bei Gopal, Kirsty und Bas, Luyen und Hong nicht anders. Gut. Weiter.

Im Zug auf dem Weg nach Neu-Delhi erreicht mich dann eine Mail aus Hanoi: "Come back to Vietnam any time, my dear." Wie schön! Aber nicht ungewöhnlich. Laut Website hat Couchsurfing bereits 1,37 Millionen Freundschaften geschaffen. Mal sehen, wer so alles bei mir aufkreuzt, wenn ich zurück bin.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.