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12. August 2009, 09:20 Uhr

Couchsurfing in Asien

Familienmitglied per Internet

Freunde in der Ferne: In Vietnam, Kambodscha und Nepal ging Lena Greiner per Internet auf die Suche nach Gratis-Unterkünften. Sie nahm kratzige Sofas und kaputte Stromleitungen in Kauf - und erlebte unglaubliche Gastfreundschaft fernab der Touristenfallen.

Es ist bereits dunkel, als ich mit dem Bus in der Sechs-Millionen-Metropole Ho-Tschi-Minh-Stadt, ehemals Saigon, im Süden Vietnams ankomme. Meine Hand umklammert den Zettel mit der Adresse einer Vietnamesin namens Hong, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Vor einigen Tagen habe ich ihr eine Mail geschrieben und sie gefragt, ob ich für zwei Nächte bei ihr wohnen dürfe - ich darf.

Auf der Internet-Seite www.couchsurfing.org bieten sich über eine Million Sofa-Surfer aus der ganzen Welt gegenseitig Schlafplätze an. Die Couch von Manfred aus Bayern ist ebenso darunter wie das Sofa in einer antarktischen Forschungsstation, eine Hängematte in Mosambik oder eine Koje auf dem Segelboot eines gewissen Captain Peppers in Florida. Auch Angebote aus dem Gaza-Streifen sind dabei.

In Shorts und ärmellosem Shirt öffnet Hong die Tür und sagt diesen einen Satz, der sich anfühlt wie Nach-Hause-Kommen, nur eben am anderen Ende der Welt: "Du musst müde sein, magst du duschen und etwas essen?"

Die 30-Jährige wohnt in einem Eineinhalbzimmer-Apartment. Im Bücherregal stehen Bücher wie "Das Ende der Armut" neben der "South Beach Diät" und dem Ratgeber "Europe for Dummies". Eine Yoga-Matte liegt herum, über dem Bett hängt, als Poster, "Der Kuss" von Gustav Klimt. Die Couch - heute Nacht meine Couch! - steht keine zwei Meter von Hongs Bett entfernt.

Wir essen Glasnudeln mit Sesamkernen und Meeresfrüchten, trinken französischen Weißwein und erzählen uns unser Leben in Kurzform. Hong ist das jüngste von sechs Geschwistern und die Einzige, die studiert hat. Sie verließ Vietnam mit einem Stipendium für Cornell, eine amerikanische Ivy-League-Universität, und kam zurück, um für ihre Doktorarbeit in Ethnologie zu recherchieren.

Die Idee, fremde Reisende aufzunehmen, hat sie aus den USA mitgebracht. Hong selbst hat bereits in Kanada, New York, auf den Philippinen und in Hawaii auf fremden Sofas übernachtet und ist von dem Konzept begeistert: "Alle Menschen, die ich über diesen Weg kennengelernt habe, haben mein Leben bereichert."

Angst vor unangenehmen Gästen hat sie nicht: "Natürlich besteht die Möglichkeit, dass ein Couchsurfer in Wahrheit ein Serienkiller ist, aber das ist doch sehr unwahrscheinlich, oder?", fragt sie und lacht. Beruhigt schlafe ich ein auf dem kratzigen grünen Sofa, das eigentlich nur aus drei zusammengeschobenen Sesseln besteht, die sofort auseinanderrücken, wenn ich mich nur sachte bewege. Am nächsten Morgen drückt Hong mir einen Stadtplan in die Hand und nimmt mich auf ihrem Motorrad mit ins Zentrum. Abends, vorm Einschlafen, kichern wir im Dunkeln wie Teenager. "Bleib doch noch länger", sagt Hong.

"Bleib doch noch zum Abendessen"

Geld zu sparen ist ein angenehmer Nebeneffekt, vor allem in Städten wie San Francisco, London oder Paris. Den meisten Sofa-Nutzern geht es jedoch um mehr: "Durch das Zusammensein mit Einheimischen lernt man ein Land viel besser und authentischer kennen, als wenn man seine Zeit nur mit anderen Touristen verbringt", sagt Ulf Kleinings, ehrenamtlicher Couchsurfing-Koordinator aus Köln.

Wer Mitglied der kostenlosen Couch-Community werden möchte, legt einen eigenen Steckbrief auf der Website an. Aus über 200 Ländern sucht er dann sein Reiseziel aus, schaut sich die jeweiligen Profile an und sendet jenen Mitgliedern eine Nachricht, die sympathisch oder interessant erscheinen.

Wem der Gastgeber zusagt, bleibt ihm selbst überlassen - es besteht keine Aufnahmepflicht. Die Vermittlung, der Aufenthalt, alles ist kostenlos. Die meisten Mitglieder stellen ihre Unterkunft für ein bis drei Nächte zur Verfügung, andere mögen sich nur auf einen Kaffee treffen oder ihre Stadt zeigen.

So wie Luyen aus Hanoi. Sie hat bereits Gäste, als ich ihr mein Couch-Gesuch schicke. "Lass uns uns doch bei mir zum Mittagessen treffen", schlägt sie vor. "Am besten, du nimmst den Bus." Neugierig beäugt von etwa zwei Dutzend Vietnamesen, versuche ich, dem Fahrer mein Ziel zu erklären. Vergebens. Keiner spricht auch nur ein Wort Englisch. Gut, dass Luyen mir ihre Handynummer gegeben hat. Sie spricht mit dem Busfahrer, der mich daraufhin sogar gratis mitfahren lässt - ich habe vergessen, Geld zu wechseln, und nur einen 20-Dollarschein dabei. Luyen wartet lächelnd an der Bushaltestelle, drückt meinen Arm und sagt: "Du bist mutig, steigst in einen Bus in Hanoi ohne einen einzigen Dong in der Tasche."

Mit ihrem Mann, einem Briten, und dem Sohn lebt die 51-jährige Designerin in einem bewachten Villenviertel, Tür an Tür mit Diplomaten und gutverdienenden Ausländern. Ihr Hund heiße Chance, erklärt Luyen, weil er das Glück gehabt habe, bei einer netten Familie zu landen und nicht in den Kochtöpfen eines Restaurants.

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In dem geräumigen Haus spiegelt sich die europäisch-asiatische Ehe: Es dominieren dunkle Holzmöbel im englischen Landhausstil, garniert mit buntbestickten Seidenkissen oder zart bemalten Tässchen und Kannen. In der offenen amerikanischen Küche steht ein riesiger Kühlschrank, aus dem Luyen zum Nachtisch meine deutsche Lieblingsschokolade hervorzaubert.

"Bleib doch noch zum Abendessen", schlägt Luyen vor und nimmt mich nachmittags mit in die Schule ihres Sohnes, dann in ihre Design-Werkstatt. Nach dem köstlichen Essen mit den zwei anderen Couch-Gästen macht sie gleich den nächsten Vorschlag: "Julian Lloyd Webber gibt heute ein Konzert, lasst uns in die Oper fahren." Ich lehne ab, fühle mich underdressed mit T-Shirt und abgelaufenen Turnschuhen. Dieses Argument lässt Luyen, fein frisiert und gewandet in ein schmales, dunkles Seiden-Ensemble, nicht gelten. Eine halbe Stunde später stehen wir vor dem Opernhaus, und sie ergattert auf dem Schwarzmarkt tatsächlich noch Karten.

Wir treffen uns noch einige Male, gehen gemeinsam essen, ins Kino. Und an meinem letzten Tag in Hanoi lässt es sich Luyen trotz Stresses bei der Arbeit nicht nehmen, mich und meinen großen Rucksack auf ihrem Moped durch den Feierabendverkehr zum Bahnhof zu bugsieren. Als ich zu meinem Nachtzug laufe, ruft sie mir hinterher: "Da drüben sind noch andere Ausländer, freunde dich mit ihnen an."

So ähnlich lautete auch die Mission des Pazifisten Bob Luitweiler, als er 1949 in Dänemark das erste Gastgebernetzwerk namens "Servas" gründete. Die Friedensorganisation wollte nach dem Zweiten Weltkrieg ein besseres Verständnis für die verschiedenen Kulturen und Völker schaffen - durch persönliche Kontakte. "Menschen, die sich kennen, bringen sich eher nicht um", sagt Thomas Thomas, Vorstandsmitglied von Servas Deutschland. Weitere Börsen wie "Hospitality Exchange" und der von dem Deutschen Veit Kühne gegründete " Hospitalityclub" folgten, doch keine rief bislang eine derart globale Begeisterung hervor wie die Non-Profit-Organisation Couchsurfing.

"Bist du allergisch gegen Pasta oder Pizza?"

Casey Fenton, ein amerikanischer Programmierer, hat das Portal erdacht. Er entwickelte die Idee nach einem ungewöhnlichen Wochenendtrip nach Island. Vor seiner Reise gelang es ihm, an 1500 E-Mail-Adressen isländischer Studenten zu kommen. Alle erhielten eine personalisierte Nachricht mit der Bitte, ihn bei sich übernachten zu lassen. Das positive Feedback überraschte Fenton, und er beschloss, nur noch auf diese Art zu reisen.

Um nicht jedes Mal Universitätsserver durchforsten zu müssen, startete er mit Hilfe von Freunden und Kollegen im Januar 2004 Couchsurfing.com. Neben den Gründern halten heute Tausende Freiwillige die ansonsten durch Spenden finanzierte Web-Seite am Laufen: Sie helfen beim Webdesign, pflegen Daten, organisieren Treffen aller aktuell anwesenden Couchsurfer in ihrer Stadt.

Mittlerweile hat das Portal mehr als eine Million Mitglieder, über 70 Prozent von ihnen sind jünger als 30 Jahre. Die meisten wohnen allein oder in einer WG, aber auch Paare, Familien oder Rentner lassen Reisende bei sich übernachten.

Kirsty, 31, und Bas, 27, wurden von Kirstys Mutter, einer Gastgeberin in Schottland, auf den Geschmack gebracht. Seit drei Monaten empfangen die beiden jetzt Couch-Gäste in ihrer Wahlheimat Phnom Penh in Kambodscha. Sharing, teilen, das ist das Lebensmotto des Paars; gemeint sind damit sowohl ihre Zeit als auch ihre Joints und eben ihr Zweizimmer-Apartment.

Obgleich der erste Gast, ein Engländer, keine große Freude war: Er blieb sechs Nächte, sprach nicht viel, bediente sich am Kühlschrank und wollte offensichtlich nur Geld sparen. Bis zu zehn Anfragen erhalten die beiden pro Woche. Einige tauchen trotz fester Verabredung nicht auf, andere sind dafür umso netter. Das Vertrauen der beiden ist beeindruckend. Wir kennen uns noch keine Stunde, und sie lassen mich allein in ihrem Apartment - mit ihrem neuen Laptop und herumliegendem Geld.

Um keine bösen Überraschungen zu erleben, rät Kleinings, sich vor einer Zusage die Steckbriefe und vor allem die Referenzen durchzulesen, die andere Couchsurfer einer Person auf der Website hinterlassen haben. Alessandro aus Rom wappnet sich bereits im Vorfeld. Auf seinem Profil steht ein Fragebogen für potentielle Gäste: "Bist du ein Verfechter der Todesstrafe? Findest du es in Ordnung, Flecken zu hinterlassen? Bist du allergisch gegen Pasta oder Pizza?" Wer auch nur eine der 27 Fragen mit ja beantwortet, brauche sich gar nicht erst bei ihm zu melden, teilt der Italiener mit.

Weitere freiwillige Sicherheitsverfahren sind das Verifikationssystem, bei dem Namen und Adresse überprüft werden, sowie Bürgschaften, die Mitglieder füreinander übernehmen können. "Wildfremden Menschen zu vertrauen hat einen großen Reiz, seinen gesunden Menschenverstand sollte man aber auch einsetzen", sagt Kleinings. Dazu gehöre immer ein Plan B, wie zum Beispiel die Adresse eines Hotels in der Nähe.

Mit ihren Gästen gehen die Schottin Kirsty und der Holländer Bas gern auf einen Drink in die "Lost and Found Bar". Umgeben von ein paar gestrandeten Backpackern, die nicht mehr wissen, wie lange sie eigentlich schon um die Welt reisen, erzählen die beiden abendfüllende Geschichten von korrupten kambodschanischen Polizisten.

Das nächste Mal, so Bas, werde er mit seinem Moped einfach davonbrausen, wenn die Polizei ihn wieder einmal anhalte. "Die müssen nämlich ihr Benzin selbst zahlen, deshalb verfolgen sie dich nicht." Wer so locker mit der Staatsgewalt umgeht, zeigt sich auch seinen Gästen gegenüber entspannt: "Mach dir morgen früh ruhig einen Kaffee, auch wenn wir noch schlafen", sagt Kirsty, obwohl die winzige Küchenzeile in ihrem Schlafzimmer steht.

Gopal aus Nepals Hauptstadt Katmandu träumt von Europa, und die Couchsurfer füttern diesen Traum. Wer bei dem 28-Jährigen zu Gast ist, wird schnell zum Familienmitglied. Seine 61-jährige Mutter, sein dreijähriger Sohn und sein jüngerer Bruder, mit denen er zusammenlebt, sind schon an die fremden Gesichter gewöhnt und kommunizieren trotz Sprachbarriere eifrig mit den Gästen. Zurzeit hat Gopal eine Holländerin zu Besuch. Wie lange sie bleibt, weiß er noch nicht. "Solange sie möchte."

Auch Menuka holt sich mit den Couchsurfern die Welt ins Wohnzimmer. "Die Zeit mit den ausländischen Touristen ist ein Reiseersatz. Ich genieße die vielen Geschichten der Traveller", sagt die 24-Jährige, die noch nie aus Nepal herausgekommen ist. Mit zwei ihrer sieben Geschwister und dem schwerkranken Vater lebt sie in zwei Räumen: einer karg möblierten Küche, von deren Wänden der Putz blättert, und einem kleinen Schlafzimmer, dessen schlechte Luft vom intensiven Odeur eines Räucherstäbchens überlagert wird. Fließendes Wasser, Toilettenpapier oder Handtücher gibt es nicht, und auch der Strom fällt beinahe täglich für unbestimmte Zeit aus. Annehmlichkeiten kennt Menukas Clan nicht, dessen zwölf Mitglieder sämtlich keine Arbeit haben.

Einige Couchsurfer haben der Familie schon ein bisschen geholfen, Pakete mit Schulsachen und Kleidung geschickt, Arztrechnungen bezahlt. Von alldem ahne ich noch nichts, als ich am Nachmittag bei Menuka ankomme. In dem Wohn- und Schlafzimmer stehen dicht beieinander zwei Betten, auf dem einen liegt der Vater, auf dem anderen spielen und reden die Brüder, 9 und 17 Jahre alt.

Bei Kerzenschein und dem Licht einer Stirnlampe kocht die 24-Jährige ein Gemüsecurry. Nach nepalischer Etikette nehmen wir die Mahlzeit nicht gemeinsam ein. Der Gast isst zuerst, Menuka zuletzt, wenn alle anderen schon dabei sind schlafen zu gehen. Als wir das Licht löschen, liege ich in einem Bett, Menuka und ihr kleiner Bruder am Boden auf einer Matratze und ihr Vater sowie ein anderer Bruder im zweiten Bett. Draußen bellen Hunde, die ganze Nacht.

Erst am frühen Morgen überwältigt mich die Müdigkeit, und als ich nach ein paar Stunden Schlaf um halb acht aufwache, bin ich die Letzte. Menuka kocht bereits das Mittagessen, reicht mir süßen Milchtee und macht Pläne. Sie möchte mir die Stadt zeigen und danach ihr Heimatdorf.

Am Ende, nach drei gemeinsamen Tagen, fällt der Abschied von Menuka schwer. Das kenne ich schon, das war bei Gopal, Kirsty und Bas, Luyen und Hong nicht anders. Gut. Weiter.

Im Zug auf dem Weg nach Neu-Delhi erreicht mich dann eine Mail aus Hanoi: "Come back to Vietnam any time, my dear." Wie schön! Aber nicht ungewöhnlich. Laut Website hat Couchsurfing bereits 1,37 Millionen Freundschaften geschaffen. Mal sehen, wer so alles bei mir aufkreuzt, wenn ich zurück bin.

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