Couchsurfing in Asien Familienmitglied per Internet

Freunde in der Ferne: In Vietnam, Kambodscha und Nepal ging Lena Greiner per Internet auf die Suche nach Gratis-Unterkünften. Sie nahm kratzige Sofas und kaputte Stromleitungen in Kauf - und erlebte unglaubliche Gastfreundschaft fernab der Touristenfallen.


Es ist bereits dunkel, als ich mit dem Bus in der Sechs-Millionen-Metropole Ho-Tschi-Minh-Stadt, ehemals Saigon, im Süden Vietnams ankomme. Meine Hand umklammert den Zettel mit der Adresse einer Vietnamesin namens Hong, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Vor einigen Tagen habe ich ihr eine Mail geschrieben und sie gefragt, ob ich für zwei Nächte bei ihr wohnen dürfe - ich darf.

Auf der Internet-Seite www.couchsurfing.org bieten sich über eine Million Sofa-Surfer aus der ganzen Welt gegenseitig Schlafplätze an. Die Couch von Manfred aus Bayern ist ebenso darunter wie das Sofa in einer antarktischen Forschungsstation, eine Hängematte in Mosambik oder eine Koje auf dem Segelboot eines gewissen Captain Peppers in Florida. Auch Angebote aus dem Gaza-Streifen sind dabei.

In Shorts und ärmellosem Shirt öffnet Hong die Tür und sagt diesen einen Satz, der sich anfühlt wie Nach-Hause-Kommen, nur eben am anderen Ende der Welt: "Du musst müde sein, magst du duschen und etwas essen?"

Die 30-Jährige wohnt in einem Eineinhalbzimmer-Apartment. Im Bücherregal stehen Bücher wie "Das Ende der Armut" neben der "South Beach Diät" und dem Ratgeber "Europe for Dummies". Eine Yoga-Matte liegt herum, über dem Bett hängt, als Poster, "Der Kuss" von Gustav Klimt. Die Couch - heute Nacht meine Couch! - steht keine zwei Meter von Hongs Bett entfernt.

Wir essen Glasnudeln mit Sesamkernen und Meeresfrüchten, trinken französischen Weißwein und erzählen uns unser Leben in Kurzform. Hong ist das jüngste von sechs Geschwistern und die Einzige, die studiert hat. Sie verließ Vietnam mit einem Stipendium für Cornell, eine amerikanische Ivy-League-Universität, und kam zurück, um für ihre Doktorarbeit in Ethnologie zu recherchieren.

Die Idee, fremde Reisende aufzunehmen, hat sie aus den USA mitgebracht. Hong selbst hat bereits in Kanada, New York, auf den Philippinen und in Hawaii auf fremden Sofas übernachtet und ist von dem Konzept begeistert: "Alle Menschen, die ich über diesen Weg kennengelernt habe, haben mein Leben bereichert."

Angst vor unangenehmen Gästen hat sie nicht: "Natürlich besteht die Möglichkeit, dass ein Couchsurfer in Wahrheit ein Serienkiller ist, aber das ist doch sehr unwahrscheinlich, oder?", fragt sie und lacht. Beruhigt schlafe ich ein auf dem kratzigen grünen Sofa, das eigentlich nur aus drei zusammengeschobenen Sesseln besteht, die sofort auseinanderrücken, wenn ich mich nur sachte bewege. Am nächsten Morgen drückt Hong mir einen Stadtplan in die Hand und nimmt mich auf ihrem Motorrad mit ins Zentrum. Abends, vorm Einschlafen, kichern wir im Dunkeln wie Teenager. "Bleib doch noch länger", sagt Hong.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.