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Iran: Reisen im Reich der Mullahs

Foto: Christian Richter

Couchsurfing in Iran Herzlichkeit und Horror

Iraner zählen zu den gastfreundlichsten Menschen der Erde. Über das Internetportal Couchsurfing laden sie Reisende zu sich nach Hause ein - und riskieren Ärger mit der Staatsgewalt. Drei Begegnungen in einem unterschätzten Reiseland.
Von Christian Richter

In den nächsten Zeilen geht es um Menschen, die gastfreundlich, unternehmungslustig und kritisch sind. Sie tun Dinge, die nach Auffassung ihres Staates gegen Gesetze verstoßen. Um sie zu schützen, wurden sämtliche Namen geändert.

Niloufar

Um fünf Uhr morgens landet mein Flieger in Teheran, um 7.30 Uhr steige ich am Darband Square im Norden der Stadt aus dem Taxi und begrüße eine Gruppe fröhlicher Wanderer. Über das Online-Reiseportal Couchsurfing haben sie eine Bergtour organisiert, Nasser, Reza und Niloufar, zwei Männer und eine Frau.

Wir sind noch keinen Kilometer gelaufen zwischen Restaurants und Shisha-Bars mit bunten Markisen, da reden wir schon über Politik. Ich erfahre, dass einige den Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad Mahmuti nennen, was so viel heißt wie "Mammut" oder "Trottel". Die drei sind besorgt über das negative Bild, das durch ihre Regierung im Ausland entsteht, auch nach der Wahl am kommenden Freitag erwarten sie kaum eine Verbesserung. "Die Leute glauben, bei uns wartet an jeder Ecke ein Terrorist, was natürlich völliger Unsinn ist", sagt die 31-jährige Niloufar.

Die folgende Diskussion über die politischen Eigenheiten unserer Heimatländer mündet in der charmanten Idee, dass wir mal für ein paar Wochen unsere Regierungschefs tauschen sollten. Bundeskanzler Ali Chamenei würde im Eilverfahren jede Menge religiöse Feiertage einführen, die Deutschen müssten nicht mehr so viel arbeiten. Und Merkel als iranische Revolutionsführerin würde mal ein bisschen Zug in die Wirtschaft bringen und was für die Frauen tun.

Letzteres ist bitter nötig. Niloufar ist plötzlich nicht mehr zum Scherzen zumute, als sie bei einer Rast an einem Schneefeld auf 2700 Meter Höhe über die Nachteile ihrer Geschlechtsgenossinen redet. In Iran hat die Aussage einer Frau vor Gericht nur halb so viel Gewicht wie die eines Mannes. Das Schmerzensgeld, das einem Mann zusteht, wenn er durch einen Unfall zeugungsunfähig wird, ist höher, als wenn eine Frau ihr Leben verliert.

Und die Gesetze sind erheblich strenger für Frauen, allein heute bricht Niloufar mindestens vier. Sie nimmt draußen ihr Kopftuch ab (verboten), singt (verboten), später im Auto raucht sie eine Zigarette (für Frauen in der Öffentlichkeit verboten). Und sie lässt Gäste bei ihrer Familie schlafen, die sie im Internet bei Couchsurfing  kennenlernt, in meinem Fall sogar einen männlichen (streng verboten).

Karim

Wir sitzen im Kellerraum einer spartanisch eingerichteten Shisha-Bar in Tabris im Nordwesten Irans. Apfel-Minz-Tabakrauch steigt zur Decke, der Heizlüfter brummt, wir reden über Fußball und Rockmusik. Als aus dem übergroßen Lautsprecher ein melanchheroolischer persischer Schlager tönt, wird Karim plötzlich ernst. "Niemand ist glücklich hier", erzählt der 26-jährige Student. "Wir sind traurig und depressiv, aber nach außen zeigt keiner was." Sein größtes Ziel im Leben: rauskommen. Am liebsten in die USA, wo seine Lieblingsband Linkin Park herkommt. An der Purdue University in Indiana will er sich um ein Stipendium bewerben, für einen Master als IT-Ingenieur.

Wenn er die Sprache könnte, würde er es auch in Deutschland versuchen, er mag Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, bewundert das Land für seine Effizienz und Gastfreundlichkeit.

Gastfreundlichkeit? Da können wir nun wirklich nicht mit den Iranern mithalten, erwidere ich. Obwohl niemand Ärger mit der Staatsgewalt riskiert, wenn er Gäste bei sich aufnimmt. "Bei uns lädt keiner Menschen auf der Straße zum Tee oder Abendessen ein, nur weil sie ausländisch aussehen", sage ich. In Iran dagegen passiert das ständig, man erlebt eine Herzlichkeit, die einen leicht vergessen lässt, wie schwer es die Menschen unter der Gewaltherrschaft der Mullahs haben.

Herzlichkeit und Horror, die gleichzeitige Allgegenwärtigkeit von beidem ist für westliche Besucher schwer zu begreifen. "Wir leben in einem System der Angst, wo einem für Sex vor der Ehe die Todesstrafe droht", sagt Karim. In seinem Zimmer erinnert ein rosa Plüschhase mit der Aufschrift "I love you" an seine Ex. Er kann mit diesem System nichts anfangen, hat keinen einzigen Freund, der streng muslimisch lebt. Seine Eltern allerdings seien sehr konservativ, die dürfen nicht erfahren, dass er raucht und Alkohol trinkt.

Ab und zu kauft er eine Flasche Smirnoff-Wodka oder Black&White-Whisky bei seinem Dealer, noch lieber mag er Rotwein. Den trinkt er dann mit drei Freunden aus Schnapsgläsern, eine Flasche ergibt sechs Shots für jeden. Dann schnell weg mit der Flasche, bloß keine Spuren hinterlassen. Was passiert, wenn ihr erwischt werdet? "Darüber denken wir lieber nicht nach", sagt Karim.

Samira

Ethanol mit Orangensaft, das schmeckt wie in Benzin aufgelöste Nimm-2-Bonbons. 70 Prozent Alkohol, ein Teufelszeug. Hoffentlich keine gepanschte Ware, davon kann man blind werden oder sogar sterben. "Keine Angst, das ist gute Qualität für Krankenhäuser, wir haben schon die halbe Flasche überlebt", sagt die 19-jährige Samira. Wir legen Decken auf den Boden ihrer Studentenbude in einer Kleinstadt im iranischen Kurdistan und gucken auf dem Laptop amerikanische Horrorfilme.

Iran hat sensationelle Sehenswürdigkeiten. Die Poeten-Denkmäler und Gärten von Schiras, die Oasen-Idylle in Jasd, die Moscheen von Isfahan. Stand alles auf meinem Reiseplan. Aber dann kamen mir viele Begegnungen mit wunderbaren Menschen dazwischen, deren Geschichten viel interessanter sind als die, von denen historische Steinmauern erzählen.

Gestern habe ich meinen Flug nach Isfahan storniert, um mit Samira und ihrer Schwester spontan ein paar Tage durch den Westen Irans zu reisen. Das Ersatz-Kulturprogramm besteht aus "The Exorcist" und Longdrinks aus der Hölle, aber vermutlich ist das ein authentischeres Reiseerlebnis als jede Besichtigungstour.

Natürlich besichtigen wir auch die Umgebung. Am nächsten Tag schlendern wir durch den Basar mit seinen eleganten Kapitellen. Messerschmiede hämmern, Stoffhändler verscherbeln Tarnfarbenjacken der Revolutionsgarden, zahllose Stände bieten Goldschmuck und Gewürze an. "Da hinten gibt es ein paar Händler, die nur Diebesgut verkaufen", sagt Samira und deutet in einen offenen Innenhof. "Aber geh lieber nicht zu nah ran, da liegen Spritzen von Heroinsüchtigen auf dem Boden." Nur wenige Meter trennen orientalische Marktplatz-Romantik und soziales Elend.

Samira will so schnell wie möglich weg aus Iran, will Spaß haben, Freiheiten genießen, Partys feiern. "Fast alle meine Freunde leben schon im Ausland, die sind entweder reich oder waren besonders gut in der Schule", sagt sie und grinst: "Bei mir trifft weder das eine noch das andere zu." Sie hofft trotzdem auf ein Uni-Stipendium. "Ich will nach Europa, irgendwie", sagt Samira.

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