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13. Januar 2010, 06:14 Uhr

Couchsurfing

Sofakunde auf Japanisch

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Weltweit bieten Couchsurfer kostenlose Unterkünfte im Internet an, in Japan verstoßen sie damit gegen gesellschaftliche Normen. Das Misstrauen gegen Online-Bekanntschaften ist groß - und viele Besucher aus der Fremde tapsen von einem Knigge-Fettnäpfchen ins nächste.

Kyoko hat ständig Besuch. In ihrer kleinen Dreizimmerwohnung in der Nähe der Bahnhaltestelle Ueno im Nordosten Tokios bringt die 32-Jährige ihre Gäste auf einer Wohnzimmercouch, auf dem Boden oder in einem kleinen Extra-Schlafzimmer mit Futon unter. Die Besucher aus Schweden, Singapur, Australien, Brasilien, Kanada und vielen anderen Ländern sieht die Bilanzbuchhalterin aus Tokio zum ersten Mal, wenn sie auf der Türschwelle stehen. Denn sie bietet eine kostenlose Bleibe im Internet-Reiseportal Couchsurfing.com an.

"Einige meiner besten Freunde habe ich so kennen gelernt", erzählt Kyoko. Sie trägt ein buntes Blumenkleid und bereitet in der Kochnische Toast mit heißem Apfelbrei und Hagebuttentee vor. An der Wand hängen indonesische Holzmasken neben einem rosa Kimono.

In Taiwan, Guam und Vietnam machte Kyoko Gegenbesuche bei früheren Gästen. Obwohl sie ständig Fremde zu sich einlädt, ist sie auf eigenen Reisen überraschend vorsichtig. "Ich traue mich nicht, selber zuerst Leute anzuschreiben", gibt Kyoko zu.

In westlichen Ländern hat sich "Couchsurfen" längst als neue Reiseform der Backpacker-Szene etabliert - mehr als 1,6 Millionen Mitglieder des Portals organisieren sich Gratis-Unterkünfte und Begegnungen mit Ortskundigen über das Internet. Die meisten sind zwischen 18 und 35 Jahre alt, 79 Prozent der Couchsurfer leben in Europa oder Nordamerika.

Unverschämt trifft mega-höflich

In Japan dagegen gibt es nicht viele einheimische Gastgeber wie Kyoko. Im Vergleich zu anderen großen Industriestaaten ist die Zahl von 2700 Mitgliedern, die ein Sofa oder Futon für Gäste anbieten, ziemlich mickrig, ein Großteil davon sind zudem gaijin - Ausländer. Das liegt nicht nur daran, dass die meisten Japaner unter 35 noch bei ihren Eltern leben. Mit dem Berufsalltag und auch mit den strengen gesellschaftlichen Normen des Landes ist diese Art der Gastfreundlichkeit schwer vereinbar.

"Japaner haben große Angst davor, fremde Leute kennen zu lernen", sagt Fumi aus Tokio. Normalerweise werden neue Kontakte über gemeinsame Freunde geknüpft. Fumi selbst hat diese Angst nicht: Die 25-Jährige organisiert in der Hauptstadt Restaurantbesuche und Kochabende mit Couchsurfern und führt Besucher durch die Nachtclubs des Ausgehviertels Roppongi. Bei solchen Treffen erlebt sie immer wieder Missverständnisse. "Manche Ausländer sind verdammt unverschämt im Vergleich zu den übermäßig höflichen Japanern", sagt Fumi.

Es ist hier nun einmal nicht üblich, direkt Kritik zu äußern oder Wünsche der Gäste abzuschlagen. So etwas deutet man hier viel vorsichtiger und meist mit einem freundlichen Lächeln an, vielen Besuchern fehlt die Antenne für die Zwischentöne und Feinheiten der Kommunikation. "Die Gastgeber sagen nicht, wenn sie etwas nervt, weil sie zu höflich sind", sagt Fumi. Und so merken manche Besucher gar nicht, wie sie von einem Benimm-Fettnäpfchen ins nächste stolpern.

Sie kommen ohne Entschuldigung zu spät, tapsen mit Straßenschuhen ins Zimmer, statt in die Hauspantoffeln zu wechseln, denken nicht an das kleinste Mitbringsel - allesamt Dinge, die kein japanischer Gast wagen würde. "Japaner sind extrem gastfreundlich und kümmern sich rührend um Besucher, aber manche Couchsurfer nehmen das nicht an und wollen nur einen Gratis-Schlafplatz", sagt Fumi.

Vielen Ausländern ist zum Beispiel nicht klar, wie wichtig für die Japaner Pünktlichkeit ist. Kyoko etwa hat nur zehn Urlaubstage im Jahr, arbeitet oft an Wochenenden und bis in die späten Abendstunden, da ist jede freie Minute enorm kostbar. Wenn nun ein europäischer Rucksacktourist monatelang durch Asien reist, weil er gerade Semesterferien hat, lebt er mit seinem Übermaß an Freizeit in einer völlig anderen Welt. "Die meisten Japaner sind einfach zu beschäftigt, um lange auf andere zu warten oder Freizeit für egoistische Reisende zu opfern", sagt Fumi.

Ferien im Couchsurfing House

Viel beschäftigt ist auch der 46-jährige Immobilienunternehmer Shoji, der in Rokujizo, einem Vorort von Kyoto, eine leerstehende Wohnung komplett für Besucher zur Verfügung stellt. "CouchSurfing House" steht am Eingang, drinnen ist auf zwei Stockwerken Platz für bis zu zehn Gäste, eng gedrängt auch mehr, die nebeneinander auf Tatami-Matten und Matratzen schlafen können.

Shoji wohnt direkt gegenüber und schaut nur ab und zu abends nach der Arbeit in der Wohnung vorbei. Die Wände sind mit vielfarbigen Filzstift-Dankesnachrichten und Zeichnungen von Gästen aus Dutzenden Ländern verziert. "Irgendwann mache ich eine Weltreise mit meiner Moto Guzzi, und dann werde ich alle besuchen, die hier waren", sagt Shoji.

Er breitet einen Stadtplan vor den gaijins aus Spanien, Australien, Rumänien, Österreich und Deutschland aus und erklärt, wo die schönsten Tempel der Stadt sind. In seinem eigenen Tempel der Gastfreundschaft fühlt sich Shoji sichtlich wohl in der internationalen Runde, aufmerksam lauscht er Ken und Shelley aus Adelaide, die von Flussfahrten auf dem Mekong und Motorrad-Touren in Kambodscha erzählen.

Als Mann hat es Shoji leichter als viele Japanerinnen, sich bei Couchsurfing als perfekter Gastgeber zu präsentieren. Denn als Frau ist es gesellschaftlich verpönt, männliche Besucher zu Hause aufzunehmen. Das wäre selbst unter besten Freunden nicht angebracht, bei Internet-Bekanntschaften wäre es ein Skandal. "Ich bin Apothekerin, keine Prostituierte", antwortet etwa Rie aus Tokio, wenn man(n) vorsichtig nachfragt, ob ein Schlafplatz zur Verfügung steht. Sie nimmt nur weibliche Gäste auf.

Ein Treffen mit ihr dagegen ist möglich, aber an Bedingungen geknüpft: "Du darfst meinen Freunden nichts von Couchsurfing erzählen", bittet sie. "Gib dich lieber als Studienfreund von Stan aus den USA aus, der war letztes Jahr hier - dann ist das schon okay." Stan ist in Wahrheit auch Couchsurfer. Er stellte sich damals ihren Freunden als Mitarbeiter einer Non-Profit-Organisation vor.

Dreadlocks und Indianerfedern

Kyoko hat diese Bedenken nicht mehr. Sie schaut sich die Profile der Leute sehr genau an, bevor sie jemanden einlädt, achtet darauf, ob jemand positive Bewertungen von anderen Sofasurfern hat. Viele ihrer Freunde reisen selbst viel, manche sind ebenfalls Couchsurfer, und sie haben sich daran gewöhnt, dass sie häufig Besucher mitbringt. Bisher hatte sie etwa 80 Couchsurfer zu Besuch, einmal schliefen fünf gleichzeitig auf Futon, Sofa und Boden.

Heute übernachtet hier Mathieu aus Frankreich, ein Zwei-Meter-Riese mit Dreadlocks, Indianerfeder im Haar und Bärenzahn-Kette. Auf seinem Sweatshirt ist eine vielarmige indische Gottheit abgebildet, barfuß sitzt er auf Kyokos Blumenmuster-Sofa. Der 32-jährige Anthropologe tourte per Anhalter durch Europa und Asien und lebte eineinhalb Jahr in Equador bei Angehörigen des Guaymi-Stammes. Jetzt will er in Japan für ein paar Jahre in einem Tempel sesshaft werden und von einem Meister lernen, wie man japanische Schwerter schmiedet. "Schwerter haben eine Seele", ist Mathieu überzeugt, seine raue Stimme ist um einiges lauter als die der Japanerin.

Auch wenn beide gleich alt und beide farbenfroh gekleidet sind, der Kontrast zwischen Mathieu und der zierlichen Buchhalterin Kyoko könnte kaum größer sein. Ohne Couchsurfing wären sie sich wohl niemals über den Weg gelaufen.

Ob sie jemals einen wirklich unangenehmen Besucher hatte? "Nur einmal - ein Typ, der eine ziemlich arrogante Art hatte. Aber er blieb zum Glück nur eine Nacht", sagt Kyoko. "Und Freunde von mir haben erlebt, dass Gäste einfach nicht kamen, obwohl sie vorher zugesagt hatten." Deshalb bittet Kyoko jeden Gast vorher, mehrfach zu bestätigen, dass er wirklich zum vereinbarten Termin kommt.

Auf die Frage, wer ihr verrücktester Couchsurfer bisher war, muss sie nicht lange nachdenken. "Der da", sagt sie, grinst breit und deutet auf Mathieu.

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