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Dawson City: Goldrausch am Yukon

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Dawson City am Yukon "Die Gier nach Gold, die bleibt"

Dawson City in der Einöde Kanadas war einst das Sehnsuchtsziel von Jack London. Wie ihn zog es Tausende Glücksritter über eisige Pässe und wilde Flüsse. 120 Jahre danach sind es Touristen, die einen Goldrausch erleben.
Von Sven Schneider

Dawson City ist ein Mythos. Und schwer gezeichnet. Der legendäre Klondike-Goldrausch, der 1896 begann, hat die Region verschandelt. Und doch: Jeder der gerade mal 1400 Einwohner ist stolz auf den Fund des Einheimischen Skookum Jim, der damals mehr als 100.000 Glücksritter aus der ganzen Welt anlockte.

Am Feiertag Discovery Day, am 16. August, steht die Stadt Kopf. "Warum auch nicht?", meint Justin Millar, dessen Familie rund 70 Claims besitzt. Schließlich bilde dieser Fund ja auch die Lebensgrundlage der ganzen Region.

Bis zum heutigen Tag wurden rund um die beiden Flüsse Klondike und Yukon fast 600 Tonnen Gold gefunden - ein Milliardenwert. Alleine in Dawson fördern die Nachfolger der damaligen Stampeders jährlich etwa 45.000 Feinunzen Gold zu Tage, umgerechnet etwa 70 Millionen Dollar schwer. Für Millar ist ein solcher Reichtum aber nur ein Traum. Die knapp 140.000 kanadischen Dollar (97.000 Euro), die die Claims der Familie jährlich abwerfen, reichen gerade mal, um Maschinen und Arbeiter zu bezahlen sowie die Schürfrechte jährlich zu erneuern.

"Da ist der Tourismus für uns lukrativer", sagt der 27-Jährige, der mit Cowboyhut, schweren Stiefeln und verdreckter Jeans Besucher am Goldfeld Gold Bottom Creek am Ende der Hunker Road begrüßt. Sie können im nahen Bachbett mit einer alten Pfanne Kiesel waschen und der Geschichte des Familienunternehmens lauschen. Vor allem von seinem Großvater erzählt Millar gerne - denn der "hatte es geschafft". Als Beweis zieht er ein walnussgroßes Nugget an einer Kette unter seinem T-Shirt hervor.

Kein einfaches, aber ein schnelles Leben

Dieses Geschenk seines Opas sei über 10.000 Dollar wert - doch mehr habe Len Millar auch nicht hinterlassen. Über Nacht zu Millionären geworden, reisten er und seine Frau in der ersten Klasse um die Welt und verprassten ihr Vermögen. Krumm nimmt der Enkel seinem Ahnen das nicht: Wer hier etwas findet, gibt es nun mal umgehend wieder aus. "Work hard, play hard", sagt Millar. Es sei kein einfaches, aber ein schnelles Leben.

Justin Millar

Justin Millar

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Dawson City sieht man diese Haltung nicht an. Keine Glitzerfassaden zieren die sich gerade mal auf acht Blocks erstreckende Stadt. Die Straßen sind nicht asphaltiert - es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie Pick-ups und Ausflugsbusse bei Regen im Morast versinken. Casinos und sonstige Spielhöllen, in dem glückliche Digger ihre bescheidene Barschaft auf den Kopf hauen, fehlen ebenso.

Gut, es gibt Diamond Tooth Gertie's Gambling Hall, jene in den Siebzigern gegründete Nachahmung eines historischen Saloons, in dem Cancan-Girls dreimal am Abend eine akrobatische Show liefern und vorwiegend ältere Touristen aus den USA ein paar Dollars verzocken. "Die Einheimischen", sagt Helen Winton vom Jack London Museum an der Ecke Firth Street/Eighth Avenue, "gehen dort nicht hin."

Über 1500 Eisstufen über den Pass

Seit gut 15 Jahren arbeitet die Mittfünfzigerin in der modernen Blockhütte, die der typischen Behausung aus der Zeit des Goldrausches nachempfunden ist. "Er mag ja ein erfolgreicher Autor gewesen sein", sagt Winton - Londons Werke "Wolfsblut" und "Ruf der Wildnis" stehen in Kinderzimmern rund um den Globus. "Als Goldsucher aber hatte er kein Glück."

Wie fast alle anderen Stampeders, wie die Goldsucher genannt wurden, landete London, von San Francisco kommend, per Schiff in Skagway in Alaska. Nun lagen zwischen ihm und den Goldfeldern am Yukon die bis zu 4000 Meter hohen Coast Mountains. Nur zwei Pässe führten einst darüber hinweg. Jack London wählte den berüchtigten Chilkoot Pass: ein Pfad, bei dem die Stampeders über 1500 ins Eis gehauene Stufen, die "Golden Stairs", nach oben klettern mussten.

Wer am Ende den Lake Bennett erreichte, sah sich bereits der nächsten Gefahr ausgesetzt: raffgierigen Geschäftsleuten. "Sie waren die Einzigen, die in dieser Zeit wirklich reich wurden", sagt Helen Winton. Lebensmittelhändler und Prostituierte, Kredithaie oder Zimmervermittler - so mancher zog den gebeutelten Glücksrittern in ihrer Not die letzte Münze aus der Tasche.

Unter ihnen auch ein Frederick Trump, ein Einwanderer aus Kallstadt im heutigen Rheinland-Pfalz - und Großvater des US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Sein luxuriöses Hotel Arctic am Ufer des Sees bot frisches Gemüse, Frauen und Whisky - zu wahnwitzigen Preisen. Nach gut einem Jahr schlossen die Behörden die Lasterhöhle des Deutschen. Der Grundstock des Trumpschen Familienvermögens war da allerdings bereits gelegt, der Geschäftsmann zog weiter.

Lockruf von Luxus und Reichtum

Jack London logierte nie im Arctic, erzählt Winton. Mit seiner "Belle of the Yukon" schipperte er bis nach Dawson und meldete dort einen Claim am nahen Stewart River an. Nach acht Monaten musste er den Traum vom Reichtum beerdigen. Halb verhungert und von Skorbut geschwächt, ohne Gold in den Taschen, verließ er den Yukon für immer. Auch die meisten anderen Goldsucher gaben auf und zogen 1899 ab, als in der Nähe des heutigen Nome im Westen Alaskas der nächste Goldfund publik wurde.

Und aus Dawson City wurde wieder das Provinznest, das es nur vier Jahre zuvor noch gewesen war und wo heute Touristen außerhalb der Stadt die sogenannten Dredges bestaunen: mehrfamilienhausgroße Bagger, die sich in die Landschaft fressen. "Waschpfannen nutzt heute niemand mehr", sagt Justin Millar vom Gold Bottom Creek.

Aber warum lässt er seine Besucher dann wertlose Kiesel waschen? "Nur so verstehen sie, was wir und unsere Vorväter hier machen und warum wir es tun", sagt er. Die meisten hätten eine eher romantische Vorstellung von der Goldwäscherei, "aber wenn sie umringt von Mücken in voller Mittagshitze im Fluss stehen, stundenlang suchen und dann nur Dreck und Steine finden, verfliegt dieser Glanz ganz schnell."

Doch nur ein kleines glitzerndes Krümelchen, und sie wollen alle weiter machen. "Denn die Gier nach Gold", berichtet Millar aus eigener Erfahrung, "die bleibt."

Sven Schneider ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise wurde unterstützt von Destination Canada/Travel Marketing Romberg/TMR.

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