Natalie Landolt auf Aruba: Verliebt in die Insel
Natalie Landolt auf Aruba: Verliebt in die Insel
Foto: Win Schumacher

Deutsche auf den Antillen Zuflucht unter Palmen

Die Karibik ist das Sehnsuchtsziel vieler – gerade in bewegten Zeiten. Einige Deutsche haben sich den Traum von einem Leben auf den Antillen erfüllt.
Von Winfried Schumacher

Ihr Handy klingelt erneut. »Entschuldige bitte! Mal wieder die Indonesier«, sagt Angie Soeffker. Es geht um einige Crew-Mitglieder eines Kreuzfahrtschiffs, die vor Kurzem positiv auf Corona getestet wurden. Jetzt warten sie in ihrer Hotelquarantäne auf der Antilleninsel St. Martin darauf, endlich ausfliegen zu dürfen.

Die gebürtige Hamburgerin beantwortet ihre Anfragen zu allen benötigten Papieren. Auch deutsche Kreuzfahrtgäste, die wegen einer Infektion von Bord mussten, betreut die 55-Jährige vor allem über WhatsApp. »Direkten Kontakt haben wir natürlich nicht, aber ich stelle ihnen auf Wunsch ihr Essen vor die Zimmertür im Hotel«, sagt Soeffker. »Die sind weit älter und auch anspruchsvoller als die Indonesier.«

Die Pandemie hat den Alltag von Angie Soeffker völlig durcheinander gewirbelt. Früher führte die Wahlinsulanerin gemeinsam mit ihrem Mann Thomas vor allem deutsche Touristen über St. Martin. Auf ihrem auf Deutsch und Englisch geführten Blog »Zauber der Karibik« und in den sozialen Medien informiert sie Urlauber und Einheimische über Ferien und Alltag auf den Antillen. Angie zog vor sieben Jahren »auf gut Glück«, so sagt sie, von Hamburg nach Saint-Martin und kehrte nie mehr nach Deutschland zurück.

Ihre neue Heimat ist die kleinste Insel der Welt, die eine internationale Grenze in zwei Länder teilt. Saint-Martin im Norden ist französisch und Teil der Europäischen Union. Für Deutsche und andere EU-Bürger gibt es daher kaum bürokratische Hürden, um sich hier länger niederzulassen oder gleich ganz auszuwandern. Weil im Süden in Sint Maarten als Überseeisches Land und Hoheitsgebiet der Niederlande nur eingeschränkt Europarecht gilt, leben dort außer Niederländern weit weniger andere Festlandeuropäer.

»Man kennt sich hier schnell«, sagt Soeffker. Sie schätzt, dass etwa 800 Deutsche auf der 87 Quadratkilometer großen Insel leben. Vorbei an bunten Häuschen und belebten Stränden ist sie gerade auf dem Weg von der französischen zur niederländischen Inselseite. Eben hat sie den hübschen Inselort Grand Case durchquert. Überall scheint längst der vorpandemische touristische Alltag zurück.

Als sie 2015 gemeinsam mit Thomas, einem Segler, auf die Insel zog, fühlte sich die Amerikanistin auf der im touristischen Alltag vorwiegend englischsprachigen Insel schnell zu Hause. »Ich habe Hamburg eigentlich nie vermisst«, sagt sie.

Selbst als der Hurrikan »Irma« am 6. September 2017 die ganze Insel schwer verwüstete, entschied Soeffker, mit ihrem Mann und einem ihrer zwei Söhne auf St. Martin zu bleiben. »Es war wie eine Nahtoderfahrung, die ich nicht mehr erleben möchte«, sagt sie. »Wenn ich darüber rede, bekomme ich noch immer eine Gänsehaut.«

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Von einem Tag auf den anderen war aus dem Paradies, in das sie ausgewandert war, ein Katastrophengebiet geworden. »Danach war alles kahl und braun. Die meisten Dächer waren weg.« Viele hatten noch zwei Monate danach keinen Strom und kein fließendes Wasser. »Wir haben uns aber gesagt: Wir können die Leute jetzt nicht einfach allein lassen. Wir möchten hier in guten wie in schlechten Zeiten bleiben.«

Noch immer sieht man auf der Insel die Sturmschäden. Neben frisch renovierten Hotels stehen auch heute noch Ruinen, die ihre vormaligen Besitzer aufgegeben haben. Einige ihrer Wände haben Künstler knallbunt übermalt. »Hier war nach ›Irma‹ gerade erst wieder touristische Normalität eingekehrt«, sagt Angie Soeffker, »dann kam Corona.«

An eine Rückkehr nach Deutschland habe sie aber auch da nicht gedacht. Gerade während der Pandemie sei sie über weitgehende Freiheiten glücklich, während in Deutschland viel härtere Alltagseinschränkungen galten. Nur ihre Söhne, die inzwischen beide in Hamburg leben und die sie seit Pandemiebeginn nicht mehr gesehen hat, vermisst sie sehr.

Auch Michael Rettenmaier hat auf St. Martin ein neues Zuhause gefunden. Der Oberbayer kam im Oktober 2021 auf die Insel, um als Gastronomieleiter des Luxusstrandresorts Belmond La Samanna in Saint Martin zu arbeiten. »Corona war dabei natürlich auch ein Faktor«, sagt der 29-Jährige, »in Deutschland hatten viele Hotels und Restaurants noch geschlossen, und dementsprechend wurde sehr wenig eingestellt.« Von der Hotelterrasse an seinem neuen Arbeitsplatz blickt er nun über Kokospalmwedel auf die weiße Plage Longue und das türkisfarbene Meer.

Dominica öffnete vorsichtiger als andere Karibikstaaten

Die Luzernerin Natalie Landolt fand ebenfalls während der Pandemie Zuflucht in der Karibik – auf Aruba. Die 23-jährige Touristikerin war im Oktober 2019 für einen Schweizer Veranstalter beruflich auf dem Eiland vor der Küste Venezuelas. »Ich habe mich einfach in die Insel verliebt«, sagt sie. Kurz darauf brachte sie ihre Eltern mit, die ebenfalls begeistert waren und sich Monate später dort ein Haus kauften.

»Ich hatte keine Lust mehr auf Lockdown und Homeoffice«, erzählt sie. »Hier geht das Leben jetzt einfach weiter. Irgendwann haben auf Aruba die Regeln ohnehin niemanden mehr interessiert.« Auf der Insel wurden aufgrund des starken Rückgangs der Infektionszahlen im Februar fast alle Einreisebeschränkungen für vollständig Geimpfte aufgehoben. Seit 19. März muss bei Einreise weder ein Impf- noch ein Testnachweis vorgelegt werden.

Einige karibische Länder wie etwa Dominica waren hingegen sehr viel vorsichtiger bei der Öffnung für den Tourismus. Die Insel zwischen den französischen Überseedepartements Guadeloupe und Martinique hatte sich lange weitgehend abgeschottet und bis Ende August 2021 keinen einzigen Coronatoten verzeichnet. Bis heute sind es 63. Auf den beiden einwohnerreicheren Nachbarinseln wird die Zahl der Verstorbenen mit einer Infektion mit 843 und 909 angegeben. Wohl auch aufgrund des touristischen Konkurrenzdrucks in der Karibik schaffte Dominica erst Anfang April PCR-Tests für Geimpfte ab.

»Ganz allmählich kommen die Touristen zurück«, sagt Annette Peyer-Lörner. »Wir hatten hier alles runtergefahren, was man eben runterfahren kann. Wenn kein Geld da ist, gibt man eben keines aus. Man muss irgendwie überleben.« Die Schweizerin aus Solothurn ist mit ihrem hessischen Mann Stefan 1997 nach Dominica ausgewandert und hat mit ihm das kleine Hotel Tamarind Tree aufgebaut.

»Dominica ist die einzige Insel der Karibik, auf der Ausländer noch immer relativ einfach Land kaufen können«, sagt Peyer-Lörner. Seit 2014 hat sie neben der schweizerischen auch die dominikanische Staatsbürgerschaft. »Ich bin jetzt hier zu Hause«, sagt sie. Die üppige Natur, die wilden Wanderwege, Wasserfällen und die spektakulären Tauchreviere der Insel bringen sie noch immer zum Schwärmen.

»Man sagt, Dominica wäre wohl die einzige Insel der Karibik, die Kolumbus wiedererkennen würde.« Sie hofft trotz der Einbußen, die die Pandemie mit sich brachte, dass der Tourismus sich hier nicht so explosionsartig entwickelt wie auf anderen Antilleninseln in den letzten Jahrzehnten.

Corona-Quarantäne in der Mietvilla

Auf der kleinen Insel Saint-Barthélemy südöstlich von St. Martin blickt Mareike Hermann auf die Anse du Gouverneur. Eine einzelne Jacht dümpelt in der Bucht. »Hier unten liegt die Villa von Roman Abramowitsch«, sagt die Berlinerin, »nur der Steg, den er dort eigentlich bauen wollte, wurde ihm nicht genehmigt.« Wie jedes Jahr zum Jahreswechsel fanden sich vor der Insel auch die Jachten einiger russischer Oligarchen ein. Sie ahnten wohl nicht, dass dies vorerst eine ihrer letzten Partys auf dem französischen Eiland gewesen sein dürfte.

Hermann kam als Touristikstudentin für ein Praktikum nach St. Barth und war auf Anhieb begeistert. Die heute 41-jährige Vertriebsleiterin lebt mit ihrem französischen Mann und elfjährigen Sohn auf der Insel und arbeitet seit 2005 für das Hotel Eden Rock – einer beliebten Adresse des internationalen Jetsets. Einst Zufluchtsort für Greta Garbo, die Rockefellers und Rothschilds gilt St. Barth heute als »Saint-Tropez der Karibik«.

Nach einer relativ kurzen Lockdown-Phase war St. Barth während der Pandemie ein beliebter Urlaubstreffpunkt für halb Hollywood und die Ultrareichen aus Miami und New York. »Viele Amerikaner, die sonst an der Côte d'Azur oder auf Capri sind«, sagt Hermann. Sie kamen mit ihren Privatflugzeugen oder mit dem Hubschrauber von ihren Jachten. »Auf der Jacht machste, was du willst«, sagt sie.

Im Inselhauptstädtchen Gustavia bummeln sie längst wieder wie gewohnt zwischen dem schicken Jachthafen, Designerläden und feinen Restaurants. Die Insel scheint die Pandemie längst hinter sich gelassen zu haben. »Ja, auch wir hatten ein paar Fälle im Hotel«, sagt Mareike. Die Gäste hätten für ihre Quarantäne eben eine eigene Villa gemietet. Kosten der berühmten Villa Rockstar mit 20-Meter-Pool, Chef- und Butler-Service: ab 15.000 Dollar pro Nacht. Wer es sich leisten kann, muss auf St. Barth auch keine unerwarteten Testergebnisse fürchten.