Tödlicher Andrang am Mount Everest "Wer spart, geht mit der Masse"

Amical alpin ist der einzige deutsche Veranstalter, der Touren zum Everest-Gipfel anbietet. Inhaber Dominik Müller über die Gründe für die Massenaufstiege und darüber, wie wenige schlechte Bergsteiger alle in Gefahr bringen.

Phunjo LAMA/ AFP

Ein Interview von Oliver Schulz


SPIEGEL ONLINE: Herr Müller, seit Jahren kommt es immer wieder zu einem gefährlichen Massenandrang am Mount Everest. Jetzt sind erneut elf Menschen dort gestorben, manche davon offenbar im Stau unter dem Gipfel. Wie konnte es dazu kommen?

Müller: Dort sind einfach zu viele Leute unterwegs, die technisch nicht versiert sind. Sie sind nicht geübt darin, zum Beispiel am Fixseil über eine Leiter zu gehen, die über eine Gletscherspalte gespannt wird, oder sich sicher in einer Eisflanke zu bewegen. Es kommt also zu Verzögerungen und dadurch zum Stau auf der Route und am Gipfelgrat. Leidtragende sind nicht nur die Ungeübten, sondern alle, auch die Sherpa und die Bergführer.

SPIEGEL ONLINE: Das optimale Zeitfenster, um den Everest von der Südseite aus zu besteigen, beträgt nur wenige Tage im Mai. War es dieses Jahr besonders klein?

Müller: Nein, das Problem ist ein anderes. Zuverlässige Wetterdaten kosten Geld. Auf der Südseite sind viele Expeditionen unterwegs, die günstige Touren anbieten, daher an der Sicherheit sparen und unter anderem auf solche Daten verzichten. Wer spart, geht mit der Masse. Die Expeditionen sprechen sich ab und brechen zusammen auf, dadurch sind dann Hunderte Menschen gleichzeitig unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich das vermeiden?

Müller: Mit guter Organisation, Planung und entsprechenden Wetterdaten können Sie auch antizyklisch gehen. Zum Beispiel hat die französische Bergsteigerin Elisabeth Revol ein paar Tage vor den Unfällen den Gipfel ohne Sauerstoff erreicht. Ich selbst war am 16. Mai 2017 fast allein für eine Stunde auf dem Gipfel.

Zur Person
  • Amica alpin
    Dominik Müller, geboren 1971, ist Inhaber des Expeditionsveranstalters Amical alpin mit Sitz in Oberstdorf.Er ist Vorstandmitglied im Deutschen Bergführerverband und hat bereits alle Seven Summits mit Kunden bestiegen.
  • Webseite Amical alpin

SPIEGEL ONLINE: Mit Amical alpin bieten Sie die Besteigung des Everest von der Nordseite in Tibet und nicht von der Südseite in Nepal an. Warum?

Müller: Wir haben uns 2014 nach dem Unglück am Everest, bei dem 16 nepalesische Sherpa starben, entschieden, nicht mehr von Süden zu gehen. Die Gefahren durch Gletscherbewegungen sind auf der Route gestiegen, der Eisschlag hat zugenommen. Außerdem sind an Gipfeltagen auf der Südseite deutlich mehr Leute unterwegs.

SPIEGEL ONLINE: Davon seien viele ungeübt, sagen Sie. Woran merken Sie das?

Müller: Ich habe im Basislager des Everest einen Mann gesehen, der vor seinem Zelt saß und sich die Steigeisen falsch herum anzog. Am höchsten Berg der Welt! Einer eigentlich lebensfeindlichen Gegend. Ich habe Leute gesehen, denen der Bergführer die Schuhe angezogen hat. Dieses Jahr kursierte ein Bild von einer Everest-Expedition im Internet, das einen Teilnehmer zeigte, der den Helm falsch herum trug. Man fragt sich dann natürlich schon, was machen diese Leute hier?

SPIEGEL ONLINE: Sie sind derzeit der einzige deutsche Anbieter am Everest. Was kostet eine Tour bei Ihnen?

Müller: 55.000 bis 66.000 Euro. Damit liegen wir preislich im Mittelfeld der Angebote. Auf der Südseite gibt es Touren, die zwischen 35.000 und 120.000 Euro für VIP-Touren kosten. Da werden Sie bei schlechtem Wetter mit dem Helikopter nach Kathmandu geflogen, um eine Schlechtwetterphase zu überbrücken. Die Leute sagen dann: "Ich gebe dir viel Geld, dafür bringst du mich auf den Gipfel" - und der Druck auf die Führer steigt.

SPIEGEL ONLINE: Und warum machen diese Menschen das?

Müller: Das ist schwer zu beantworten. Vielleicht weil es hip ist, weil sie zu Hause etwas erzählen können. Davon abgesehen, wird Höhenbergsteigen in der Gesellschaft nicht mehr als etwas Extremes wahrgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum machen Sie als Veranstalter das? Ist es das Geld?

Müller: Sicherlich lebe ich davon, das ist mein Beruf und gleichzeitig mein Hobby. Ich bin staatlich geprüfter Bergführer. Es macht mich glücklich, wenn ich die strahlenden Gesichter der Teilnehmer sehe, die ich den Berg hinaufgebracht habe - egal ob in den Alpen oder eben an den hohen Bergen der Welt. Reich wird man davon übrigens nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist der wesentliche Unterschied zwischen Nord- und Südseite?

Müller: Auf der Nordseite dürfen einfach weniger Menschen rauf. Die chinesische Regierung stellt pro Saison nur 300 Permits aus. Dieses Jahr waren knapp 140 Bergsteiger dort. Die Permits dort sind teurer, die Logistik ist kostspieliger und aufwendiger, weil es drei Basiscamps gibt. Die Behörden prüfen, ob Menschen gesundheitlich geeignet sind und so weiter. Sie lassen zum Beispiel auch keine Amputierten oder Blinden hinauf.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nicht seit 2017 auch in Nepal ähnliche Einschränkungen?

Müller: Ja, es wurden in einer Blitzaktion Beschränkungen etwa für Blinde erlassen, aber im nächsten Jahr wieder zurückgenommen. In Nepal wird viel diskutiert und wenig umgesetzt, es gibt viele Beteiligte und keine klare Linie. Deshalb gibt es auch keine Beschränkung der Permits am Everest.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste sich in Nepal ändern, damit Todesfälle am Everest vermieden werden können?

Müller: Ich würde sagen, man müsste die Zahl der Permits begrenzen. Gleichzeitig müsste man die bergsteigerischen Fähigkeiten der Teilnehmer hinterfragen. Haben die schon einmal einen Siebentausender oder einen niedrigen Achttausender bestiegen? Denn es sind einige wenige, die den gesamten Fluss auf der Route und am Gipfelgrat aufhalten. Die trauen sich nicht einmal einen Schritt aus der Spur, um jemanden vorbeizulassen. Dann könnte man da oben vielleicht zwei Fixseile legen, eines für den Auf- und eines für den Abstieg.

SPIEGEL ONLINE: Der Everest gilt als vermüllt, besonders das nepalesische Basiscamp im Süden auf 5400 Meter Höhe. Hat sich daran etwas geändert?

Müller: Auf der Nordseite in Tibet mussten wir den Müll schon 2017 trennen. Es gibt einen Pfand für jede Flasche und jede Kartusche, die wir mit hochnehmen, und der ist höher als der Wert des Gefäßes selbst. Der Müll wird mit Yaks von den Camps zur Straße transportiert und dann nach Lhasa abgefahren. Auf der Südseite gibt es zwar ein Umdenken, in der Khumbu-Region unterhalb des Everest gibt es immer mehr Mülleimer und jedes Everest-Team muss eine Müllkaution hinterlegen. Aber es gibt noch kein System, was wirklich funktioniert..

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn Sie auf der weniger frequentierten Nordseite unterwegs sind: Befeuern Sie mit ihrem Angebot nicht die gesamte Entwicklung eines aus dem Ruder laufenden internationalen Hochgebirgstourismus? Wäre es nicht besser, es ganz sein zu lassen?

Müller: Das ist schon eine berechtigte Frage. Wir sprechen viel darüber, mit Kollegen, im Büro. Aber ich sage: Wir kommunizieren den Kunden ehrlich, was auf sie zukommt. Wir lehnen Leute ab, wenn sie nicht die nötige Erfahrung mitbringen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Müller: Zwei Ärzte haben mal bei mir angefragt, die hatten zuvor nur den Kilimandscharo bestiegen. Ich habe gesagt: Ihr braucht drei, vier Jahre Zeit, ihr müsst euch vorbereiten, Erfahrungen sammeln, und wir machen einen Aufbauplan. Denn es geht ja nicht nur um bergsteigerisches Können, sondern auch wie der Körper mit der Situation da oben zurechtkommt. Aber die beiden hatten nur ein Jahr Zeit und haben mich gedrängt, es irgendwie zu organisieren. Ich habe abgelehnt. In der nächsten Saison sind sie dann mit einem anderen Anbieter gegangen, und einer von ihnen ist am Everest gestorben.

Im Video: Das Mount Everest-Problem

dbate


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