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07. Februar 2007, 06:11 Uhr

Dominikanische Republik

Öko-Urlaub für Kaltduscher

Von Kai Schächtele

Abseits der All-Inclusive-Clubanlagen der Dominikanischen Republik bietet ein Aussteiger Abenteuerurlaub in unberührter Natur an. Viele Einheimische bekamen bei ihm einen Job – trotzdem erntet der Öko-Unternehmer wenig Verständnis vom Bürgermeister.

So hat sich der Mann wahrscheinlich sein Leben vorgestellt, als er in Österreich aufgebrochen war, um sich in der Fremde seine neue Existenz zusammenzuzimmern: Rudi Baumer sitzt auf seiner Terrasse, es ist tiefe Nacht, im Hintergrund plätschert der Fluss Rio Nizao vorbei, auf dem Schoß sitzt eine Katze, der er ausgiebig den Nacken krault.

"Mei Altersvorsorge? Dös is mei Altervorsorge!", sagt er und zeigt in Richtung der Schlafräume, wo sich seine Gäste längst zur Ruhe gelegt haben. Er nimmt einen Schluck dominikanischen Rum und grinst milde vor sich hin. Hier, mitten in den Bergen der Dominikanischen Republik, hat sich Baumer ein kleines Paradies geschaffen. In der "Rancho Cascada" wird er alt werden. Und er ist nicht der Einzige, der sich hier inzwischen daheim fühlt.

Seit 1998 lebt der 46-Jährige, dessen Spanisch ebenso einen österreichischen Akzent hat wie sein Deutsch, in der Karibik. In der ersten Zeit hielt sich der gelernte Zimmermann als Kellner, Kanu- und Bergführer über Wasser. Vor drei Jahren dann schlug er sein Lager in Las Avispas auf. In dem Dörfchen, das sich im höchsten Gebirge der Karibik, dem "Cordillera Central", versteckt, gibt es keine geteerten Straßen. Viele der Häuschen an der staubigen Hauptstraße beherbergen vier-, fünfköpfige Familien.

Die Männer arbeiten auf Bananen- oder Avocadofarmen, die Frauen kümmern sich um den Haushalt und darum, dass die Kinder jeden Tag in die Dorfschule gehen. Und samstagabends hören sich alle gemeinsam die Übertragung der Baseballspiele, die in den Städten ausgetragen werden, auf einem Kofferradio an. Das Leben scheint sich hier seit Generationen nicht verändert zu haben.

El Dorado für Abenteuerurlauber

Der Massentourismus, für den die Dominikanische Republik jahrzehntelang berühmt war und inzwischen berüchtigt ist, nimmt davon keine Notiz: Die Urlauber mit den neonfarbenen All-inclusive-Bändchen am Handgelenk, die in den großen Clubanlagen an den Stränden wohnen, wissen nicht, wie das Leben im Inneren dieser Insel funktioniert. Sie werden es wohl auch nie erfahren.

Denn das, was Rudi Baumer gemeinsam mit den Einwohnern von Las Avispas aufgebaut hat, ist für die kleine Zahl an Abenteuerurlaubern gedacht, die sich nicht daran stören, dass sie sich mit kaltem Quellwasser waschen müssen und beim Abendessen auf der Terrasse ein Hund und eine Katze um den Tisch schleichen. Dafür wird man auf der "Rancho Cascada" mit dem besten Kaffee der Welt belohnt, dem Ausblick auf bewaldete Berge und einem Urlaub, der einem noch Wochen später in Augen, Ohren und Knochen steckt.

Ursprünglich war dieser Ort als Basisstation für Mountainbike-Touren und Wanderungen ins Gebirge angelegt worden. Mit den Männern aus dem Dorf hatte Baumer einen Felsen, der bis ans Ufer des Rio Nizao ragt, gerodet, darauf ein Betonfundament gesetzt, eine Terrasse und ein kleines Türmchen gebaut und das Wasser von einem kleinen Seitenarm des Flusses abgezweigt. Dann besorgte er sich Pferde, Fahrräder und Landkarten vom Militär und arbeitete die Touren aus. Und irgendwann wollten sich seine Gäste abends nicht mehr ins nächstgelegene Hotel fahren lassen, sondern vor Ort schlafen, unter einem Sternenhimmel, wie sie ihn zu Hause nie sehen. Also bauten Baumer und seine Männer weiter. Inzwischen gibt es vier Zimmer, bald sollen es zwölf sein.

Warum Tourbegleiter immer Macheten dabei haben und wie Baumers Projekt die ganze Region verändert, lesen Sie im 2. Teil

Ökotourismus auf Baumersche Art

Von Beginn an hat Baumer die Einheimischen in die Arbeit auf seiner kleinen Farm eingebunden. Angel Antonio Baez de Jesus, ein drahtiger Mitvierziger mit buschigem Schnauzbart, beispielsweise ist Baumers Vorarbeiter, seine Frau arbeitet als Köchin, die Jungs aus dem Dorf halten die Fahrräder in Schuss. "Es nutzt nix, wenn's nur mir gut geht", sagt Baumer. "Nur wenn auch die Leute, die hier arbeiten, was vom Tourismus haben, kann ich hier in Frieden leben." Sein Vorarbeiter sitzt zufrieden daneben. "Seit Rudi hier ist, ist alles besser geworden. Früher waren wir arm, heute müssen wir uns keine Gedanken mehr darüber machen, ob wir morgen etwas zu essen haben."

In Deutschland würde man so ein Konzept wohl mit dem Gütesiegel "Öko-Tourismus" veredeln. Baumer schert sich nicht um solche Etiketten: "Mir ist der Name egal, bei mir is sowieso alles Natur." Und die ist reichhaltig und bezaubernd: Seine Gästen fahren, reiten oder wandern durch dicht bewachsene Urwälder, vorbei an Wasserfällen und Palmenhainen, über steinerne Pfade, auf denen Hühner gackernd vorbeistaksen.

In der Luft liegt der Duft von Eukalyptus und von reifen Orangen, die auf Bäumen am Wegesrand wachsen. Gelegentlich haben die Tourteilnehmer einen atemberaubenden Ausblick auf das Flusstal, das sich in sattem Grün vor einem ausbreitet. Am Ende der Tour springen sie dann zur Erfrischung von einem Felsen aus ins klare Flusswasser und essen danach ein paar Orangen, die die Tourbegleiter mit einer 30 Zentimeter langen Machete in zwei Hälften teilen.

Mühsame Überzeugungarbeit in der Gemeinde

Nur langsam erkennen auch die verantwortlichen Politiker dieses Potential. Im nächstgelegenen Ort San José de Ocoa, der Hauptstadt der Region im Tal mit demselben Namen, etwa 30 Kilometer von der "Rancho Cascada" entfernt, steht am Abend Danilo Tejeda, der Tourismusbeauftragte, in einem kahlen, mintgrün gestrichenen Saal des Gemeindehauses, neben ihm der Bürgermeister Roberto Meija. Gelegentlich flackert das Licht, die Stromversorgung ist hier instabil.

Beide sollen nun davon erzählen, wie sie versuchen wollen, einen Teil der Touristen ins Landesinnere zu locken. Und man merkt ihnen an, wie schwer sie sich dabei tun, weil sie immer noch nicht so recht glauben wollen, dass das klappen kann: Nach ihrer Überzeugung kommen nur Touristen hierher, die sich einen All-inclusive-Urlaub nicht leisten können.

Dass Touristen, die genug Geld für den Strand hätten, manchmal aber auch nur ein kleines Stück unberührter Natur im Inselinneren erleben wollen, erscheint ihnen nicht plausibel. "San José de Ocoa ist eine Stadt, die bislang nur von der Landwirtschaft gelebt hat", beginnt der Bürgermeister, "und wir hoffen sehr, dass der Tourismus eine echte Alternative werden kann." Und Tejeda sagt: "Rudi hat gezeigt, was hier möglich ist. Er hat mit seiner Arbeit den Startschuss gegeben."

Baumer steht ruhig daneben, sein Gesicht ist jetzt zu einem sauren Lächeln erstarrt. Man kann sich in diesem Moment gut vorstellen, wie oft und hartnäckig er in den letzten Monaten auf die beiden eingeredet hat. Denn die Wahrheit hinter den Aussagen der beiden Männer liegt auf der Straße. Zu Baumers Ranch führt noch immer kein geteerter Weg. An der Straße wurde zuletzt zwar noch gearbeitet. Plötzlich aber ging das Geld aus. Seitdem stehen die Bagger verlassen am staubigen Wegesrand.

Nach dem Treffen steigt Baumer in seinen Geländewagen und rumpelt auf der holperigen Piste zurück in die Berge. Er wird weiterarbeiten an seiner Idee eines naturnahen Tourismus abseits der Traumstrände. Mit der "Rancho Cascada" hat er sich so bereits seinen Alterssitz geschaffen. Ob daraus auch die Zukunft des dominikanischen Fremdenverkehrs werden kann, wird er sich von seiner Terrasse aus gelassen ansehen – mit der Katze auf dem Schoß und einem Glas Rum vor sich auf dem Tisch.

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