Dschisr al-Sarka in Israel Ein Hostel gibt Hoffnung

Dschisr al-Sarka ist der letzte arabische Ort an Israels Mittelmeerküste und einer der ärmsten des Landes. Eine Jüdin und ein Araber versuchen, mit einer Backpacker-Unterkunft das Schicksal des Küstenstädtchens zu wenden.

Franziska Knupper

Von Franziska Knupper


Neta Hanien hat sich sofort in Dschisr al-Sarka verliebt. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Dschisr al-Sarka ist der letzte arabische Ort an Israels Mittelmeerküste und alles andere als Kurort oder Touristenmagnet. Das Städtchen hat eine der höchsten Kriminalitätsraten des Landes, vier Fünftel der Einwohner leben unter der Armutsgrenze. Verrostete Autos liegen in den Dünen, Müll türmt sich meterhoch.

Andererseits: Die sandfarbenen Häuser sind verwinkelt übereinander gebaut. Der Strand reicht bis ans Ortsende, es riecht nach Fisch und Salz. Hanien, Anwältin und Israelin, fühlte sich an die Beduinencamps in Sinai am Roten Meer erinnert. "Ich habe das touristische Potenzial hier erkannt", sagt die heute 38-Jährige. "Dschisr liegt direkt am Meer, und einer der bekanntesten Wanderwege, der Israel Trail, verläuft direkt durch den Ort." Auch ein Naturreservat und antike Ruinen gibt es in der Nähe.

Ideal für eine Backpacker-Unterkunft, dachte sich die Frau mit dem braunen Locken, die auch Tauchlehrerin ist. Also ging Hanien von Tür zu Tür und suchte nach einem Partner für ein Hostel. Allein, als Außenseiterin - Israelin und Frau -, wäre ein solches Unterfangen eine Unmöglichkeit gewesen. Orte wie Dschisr funktionieren nur durch Vertrauen und Familienbande. Ihre Freunde und Verwandte hielten sie für waghalsig und naiv. Monatelang suchte sie. "Aber dann traf ich Ahmad."

Isoliert und eingekesselt

Ahmad Juha betrieb bereits ein Café in Dschisr, veranstaltete Ramadan-Touren in den Ort - und stieg ein. Als eine Crowdfunding-Kampagne vor allem durch die Hilfe jüdischer Israelis erfolgreich verlief - es kamen umgerechnet rund 21.400 zusammen -, war er endgültig überzeugt: Juha's Guesthouse mit 20 Betten konnte vor drei Jahren eröffnen, im oberen Stock von Juhas Café.

Juha und Hanien sitzen vor ihrem Hostel. Der 49-Jährige zieht an seiner Zigarette. Seine sieben Kinder helfen im Café oft als Bedienung aus; die Männer des Ortes trinken Espresso aus kleinen Pappbechern und rauchen. Arbeit gibt es für sie weder hier im Ort noch sonst irgendwo. "Wegen der Vorurteile über Dschisr werden sie fast nirgendwo angestellt", sagt Juha. Nur einige Frauen finden Arbeit als Putzfrauen in jüdischen Siedlungen.

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Dschisr al-Sarka: Ein Hostel macht den Anfang

Jeden Abend rollen 20 Busse nach Dschisr al-Sarka und bringen die Arbeiterkolonne wieder nach Hause. Nur über eine Brücke und durch einen kleinen Straßentunnel ist der Ort erreichbar. Dschisr ist eingekesselt: im Westen das Mittelmeer, im Norden Fischfarmen und das Kibbutz Ma'agan Michael , und südlich liegt Caesarea, eine der reichsten Gemeinden des ganzen Landes. Auch Benjamin Netanyahu besitzt dort ein Ferienhaus.

Getrennt werden die beiden Ortschaften durch einen Damm, bei dem es sich offiziell um eine Lärmschutzwand handelt. "Sodass man unseren Muezzin nicht hört, sagen sie", erklärt Juha. "Außerdem ist es bei uns Tradition, an Feiertagen mit Gewehren in die Luft zu schießen. Das gefällt den Anwohnern nicht." Neta Hanien lacht und schüttelt den Kopf. Das könne sie schon irgendwie verstehen, sagt sie.

"Eintrittskarte zur Außenwelt"

Als das Hostel schon den Betrieb aufgenommen hatte, kam ihr und Juha die Idee, internationale Volontäre anzustellen. Juha deutet auf ein Holzschild mit dem Wort "Supermarket". Die Freiwilligen haben im ganzen Ort Wegweiser für die Touristen angebracht. Auf Englisch mit blauer Farbe auf dunklem Holz. "Am Anfang waren die Anwohner wegen der Fremden in der Stadt so aufgeregt, dass sie ihnen alles umsonst geben wollten", sagt Ahmad Juha. "Ein Eiscafé ist deswegen fast bankrott gegangen."

Gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin gründete er das Young-Leaders-Programm, um Kinder aus der Stadt zum Austausch mit den Gästen zu motivieren. Immerhin über die Hälfte der Einwohner von Dschisr al-Sarka sind unter 19 Jahre alt, die Schulabbrecherquote ist die höchste im ganzen Land.

"Die arabischen Kinder führen die Reisegruppen durch das Dorf. Sie sind gezwungen, Englisch zu sprechen und den Umgang mit Fremden zu üben", sagt Hanien, die selbst vier Kinder hat. Viele kommen nur einmal und dann nie wieder. Aber andere machen weiter. "Das hier wird ihr Ort des Friedens, ein zweites Zuhause."

Neta Hanien sieht über die Kreuzung. An einer Straßenecke plaudern ein paar bunt gewandete Frauen, aus einem Auto wummert lauter Techno. Hupen, Hundebellen, Kindergeschrei. Dschisr ist von allen Seiten abgeschottet, ohne Möglichkeit des Wachstums - das Leben hier scheint immer gleich zu bleiben. "Es ist gut, wenn die Kinder sich trauen, beim Programm mitzumachen", sagt sie nachdenklich. "Was sie hier lernen, ist ihre Eintrittskarte zur Außenwelt."

Die Einwohner Dschisrs haben mit Stigmata zu kämpfen, die sie daran hindern, am Arbeitsmarkt teilzuhaben. "Sie sind sowohl den Israelis als auch ihren arabischen Nachbarn ein Dorn im Auge", erzählt Hanien. Die Stadt wurde einst von den Ghawarina-Beduinenfamilien aus Jordanien gegründet - Nomadenstämme, die in den umliegenden Sümpfen siedelten und immun gegen die in dieser feuchten Gegend weitverbreitete Malariakrankheit zu sein schienen.

Als 1922 die ersten jüdischen Einwanderer in die Gegend kamen, halfen die Einwohner Dschisrs ihnen dabei, die todbringenden Sümpfe auszutrocknen. Die Siedler gaben ihnen zum Dank für die Hilfe einen Hügel am Strand, auf dem das Dorf seit einem Jahrhundert gewachsen ist. Genug Weideland für Vieh gab es dort nicht. Der Fischfang stagnierte.

Der heimliche Traum vom Hostel

In die Geschichtsschreibung der Palästinenser gingen die Menschen aus Dschisr al-Sarka als Kollaborateure ein. Der Handel mit den arabischen Nachbarn wollte daher nicht mehr in Schwung kommen. "Selbst Ehen mit Menschen aus Dschisr sind seither verpönt", erzählt Hanien. "Deswegen heiraten sie seit nunmehr einem Jahrhundert lediglich Menschen aus ihrem Ort."

Mittlerweile hat das Dorf 14.000 Einwohner, Dschisr platzt aus allen Nähten. Auf vielen Dächern ragen Metallstäbe einsam in die Höhe und künden davon, dass weitere Etagen geplant sind. Eine Lösung für Dschisr muss her. Das wissen sowohl die Einwohner als auch die Regierung.

Neta Hanien ist aber nicht aus politischen Beweggründen gekommen, sagt sie. Ein ideologisches Co-Existenz-Projekt sei ursprünglich nicht ihre Motivation gewesen: "Es war einfach mein heimlicher Traum, ein eigenes Hostel zu haben." Jeder Tourist, der in Juha's Guesthouse nächtigt, gibt rund 25 Euro im Ort aus. 60 Prozent der Backpacker kommen aus der ganzen Welt, 40 Prozent aus Israel. Zurzeit wohnen vier Dänen und eine Amerikanerin in dem bunt bemalten Hostel.

"Wir sind die Ersten, die überhaupt Business und Geld in den Ort bringen", sagt Hanien. "Aber ich will, dass mehr Menschen aus Dschisr selbst solche Projekte angehen. Der Erfolg muss hier im Ort bleiben." Inzwischen haben einige Restaurants und Geschäfte neu eröffnet, Workshops für traditionelles Handwerk werden angeboten. Dschisr al-Sarka sucht einen Weg in die Zukunft.

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