Dubai Ein Flughafen hebt ab

Dubais Flughafen platzt aus allen Nähten. Den Ansturm der Millionen Passagiere ist das Hauptterminal kaum mehr gewachsen. Nirgendwo auf der Welt begegnen sich in so kurzer Zeit so viele Menschen aus allen Kontinenten.


Zwischen künstlichen Palmen lagert im Flughafen von Dubai jede Nacht ein beinahe repräsentativer Querschnitt der Weltbevölkerung: Eine Gruppe Männer mit roten Schirmmützen und der Aufschrift "India" hat es sich am Boden bequem gemacht. "Dabei bieten wir extra so bequeme Liegesessel, aber die Inder legen sich immer auf den Boden", sagt Flughafensprecherin Noora Ahmed Al-Suwaidi bedauernd. Nicht alle – eine indische Familie schlummert auf den Sitzbänken unter riesigen Wandbildern edler Pferde. Nicht weit davon hockt eine Asiatin im Schneidersitz auf dem Teppich im Dünenlook und bearbeitet ihren Laptop.

Eine Gruppe philippinischer Seeleute sitzt auf Stahlstreben außerhalb der KLM-Lounge. Und ein Afrikaner im weißen Gewand zieht seinen Koffer bedächtig durch die 784 Meter lange Flughafenhalle, während arabische Großfamilien in ihre Gewänder gehüllt vorbeiflanieren. Sonnenverbrannte australische Urlauber mit auffälligen Tätowierungen schwärmen gemeinsam mit Deutschen und Engländern durch den im 5400 Quadratmeter großen Duty Free Shop. Eine Flasche After Shave, die in Hamburg oder Paris über 40 Euro kostet, ist hier schon für umgerechnet 26 Euro zu haben. In der Emirates-Business-Class-Lounge gönnen sich zwei Piloten ein Frühstück, während nebenan im Sessel ein Schwarzafrikaner auf einem rot karierten Kissen schlummert.

Die Rushhour findet im Sheikh Rashid Terminal täglich mitten in der Nacht und früh morgens statt: zwischen 1 und 2 Uhr und von 8 bis 9 Uhr, dann ist ein Großteil der täglich 80.000 Passagiere unterwegs. Auf den Anzeigetafeln stehen Flüge nach Rom, Karatschi, Birmingham, Paris, Doha, Entebbe, New York, München, Hongkong und Auckland, alle heben innerhalb einer halben Stunde ab. Die meisten Flüge betreibt die hier ansässige Emirates Airlines, deren Flugzeuge auf dem Vorfeld in den Landesfarben Schwarz-Rot-Grün bemalt sind.

Verschiebebahnhof des interkontinentalen Luftverkehrs

Die meisten Reisenden, die in mitten in der arabischen Wüste landen, fliegen nach ein paar Stunden weiter, ohne von Dubai selbst irgendetwas außer der Goldenen Palme vor dem Duty Free Shop gesehen zu haben. In dem viel zu klein gewordenen, erst im Jahr 2000 eröffneten Komplex treffen dabei unterschiedliche Hautfarben, Kulturen und Sprachen für ein paar Stunden auf engstem Raum unter einem Dach zusammen wie sonst nirgends auf der Welt. Dubai International Airport ist innerhalb von nur wenigen Jahren so etwas wie ein Passagierverschiebebahnhof des interkontinentalen Luftverkehrs geworden. "Wenn man da zur Hauptverkehrszeit nachts hineingeht, kann man kaum glauben, was man sieht", sagt selbst Tim Clark, Chef von Emirates Airlines. "Da sind Zehntausende von Menschen unterwegs, das ist einfach unglaublich", so Clark.

Was früher die großen Bahnhofskathedralen in New York, London, Paris oder Berlin und später Flughäfen wie New York-John F. Kennedy oder London-Heathrow waren, nämlich weit über die Region hinaus bedeutsame Verkehrsdrehkreuze, das verkörpert heute Dubai in einer weltweit einmalig verdichteten Form. Dem ehemals ölreichen Emirat am Persischen Golf geht bald das schwarze Gold aus, daher setzen die Herrscher konsequent auf Tourismus, Infrastruktur und vor allem den Luftverkehr als Einnahmequelle. Dabei macht sich Dubai vor allem seine geografische Lage zunutze: Innerhalb eines Radius von 6400 Kilometern oder etwa acht Flugstunden leben 3,5 Milliarden Menschen, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung.

Die aktuellen Erfolgszahlen lesen sich beeindruckend: In Dubai wächst das Bruttosozialprodukt jährlich um 16 Prozent, am Flughafen steigerte sich im ersten Halbjahr 2007 der Verkehr um fast 18 Prozent, und Emirates Airlines muss sogar 30 Prozent Wachstum dieses Jahr verkraften. "Im Juli hatten wir die höchste Auslastung aller Zeiten", sagt Tim Clark. Und das mitten im Sommer - zu einer Jahreszeit, in der Dubai mit enormer Hitze von häufig 46 Grad Celsius im Schatten und hoher Luftfeuchtigkeit bisher nicht gerade zu den attraktiven Reisezielen gerechnet wurde.

Emirates setzt dennoch nicht nur auf Umsteigeverkehr, der etwa 40 Prozent des Aufkommens am Heimatflughafen der Gesellschaft ausmacht, sondern auf den "Dubai-Faktor", wie es Tim Clark nennt, also die Anziehungskraft dieser Retortenstadt in der Wüste. "Bis vor wenigen Jahren waren die Hotels hier im Sommer leer, jetzt haben wir auch im August in den Strandhotels 80 Prozent Auslastung", sagt die Deutsche Ulrike Baumann, die seit Jahren in Dubai für die Jumeirah-Hotelgruppe arbeitet, die unter anderem das Wahrzeichen Burj al-Arab betreibt.

Platz für 25 A380

Doch der Flughafen arbeitet längst weit über seine Kapazitätsgrenzen hinaus. So ist das Sheikh Rashid Terminal für 18 Millionen Passagiere ausgelegt, doch werden bereits 2007 insgesamt 31 Millionen abgefertigt werden, zwei weitere Millionen im abgelegenen Terminal 2 für Charterflüge. "Zurzeit ist der Flughafen wie ein Dampfkochtopf, und wir haben Riesenprobleme", gibt Tim Clark zu. Denn selbst mit allem Geld der Scheichs lassen sich die Anlagen nicht so schnell erweitern wie nötig – das neueste Terminal 3 wird erst acht Monate später fertig als geplant. Hauptgrund ist die Materialknappheit vor allem bei Stahl und Zement, derzeit werden in Dubai über 500 Gebäude von über 120 Meter Höhe gleichzeitig errichtet. Insgesamt rund 3,1 Milliarden Euro investiert der Flughafen, unter anderem um mit der Versetzung der zweiten Start- und Landebahn nach Osten die Kapazität von bisher 42 auf bald 64 An- und Abflüge pro Stunde steigern zu können.

Herzstück der Investitionen aber sind das neue unterirdische Terminal 3 sowie das damit verbundene 900 Meter lange Concourse 2. Das zweite große Abfertigungsgebäude auf dem Vorfeld verfügt sogar bereits über sieben Flugsteige für den Airbus A380. Das Gebäude steht bereits, es soll gemeinsam mit der Abfertigungshalle unter der Erde im Mai 2008 in Betrieb gehen. Nebenan klafft schon die nächste riesige Baugrube – für den noch mal 800 Meter langen Concourse 3, den dritten Abfertigungskomplex mit dem geplanten Eröffnungsdatum Juli 2010. Insgesamt 18 der 20 Flugzeugpositionen am Gebäude sind für die A380 ausgelegt, schließlich hat Emirates mit 55 Stück so viele Riesenflieger geordert wie sonst niemand. Damit wird der Flughafen Dubai ab 2010 langsam den größten Flughäfen der Welt - Atlanta, Chicago und London- Heathrow - Konkurrenz machen und über eine Kapazität von 75 Millionen Passagieren im Jahr verfügen.

Doch auch das dürfte schon bald wieder zu wenig sein – daher öffnet bereits im Mai 2008 der erste Bauabschnitt des neuen, zusätzlichen Flughafens in der Freihandelszone Jebel Ali. Und der trägt gleich den passenden Namen: Dubai World Central.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.