Dunkle Touren Helm auf und ab in den Schacht im Süden von Wales

Der Schornstein qualmt nicht mehr, rund um den Förderturm wird nicht mehr gearbeitet. Wo früher Hunderte von Bergleuten die Kohle abgebaut haben, findet sich heute ein Industriemuseum, das alles andere als museal wirkt. Der Besuch führt in die schwarzen Tiefen.


Die Lewis Merthyr Colliery: Heute ein Museum
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Die Lewis Merthyr Colliery: Heute ein Museum

Rhondda - Aus der Lewis Merthyr Colliery, einem Bergwerk zwischen Porth und Pontypridd im Süden von Wales, ist der Rhondda Heritage Park geworden, eine Attraktion, die jährlich rund 100.000 Gäste anzieht. Alan Davies kennt das Bergwerk wie seine Westentasche. Er wurde hier gleich um die Ecke geboren und hat lange als Bergmann in der Lewis Merthyr Colliery gearbeitet. Noch immer sieht er so aus mit seinen schweren Schuhen, der dunklen Jacke mit dem Schriftzug British Coal auf dem Rücken und der Ledermütze, die vor Staub und Schmutz schützen soll. Tag für Tag fährt er ein, runter in die Tiefe, in die Dunkelheit. Nur kann es ihm inzwischen egal sein, wo sich in den verzweigten Stollen noch Kohle findet. Davies kümmert sich heute um Besuchergruppen.

Zeitreise zum schwarzen Gold

Wer in den Rhondda Heritage Park kommt, macht eine Zeitreise in eine Epoche, in der das "Schwarze Gold" Tausende von Arbeitern in die "Valleys" ziehen ließ, die Täler im Süden von Wales. Die Eisenhütten der Region lieferten Kanonen für Englands Kriege - und Eisenbahnschienen für den ganzen europäischen Kontinent.

Unter Tage: Lampentest
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Unter Tage: Lampentest

Im Rhondda Valley boomte der Bergbau: "Die Häuser konnten gar nicht so schnell gebaut werden wie die Arbeiter zuzogen", erzählt Davies. "Die Kohle, die wir hier gefördert haben, war ausgesprochen hochwertig." Allerdings waren die Arbeitsbedingungen unter Tage miserabel: Im 19. Jahrhundert arbeiteten auch Kinder im Grundschulalter mit, alle sechs Stunden verunglückte ein Bergmann tödlich.

Kanarienvögel als Frühwarnsystem

Davies zieht die Mütze in die Stirn und geht vor in den "Lamproom". Hier versammelten sich die Bergleute, um sich ihre Lampen abzuholen. Heute werden dort Modelle verschiedener Epochen ausgestellt - einschließlich der ersten Batterielampe aus dem Jahr 1909. Gleich hinter den Lampen stehen zwei Käfige mit Kanarienvögeln - einst das Frühwarnsystem der Bergleute unter Tage: Fielen sie von der Stange, war Kohlenmonoxid in der Luft, das auch für Menschen tödlich ist.

Dann heißt es Helm auf, ab in den Aufzug und runter in die Tiefe. Bis zu 450 Meter tief reichte der Stollen. Ganz so weit fahren die Besucher nicht mehr. Wenn nach der rumpelnden Fahrt die Tür aufgeht, liegen kalte, dunkle Gänge vor ihnen. Sie lassen erahnen, wie es im Schacht früher zuging: Das Lampenlicht reicht nicht weit, und die schmalen Tunnel bilden ein undurchschaubares Wirrwarr.

Mit Loren durch dunkle Gänge

"Wenn es Sprengungen gab, war die Luft oft voll von Rauch und Staub", erzählt Davies. Gesprengt wurde regelmäßig, um auf der Suche nach Kohle die Schächte zu erweitern. Riskant blieb das bis zuletzt. Der Ex-Bergmann zeigt auf die Erste-Hilfe-Boxen an der Hand: "Da war immer auch Morphium drin."

Die Geschichte des Rhondda-Tals ist ein rasantes Auf und Ab - wie die Fahrt mit dem Simulator, die den Besuch des Schachts beendet: Wie in einer der Loren, nur viel schneller, geht es in fast völliger Dunkelheit durch die engen Gänge. So fuhren früher die Bergleute unter die Erde. Bis 1983, als auch in der Lewis Merthyr Colliery - nach Streiks und Protestaktionen - die Ära der Kohleförderung zu Ende ging.

Von Andreas Heimann, gms



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