Ecuador Wo Vulkane knutschen

2. Teil: Dumme Kolibris im Nebelwald


Zur Abwechslung von der ewig guten Laune in den Bergstädtchen bringt mich Carlos in den Nebelwald. Der Nebelwald, um es mal nicht botanisch zu erklären, ist ein Regenwald, in dem es selten regnet, aber fast immer sehr neblig ist. Das ist einerseits wunderschön mit all den Vögeln, Bäumen und dem anderen Grünzeug, andererseits auch etwas theoretisch, denn der Nebel dämpft jede Wahrnehmung. An den Lodges werden Kolibris mit Zuckerwasserspendern vor die Kameras gelockt.

Dabei muss ich mit ansehen, wie ein besonders dämlicher Flattermann beinahe mein Bier umstößt. Achtzig Flügelschläge in der Sekunde, aber nicht genug Grips, eine Flasche Bier zu umschwirren, denke ich. Der Arme, ruft eine beige, ältere Dame, ach, war der putzig, eine zweite. Sie sind im Vollkomfortbus unterwegs und bombardieren ihren Reiseleiter mit Fragen, die klingen, wie schon vor der Reise auswendig gelernt. Mein Bier rührt niemanden. Stattdessen schwärmen sie von der Vielfalt der ecuadorianischen Landschaften.

Da kann ich nicht widersprechen, und manche nennen Ecuador sogar pompös "das Land der vier Welten", weil es erstens die Berge gibt, zweitens den Urwald, drittens die Küste und am Ende, weit draußen, noch viertens den Galapagos-Archipel. Und so nah diese Regionen manchmal beieinanderliegen, so wenig haben ihre Menschen, ihre Natur und ihr Klima gemeinsam. Weil aber irgendwo im Land immer die Sonne scheint, kann man dort auch das ganze Jahr umherreisen.

Nach dem harmlosen Nebelwald fühle ich mich bereit für den richtigen Dschungel. Carlos bringt mich an den Río Napo, der später, weit im Osten, in den Amazonas mündet. Wir steigen in ein motorisiertes Langboot, es ist heiß und feucht, und ich denke an kriechende Parasiten und Larven und Spinnen, an Schlangen, Kaimane und Piranhas, an Ruhr und Fieber auf wochenlangen Flussfahrten. Doch ein paar hundert Flussmeter weiter sind wir an der Lodge.

Stinksaure Ameisen auf Klopfsignal

Schnell merke ich, keine Gefahr, das wildeste Tier, das dort lebt, ist ein Papagei, der zwar spricht, aber eine ganz fürchterliche Aussprache hat. Am späten Nachmittag schaukele ich mit einem Gin Tonic in der Hängematte auf der Veranda meines Zimmers, und ringsum tobt ein Gewitter. Und in der Nacht raunt und gurgelt der Fluss das beruhigendste Schlaflied, das ich je gehört habe. Das ist so ein Geräusch, das jeden Gedanken mit sich fortzieht, bevor er den Schlaf überhaupt stören könnte.

Weil es außerdem keine einzige Mücke in mein Schlafzimmer schafft, bin ich am Morgen entspannt genug, mich durch den Wald führen zu lassen. José, unser guía local, stochert mit seiner Machete in Tarantelnestern, verteilt glitschige Kakaobohnen zum Naschen, zeigt Heilpflanzen und klopft auf einen Ast, aus dem sofort Hunderte stinksaurer Ameisen geschossen kommen, die er aztecas nennt, weil sie genau so aggressiv und mutig sind. Das färbt ab: Zum Abschluss der Tour steigen wir auf ein selbst gebautes Floß und treiben flussabwärts. Noch zehn Minuten bis zum Mittagsbüfett.

Essen in Ecuador, da fällt zwangsläufig das Stichwort Meerschweinchen. Dazu würde ich gern eine Heldengeschichte beisteuern. Ich kann es nur leider nicht. Immer wieder stehe ich mit Carlos vor cuy-Bratereien und starre in diese kleinen Gesichtchen, die die Glut zu einem Grinsen erstarrte. Auf der Fahrt vom Dschungel an den Pazifik bin ich kurz davor zu ordern, denn ich weiß, an der Küste gibt es diesen Leckerbissen nicht, und ahne, dass meine Menüentscheidung auch Carlos’ Bild vom nordeuropäischen Mann beeinflussen wird. Aber ich kann nicht essen, was mich anlächelt, Weichei hin oder her.

Die Alphabullen-Frage ist ohnehin längst geklärt. Auf dem Cotopaxi stieg ich auf 4600 Metern aus dem Auto, setzte die Gletscherbrille auf, schnürte den Parka fest zu – und kotzte nach zehn Metern höhenkrank in den Schnee, während Carlos in seinen Sandalen zu mir herüberschlappte, eine Zigarette anzündete und erzählte, wie er als Bergführer vor Jahren in einer einzigen Woche viermal bis zum Kraterrand und wieder hinunterstieg, bevor er am Wochenende zu einer Rettungsexpedition zum noch viel höheren Chimborazo rasen musste. Schön, wenn die Rollen so klar verteilt sind.

"Ein Mann muss das Schöne lieben dürfen"

Das zeigt sich auch im Kontakt mit der Bevölkerung. In Guayaquil, das zur Costa zählt, aber mit seinen rund drei Millionen Einwohnern eine eigene Landschaft ist, sitzen wir am Malecón 2000, der Promenade am Río Guayas; Carlos trinkt Wasser, ich Bier, um locker zu werden, und er zwinkert und flirtet und bekommt reichlich positives Feedback, während ich wie immer die Säule gebe und stumm bewundere, wie lässig die Männer sind und wie sexy die Frauen, die ihre Hüften so weich und träge durch die Stadt schwingen wie der Fluss seine beiden Zuläufe, den Daule und den Babahoyo.

Auf Frauen und all das komme ich auch mit Steve zu sprechen. In Puerto López ist das, wo ich, müde vom Surfen, Schnorcheln und Kajakfahren, am Strand den Pelikanen zuschaue. Es gibt hier auch Wale, aber am Meer mag ich nun einmal Pelikane am liebsten. Immer wieder fliegt ein knappes Dutzend dieser Vögel parallel zum Ufer über der Brandungslinie. Sie bewegen sich in perfekter Formation, dicht hintereinander steigen und sinken sie und ziehen unendlich elegante Schleifen, bis sich schließlich dann und wann einer zum Fischen fallen lässt.

Steve aus Seattle stellt sich zu uns. Das Gespräch eröffnet er mit der klassischen Frage aller Ecuador-Reisenden: Ob ich schon auf Galapagos war. Ich werde die Inseln gar nicht besuchen und finde das nicht mal schade. Steve schaut misstrauisch. Dann erzählt er uns von den wundervollen Vogelarten dort. Steve schaut sich um, seine Frau und die beiden Kinder sind weit weg. Es gibt da zwei Spezies, sagt er, die heißen blue footed boobie und red footed boobie, Blaufußtölpel und Rotfußtölpel.

Steve kichert aufgeregt. Es gab dort ein T-Shirt zu kaufen mit dem Spruch "I love boobies", und das ist so lustig, weil boobie auch ein legeres englisches Wort für Brüste ist. Und? Steve fängt sich wieder. "Als erwachsener Mann kannst du ja nicht mit einem Ich-liebe-Titten-T-Shirt herumlaufen, wenn du ernst genommen werden willst", sagt er und klingt resigniert. Das hat Carlos einfach nicht verstanden. "Ein Mann muss doch das Schöne lieben dürfen", sagt er.



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