Ein Jahr vor Olympia Peking versinkt im Stau
Peking - Das Warnzeichen kann deutlicher nicht sein: Während wir gen Norden aus Peking heraus fahren, stauen sich auf der Gegenfahrbahn auf zwei Spuren kilometerlang Lastwagen. Sie alle kommen aus den Industriegebieten Nordchinas und wollen in Richtung Peking doch die Hauptstadt liegt noch ein gutes Stück entfernt. Zuerst müssen sie es noch über den Pass an der Großen Mauer schaffen, jenes Ausflugsziel, das Zehntausende Touristen aus der Hauptstadt Tag für Tag mit ihren Reisebussen besuchen.
Es ist Sonntagmorgen. Hinter uns liegt eine Baustelle. Das Durcheinander ist, wie in China üblich, groß: An den Engpässen wird geschnitten, gedrängelt und gehupt. Ungeduldige Fahrer wenden auf der Autobahn, um auf einer der Nebenstrecken, wie sie hoffen, schneller voranzukommen.
Der Verkehr innerhalb der Hauptstadt wird stündlich dichter: Weil jeden Tag fast tausend Autos neu hinzukommen (so zumindest die offizielle Zahl), wächst der Stau allerorten. Knapp ein Jahr vor den Olympischen Spielen gibt es zu noch zu wenig U- und S-Bahnen. Wer es sich leisten kann, genießt das Stück persönlicher Freiheit hinter dem eigenen Lenkrad - und wartet, bis es wieder ein paar Meter vorangeht.
Damit das Chaos nicht noch schlimmer wird, verbieten die Behörden tagsüber allen Lastwagen die Einfahrt in die Millionen-Metropole. Und so kommt es, dass der Verkehr bereits weit vor der Stadt zum Erliegen kommt.
Beim Anblick der Lkw-Schlangen auf der Gegenbahn entscheiden wir uns, unsere Reise in den Norden abzukürzen. Auf dem Rückweg werden wir rechtzeitig von der Autobahn abfahren, um nicht zwischen den Containerlastern und Frachtautos eingeklemmt zu werden.
Rückfahrt aus dem Norden: Lkw verstopfen die Straßen
Rund 150 Kilometer vor Peking kommen uns bereits Geisterfahrer auf unserer Seite der Straße entgegen. Wir biegen ab mit vielen anderen und warten die nächsten eineinhalb Stunden vor einer Mautstation, bis wir an der Reihe sind.
Es ist 15 Uhr. Parallel zur verstopften Autobahn kämpfen wir uns an Lastwagen, Dreirad-Lieferautos und Fahrrädern durch Kleinstädte und Dörfer Richtung Peking voran - bis es wieder heißt: "Es hat keinen Sinn weiterzufahren. Stau!"
Wir entschließen uns, einen 150 Kilometer langen Umweg zu machen. Viel Auswahl haben wir nicht. Zufahrten über die Berge nach Peking sind rar. Unser Ziel ist die Passstraße nach Mentougou, einem Vorort der Hauptstadt im Westen. Dort, so unsere Hoffnung, werden weniger Lkw die Einfahrt nach Peking versuchen.
Die Herbstsonne geht unter, und wir kurven durch eine raue Berglandschaft. Zunächst kommen wir zügig voran, doch schnell wird klar, dass wir uns verrechnet haben. Auf den Serpentinen steht ein Laster nach dem anderen. Mit anderen Pkw schmuggeln wir uns auf der Gegenfahrbahn vorbei.
Bald versperren Lkw auch diese Fahrbahn. Wir überreden die Fahrer, ihre Gefährte wegzurangieren. Doch immer wieder ist Schluss. Die Fahrzeuge sind oft so verkeilt, dass ein Vorwärtskommen nicht möglich ist.
Rund 50 Kilometer lang ist die Lkw-Schlange. Nur langsam ruckt sie voran. Die Dunkelheit bricht ein, und wir stellen uns auf eine lange Nacht in den Bergen ein.
"Wir stehen hier jeden Tag"
"Wir stehen hier jeden Tag", berichtet ein Lkw-Fahrer. Fliegende Händler auf Motorrädern bieten Fertignudeln und Getränke an. Nach einigen Stunden geht es für uns zügiger voran: An einer Polizeisperre rund 50 Kilometer vor Peking ist die Spitze der Schlange erreicht. Hier lassen ein paar Polizisten ab und zu eine Gruppe von Lastwagen passieren.
Chinas Lastwagen sind meist schwer überladene Fossile, die schon bei der geringsten Steigung ins Schneckentempo verfallen und dunkle Rauchwolken ausstoßen. Kurz vor der Stadtgrenze dann der letzte Stau: Kontrolleure leiten die besonders schweren Fahrzeuge auf eine Umgehungsstraße um, was wiederum auf ein paar Kilometern zu Konfusion führt. Dann plötzlich: freie, breite Straßen hell beleuchtet, hochmodern.
Eine halbe Stunde nach Mitternacht sind wir zu Hause. Für die rund 150 Kilometer haben wir neuneinhalb Stunden gebraucht, pro Stunde sind wir also nur knapp 16 Kilometer vorangekommen. Die Lkw-Fahrer, die Chinas privilegierte Hauptstadt aus dem Norden mit Gütern versorgen, sind für diese Strecke nicht selten 24 Stunden und länger unterwegs.
Das geht schon seit Jahren so, ohne dass Proteste der Chauffeure oder der Transportunternehmen bekannt geworden sind.
Fazit: Die Infrastruktur Pekings mag zwar in einem Jahr olympiareif sein, die in der Umgebung erinnert daran, dass China ein sehr armes Land ist. Und wir werden nie wieder mit dem Auto in den Norden fahren.