Foto: www.jensrosbach.de

Eisberge vor Grönland Der Sound der Arktis

Sie knacken, sie krachen, und sie können flüstern: Eisberge machen den Fotografen Jens Rosbach süchtig. An Grönlands Westküste lauschte er genau – und machte »traurig-schöne« Bilder.
Von Julia Stanek

Zunächst bemerkt, wer sich den Eisbergen nähert, eine wunderbare Stille. Manchmal sind weder Wind noch Vögel zu hören. Doch wer genau lauscht, der vernimmt »ein leises Knacken und Reißen oder auch einzelne Wassertropfen, die ins Meer fallen«. So beschreibt es Jens Rosbach , der mitten in der Pandemie mit seiner Kamera in Grönland unterwegs war.

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Grönlands Westküste: Eisberge am Fließband

Foto: www.jensrosbach.de

»Arktis-Sound« nennt der 50-jährige Fotograf aus Berlin diese »ganz spezielle Geräuschkulisse«. »Bei Windstille steigen auch kleine Luftblasen vom Eis, das unter Wasser liegt, zur Oberfläche auf – wie ein kaltes Geflüster.« Mitunter krache es auch irgendwo in der Ferne, weil ein tauender Eisberg auseinanderbricht. Denn Sonne, Regen und Frost veränderten das Eis, es arbeite ständig.

Die Polarwelt hat es dem Fotografen angetan. Vor zehn Jahren reiste er erstmals in die Antarktis, und alles wirkte wie ein Traum auf ihn. »Ich sah Eisberge im Nebel, glitzernde Gletscher, prustende Wale und schnatternde Pinguine«, sagt Rosbach. »Und es gab spektakuläres Licht zum Fotografieren: Blau leuchtende Eisskulpturen. Tief hängende, dramatisch wirkende Wolken. Und das dunkle, kalte Polarmeer.« Oft seien nur Schwarz-, Weiß- und Blautöne zu sehen. Doch die karge und wilde Landschaft wirke auf ihn »wie ein mystischer Ort, wie ein fremder, menschenleerer Planet«.

Dokumente eines unglaublichen Verlustes

Diese Besonderheiten – die sich mit Ausnahme der Pinguine sowohl in der Antarktis als auch in der Arktis finden – sind es, wegen derer sich Rosbach auf minimalistische Landschaftsaufnahmen spezialisiert hat. Verschneite Regionen eigneten sich dafür besonders gut, weil ein Teil der Natur immer unter einer weißen Decke verborgen sei. »Finden sich Linien oder Muster in der Landschaft, werden sie durch den neutralen Hintergrund besonders hervorgehoben – wie bei einer grafischen Zeichnung.«

Doch hinter Rosbachs Arbeit steckt mehr als eine Leidenschaft für Optik. Eisberge stehen wie kaum ein anderes Naturphänomen für die verheerende Klimakrise. »Das Verschwinden der Polarwelt deprimiert mich, und jeder schmelzende Eisberg wird zum Symbol der Erderwärmung«, sagt Rosbach. »Das Fotografieren in Arktis und Antarktis hat für mich also immer auch etwas Schweres, Bedrückendes an sich.«

Gleichzeitig wolle er die empfindlichen, faszinierenden Eislandschaften erst recht mit der Kamera festhalten. »Meine Bilder sind somit auch Dokumente eines unglaublichen Verlustes: traurig-schön.«

In Erinnerung bleiben werden dem Fotografen die Begegnungen mit den Grönländern. Die Vermieterin der Pension etwa, in der er schlief. »Sie hat ein kleines Gewächshaus, in dem sie jeden Tag Tomatenpflanzen hegte und pflegte«, erzählt Rosbach. »Eines Tages pflückte sie ein tiefrotes Exemplar und überreichte es mir. Ein größeres Geschenk kann man jemandem in der Arktis kaum machen.« Wer weiß, vielleicht werde ja der Klimawandel dafür sorgen, dass sich eines Tages am Eisfjord unter freiem Himmel Tomaten anbauen lassen, so Rosbach. »Und das ist wiederum das Traurige an der Geschichte.«

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