Eisschwimmer von Coney Island Cool and the Gang

Winterbad soll Wunder wirken: Jeden Sonntag um 11 Uhr gehen die "Coney Island Polar Bears" ins kalte Wasser. Gegründet wurde der Club vor 100 Jahren von einem Gesundheitspapst. Auch diese Eisbären sind vom Klimawandel bedroht.

Von Michael Saur


Es ist der 1. Januar. Die Lufttemperatur hält sich knapp unter dem Gefrierpunkt. Unter dem stahlgrauen Himmel bläst eisig der Wind. Zehn Grad hat der Ozean. Das Meer ist stets unfreundlich, hat der Schriftsteller Joseph Conrad gesagt. Heute ist es nicht nur unfreundlich; es ist geradezu gehässig. Die 300 wartenden Menschen auf der Promenade wirken, als hätten sie sich in der Jahreszeit geirrt. Oder im Ort.

Ein Mexikaner blickt staunend auf die Menschen, die langsam beginnen, ihre Winterkleidung in mitgebrachte Taschen zu stopfen. Der Mexikaner schiebt einen Einkaufswagen mit seiner Habe vor sich her. Er öffnet ein "Tecate Beer" und trinkt es in einem Zug leer. Er zuckt mit den Schultern und zieht sich ebenfalls aus.

Die meisten, die heute schwimmen, machen das nur einmal im Jahr, an Neujahr. Aber der harte Kern der Eisheiligen, 50 etwa, versammelt sich jeden Sonntag, von Oktober bis April, um Louis Scarcella, 57 Jahre alt und Präsident des "Coney Island Eisbären-Clubs".

Punkt 11 Uhr. Der barfüßige Scarcella trägt eine weiße "Eisbären"-Mütze auf dem Kopf und sonst nur eine knappe Badehose. Er grüßt mit Handschlag und Nicken auch diejenigen, die er heute nicht kennt.

Früher war Louis Scarcella Kommissar bei der New Yorker Polizei, Abteilung Mord. Den Dienst hat er 2000 nach 20 Jahren quittiert. Seitdem steht er den New Yorker Eisbären vor. Die Satzung schreibt vor, dass kein Bär mehr als zwei Termine im Jahr versäumen darf. Scarcella hat in den vergangenen acht Jahren insgesamt nur zwei Treffen nicht wahrgenommen: als seine Mutter begraben wurde und beim Schulabschlussball seiner Tochter. "Als Kommissar hatte ich mehr Krankheitstage", sagt er.

Der "Coney Island Eisbären-Club" ist die älteste Winterschwimmvereinigung der USA. Gegründet wurde sie 1903 von einem gewissen Bernarr Macfadden, der meinte, dass "unser Körper unser wertvollster Besitz ist und Gesundheit unser größtes Kapital …, dass Schwäche ein Verbrechen ist…, dass jeder Mann ein vitaler Vertreter der Virilität sein kann, jede Frau ein souveränes Beispiel für Feminität".

"Wir gehen ins Wasser, um unsere Seelen zu säubern"

Manche hielten ihn für einen Spinner, andere sahen in ihm einen Pionier der Körperkultur, der gesunden Ernährung und der alternativen Medizin, einen Gegner der Prüderie und Anwalt der Frauenrechte, vor allem des Rechts auf Sport. Der Fitnesspapst verfasste mehr als hundert Bücher zu Gesundheit, Sexualität und Körperkultur und wurde Millionär. Zu seinen Bewunderern zählten Franklin D. Roosevelt, Shirley Temple und Clark Gable.

Macfadden glaubte, dass ein Bad im Winter Wunder wirkt. Er wurde 87. Nach seinem Tod schrumpfte die Eisbärenfamilie auf ein halbes Dutzend, doch sie erholte sich wieder. In den achtziger Jahren trafen sich die Kältefreaks in einer Rettungsschwimmerstation, in den Neunzigern zogen sie sich in einer Bauarbeiterlatrine auf Coney Islands Boardwalk um. Seit kurzem haben die Eisbären ein Clubhaus, im Aquarium. Mit Heizung und fließend warmem Wasser. So gut wie heute hatten sie es noch nie.

"Wir reinigen uns. Wir gehen ins Wasser, um unsere Körper und unsere Seelen zu säubern", erklärt Louis Scarcella einem jungen Paar aus Manhattan. Die beiden sind zum ersten Mal dabei, kuscheln sich aneinander, um sich zu wärmen. Scarcellas Haut ist braun. Seine Tätowierungen sind ausgeblichen von Sonne und Zeit. Jemand hält ihm einen Flachmann hin. Er schüttelt den Kopf. Getrunken hat er, als er bei der Polizei war. Den Morgenrock, den jemand anbietet, lehnt er ebenfalls ab.

Vor Scarcella liegt der Atlantik. Er ist in der schmucklosen Häuserzeile dahinter aufgewachsen, die den Anfang der Stadt macht, die erste Erhebung im Häusermeer. Die braunen und grauen Gebäude sollen weg. Bauunternehmer planen eine Luxusmeile in Coney Island. "Hier ist kein Ort für Reiche", sagt Scarcella. "Die verstehen nicht, dass Öl und Wasser sich nicht mischen."

Ansonsten sei der Club so bunt, wie es nur auf Coney Island sein kann. "Alte Juden mit haarigen Bäuchen, drei Generationen von Dominikanern, außerdem Beatniks, Künstler aus Williamsburg und Manhattan, Veganer, Großmütter, Löwenbändiger, Trapezartisten."

Kalter Meeressand im Winter

Scarcella bläst in ein großes Muschelhorn. Die Menge rennt zum Wasser, die Schwimmer schreien wie Krieger beim Angriff, manche schlagen sich auf die Brust. Eine Frau hält sich noch zurück, wärmt sich an ihrem Hund. Dann reicht sie den Pudel seinem Herrchen.

Einmal starb ein Schwimmer. Herzstillstand, gleich nach dem Hineinlaufen. Deshalb kreist jetzt ein Helikopter über den Winterschwimmern. Er ist verdammt nah und vom Roten Kreuz. Wühlt das Wasser auf, wirbelt die kalte Luft noch kälter.

Die Kälte erreicht die Schläfen, zieht in den Kopf, wirkt wie eine Droge. Ein Mann kommt aus dem Ozean gerannt. Ein Engländer, um die 50 und dünn wie ein Stecken. Als einer der vielen Fotografen ein Foto von ihm schießen will, tanzt er vor ihm wie ein Boxer, rempelt, rüpelt, boxt, und dem Fotografen fällt die Unterwasserkamera zurück ins Meer.

"Wussten Sie, wie kalt der Meeressand im Winter sein kann?", fragt ein alter Herr einen Jüngeren, der nur bis zu den Knöcheln im Wasser war, und schlüpft in den Frotteemantel. Der alte Mann hat einen Seestern auf der linken Brust tätowiert. Er gehört zum alten New York, mit Brooklyner Zungenschlag und Arbeiterhänden. Für ihn ist der Sand der eigentliche Kitzel beim Eisbaden. Wem das zu hart ist, sucht Schutz in Neoprenschuhen.

Nach zehn Minuten ist kein Schwimmer mehr im Wasser. Nur noch einer, der betrunkene Mexikaner. Er schwimmt, er lacht, schnalzt mit der Zunge, er öffnet die Arme, als würde er etwas Unsichtbares, Großes empfangen. Scarcella schickt einen jungen Mann zurück ins Wasser, um den Mexikaner freundlich zurück ans Ufer zu geleiten. "Von manchen guten Dingen", sagt er, "kann man zu viel kriegen."

In der gut 100-jährigen Geschichte des Clubs gab es nicht einen Tag, der den Schwimmern zu kalt war. Nur einmal kniffen sie. Das war am 7. Januar 2007. Die Eisbären drehten ihre Rücken zum Atlantik und schwiegen eine Minute. Stiller Protest gegen die Klimaerwärmung. Das Wetter sei so mild gewesen, sagt Louis Scarcella. Er überlege, den Club dichtzumachen, zumindest für eine Saison. "Ich habe mich noch nicht entschieden", sagt er, "aber es ist eine Möglichkeit. Es ist nicht mehr der Extremsport, den wir lieben."



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