Mit Baby in Burma Wo Kinder alles dürfen

Nein sagen, Grenzen setzen: Das ist wichtig, wenn man ein Kind erzieht, dachte ich. Die Burmesen zeigen mir, dass es auch anders geht.
Tom in Burma: Zuwendung statt Zurechtweisung

Tom in Burma: Zuwendung statt Zurechtweisung

Foto: Marcel Klovert

Morgens, kurz nach sechs. Thaung Hlaing, 62, klettert vor uns über Steinstufen und eine Holzleiter die Pagode hinauf. Dann stehen wir auf einem Sims, der kaum breiter ist als unsere Füße. Am Horizont schimmert es hell. Hunderte Tempel und Stupas ragen aus der kargen Ebene von Bagan. Wie filigrane Glocken zeichnen sich ihre Silhouetten gegen den Morgenhimmel ab.

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Erziehung in Burma: Land der sanften Eltern

Foto: Marcel Klovert

Thaung Hlaing ist Pagodenwächter und wartet mit uns auf den Sonnenaufgang. Sein rundes, freundliches Gesicht späht hinter ein paar Ziegelsteinen hervor, er winkt, seine Augenbrauen hüpfen auf und ab. Burmesisches Unterhaltungsprogramm für Tom, 16 Monate, der in der Trage auf meinem Rücken sitzt und lacht.

Wir reisen seit beinahe einem Jahr in der Elternzeit durch Südostasien, und wir sind mittlerweile daran gewöhnt, dass die Menschen unseren Sohn bestaunen und feiern wie einen Star. Doch so sanft und hingebungsvoll wie die Burmesen war bisher kaum jemand. Thaung Hlaing hat selbst sieben Kinder. Sieben! Ob er nicht manchmal genug hatte und laut wurde, wenn die Kleinen Unfug trieben oder jammerten? Der Pagodenwächter schüttelt den Kopf.

Nicht streng: Pagodenwächter Thaung Hlaing vor dem Sonnenaufgang in Bagan

Nicht streng: Pagodenwächter Thaung Hlaing vor dem Sonnenaufgang in Bagan

Foto: Marcel Klovert

Die ersten Sonnenstrahlen streichen über die Ebene bis zum Irrawaddy, Burmas größtem Strom, die Pagoden leuchten rot im Morgenlicht. "Ich habe nie mit meinen Kindern geschimpft", sagt Thaung Hlaing, und es klingt ehrlich. "Es sind Kinder. Sie können nicht anders." Irgendwann hören die meisten von selbst auf, mit Handys zu werfen, nach Brillen zu greifen und ins Klo zu fassen, sagt er. Egal wie oft ihre Eltern vorher versucht haben, sie davon abzuhalten.

Wir klettern von der Pagode herunter und betrachten die Gemälde aus bemaltem Sand, die Thaung Hlaings Sohn auf der trockenen Erde ausgebreitet hat. Tom spaziert quer über die Bilder von bunten Tieren und Mönchen. Ich will ihn zurückhalten. "Das macht nichts", sagt der Pagodenwächter. Sein Sohn, der Künstler, lächelt.

Ein gehobenes Restaurant in Mandalay. Draußen knattern Mopeds über die staubigen Straßen, ein paar Fahrradrikschas zockeln hinterdrein. Wir bestellen Salat aus fermentierten Teeblättern, Melonensaft, man reicht uns Palmzuckerstückchen zum Tee. Tom haut den Kellner mit einer leeren Plastikflasche. Ich zucke zusammen. Wie war das noch? Nicht schimpfen! Die hübsche Kollegin des Kellners lacht hell auf, nimmt Tom die Flasche ab und schlägt ihrerseits nach dem jungen Mann. Kinder dürfen Kinder sein. Erwachsene offenbar auch.

In Monywa fährt uns ein Mopedtaxi zu einem goldenen Buddha, der mehr als hundert Meter in den Himmel ragt. Die Sonne geht unter, als wir mit drei Kindern, die sich uns angeschlossen haben, die Stufen hochsteigen. Auf dem Plateau aus weißem Stein, zu Füßen des Buddhas, zeigen sie Tom, wie man betet. Er drückt sich platt auf den Boden, nur sein Popo schaut in die Luft. Ein Mädchen dreht ihn behutsam, so dass seine Stirn zu der gewaltigen Statue zeigt.

Vier Wochen reisen wir durchs Land. Yangon, Nay Pyi Taw, Monywa, Bagan, Mandalay. Wir treffen nirgendwo Kinder, die ungezogen, laut oder frech sind. Wie kann das sein, wenn ihnen niemand Grenzen aufzeigt, niemand sie bewusst zu erziehen scheint?

Tom leuchtet mit der Taschenlampe über die Wände einer Pagode

Tom leuchtet mit der Taschenlampe über die Wände einer Pagode

Foto: Marcel Klovert

Wir sitzen in unserer Unterkunft in Mandalay, ein Mix aus Kunstgalerie, Musikstudio und Pension. Ein Ehepaar aus den Shan-Bergen hat das Haus mit seinen fünf Kindern von oben bis unten bemalt und dekoriert. Die Wandbilder zieren blaue Elefanten, rote Eulen und Gitarren in grünem Gras. Es ist ein verspielter, friedlicher Ort. Pachelbels "Kanon und Gigue in D-Dur" klingt durch die Flure. Die erwachsenen Töchter geben im Erdgeschoss Geigenunterricht.

Familienvater Arr Lone, 51, wirkt mindestens so sanft wie der Pagodenwächter aus Bagan. Auch er hat seine Kinder nicht autoritär erzogen, sagt er. Das heißt nicht, dass sie stets tun durften, was sie wollten. Burmesische Eltern setzen schlicht nicht auf Strenge, sondern eher auf Ablenkung: Tom stolpert mit einem Besen über den Hof, die Borsten zeigen in die Luft. Bevor er fallen kann, hat Arr Lone ihm schon einen Ball zugerollt und ihm den Besen lachend aus den Händen genommen.

Morgen geht unser Flug zurück nach Bangkok. Tom klettert vom Bett, um am Kabel des Laptops zu ziehen. Ich rufe "Nein!". Es hilft nicht. Wenn ich ehrlich bin, ist es mir sowieso nur herausgerutscht, weil ich keine Lust hatte, ihm hinterherzulaufen. Also noch mal auf die burmesische Art: Ich stehe auf, suche das Bilderbuch und die Stapelbecher und spiele mit Tom, bis er müde wird. Das Kabel interessiert ihn nicht mehr.

Ich bin mir nicht sicher, ob burmesische Kinder ihre Grenzen kennen. Aber ich habe erlebt, dass ihre Familien ihnen viel Zeit und Zuwendung schenken. Vielleicht reicht das ja.

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Foto: Marcel Klovert

Laos, Myanmar, Kambodscha: Heike und Marcel Klovert reisten in der Elternzeit anderthalb Jahre lang durch Asien. Kurz nach Weihnachten 2013 brachen sie mit ihrem kleinen Sohn Tom nach Thailand auf. Seit Juni 2015 sind sie zurück in Deutschland.

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