Marketing-Kniff Fluggesellschaft bietet Reiseziele nach Musikgeschmack

Die Fluggesellschaft Emirates berät potenzielle Kunden, indem sie mit der Hilfe von Spotify aus deren Musikgeschmack passende Reiseziele ableitet. Frank Patalong findet das gaga.

Sydney: Musikalisches Muss
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Sydney: Musikalisches Muss


Empfehlungsmarketing ist eine dieser Innovationen, die uns die digitale Revolution eingebrockt hat. Amazon war da Vorreiter: Seit 1996 schlug uns das damals noch ganz und gar auf Bücherverkauf konzentrierte Unternehmen Ware B zum Kauf vor, wenn wir Ware A gekauft hatten. Und zwar, weil irgendein Heini das vor uns auch schon einmal getan hatte.

Wenn ganz viele Heinis dasselbe tun, spricht man von Schwarmintelligenz. Dass das ein absurdes Konzept ist, fällt kaum mehr jemandem auf. Schwarmintelligenz bedeutet, dass man von mir - einem Kunden - deshalb ein bestimmtes Verhalten erwartet, weil irgendwelche anderen Kunden das auch getan haben. Bei Fliegen klappt das übrigens ganz toll: Findet eine davon verrottetes Aas gut, gilt das für die anderen mit erheblicher Wahrscheinlichkeit auch.

Wie aber ist das beim Fliegen?

Die Fluggesellschaft Emirates hat sich soeben mit dem Musik-Dienstleister Spotify zusammengetan, um gemeinsam Empfehlungsmarketing zu betreiben. Laut Emirates sei die Verbindung von Musikgeschmack mit Reisevorschlägen eine "Inspirationshilfe".

Spotify lebt davon, Menschen mit Musik zu versorgen, Emirates' Geschäft ist es, Menschen von A nach B zu bringen. Wobei aus unserer Perspektive A meist hier ist und B ziemlich weit östlich. Emirates kennt die Vorlieben seiner Kunden ziemlich gut: Sie fliegen gern nach Osten.

Was den Dienst Spotify auszeichnet ist, dass er genau weiß, was seine Kunden so hören. Die meisten hören das, was die meisten hören, weshalb sich die Spotify-Charts auch nur mit wanderdünenhafter Geschwindigkeit verändern.

Spotify beobachtet aber auch den ganz individuellen Musikgeschmack seiner Kunden und leitet daraus Empfehlungen ab, was diese noch gern hören könnten. Das klappt zwar meist nicht, ist aber, wenn es mal hinhaut, durchaus beeindruckend.

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Reisemarketing: Wer Punk hört, muss nach Sri Lanka

Spotify will jetzt, mit Emirates' Hilfe, aus diesem Wissen für die Person passende Reisevorschläge ableiten - per "Playlist Analyzer". Das klingt total cool und zeitgeistig und erst wenn man darüber nachdenkt, ein bisschen doof: Das ist so, als würde man mir Essensmenüs aufgrund meiner Frisur vorschlagen. Oder meine Hosenfarbe als Indikator für meinen Literaturgeschmack nehmen. Oder mir, weil ich Schokopudding mag, eine blondierte Ukrainerin als potenzielle Partnerin vorschlagen.

Aber Schwamm drüber: Meckern ist billig.

Probieren wir die Sache doch aus!

Auf einer Marketingseite von Emirates kann ich mein Spotify-Profil einlesen lassen. Das besteht in meinem Fall aus rund 35 höchst unterschiedlichen Playlists, die ich für verschiedenen Anlässe zusammengestellt habe: Partys (eigene und die von Freunden), Reisen, allein hören, Essensuntermalung, wenn wir Gäste haben und so weiter.

Neben Punk finden sich darin deshalb Chansons, Klassik, Pop, irische Folklore, viel Indie und Alternative, ein paar dumpfe Achtzigerjahre-Party-Playlists, Schlager und so weiter. Kraut und Rüben.

Spotify leitet daraus mit hundertprozentiger Gewissheit ab: Ich muss nach Sydney. Und darüber gibt's keine Diskussionen. Viermalige Wiederholung ändert daran nichts: Es ist Sydney, Sydney, Sydney oder Sydney.

Ich beginne mich zu fragen, ob Emirates da ein Buchungsproblem hat. Ist Sydney nicht ausgelastet? Oder wird man jetzt automatisch nach Sydney verbannt, wenn jemand so eine Musik hört wie ich?

Sri Lanka: Lederjackenverkauf am Strand?
REUTERS

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Zweiter Versuch: Statt sich vom Algorithmus analysieren zu lassen, gebe ich dem System vor, was ich mag. Dazu bietet es mir einen kleinen Satz Lieder an, denen ich zustimmen kann (siehe Bildergalerie). Grob lässt sich das in drei Kategorien teilen: hirnloser Chartmüll, etwas angestaubter Punk und Crossover und elektronisch angepfiffener hirnloser Chartmüll.

Ich wähle also zwischen Elend und Armut, das System denkt nach - und entscheidet für mich: Sri Lanka. Wer so was hört, muss nach Sri Lanka!

Angeklickt hatte ich alles, was irgendwie punkig war. Sitzen also Hunderte Altpunks in Emirates' Sri-Lanka-Fliegern? Sri Lanka, du Refugium alternder Tütenschnüffler mit blauen Haaren! Du Traum aller Sicherheitsnadel-Fetischisten! Wo an paradiesischen Gestaden freundliche Händler handzerrissene und lackbeschmierte Lederjacken mit "King Kurt!" verkaufen! Wo man jedem Gast zur Begrüßung eine liebenswerte Hausratte überreicht! Punk-Land Sri Lanka!

Aber vielleicht hab ich das alles auch nur nicht richtig begriffen. Nur die Sache mit Sydney geht mir nicht mehr aus dem Kopf: Das klingt ja schon interessant - so rein musikalisch gesehen.

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