Englands Südwesten Die versunkenen Gärten von Cornwall

Alte Gärten in neuer Farbenpracht - in den kunstvoll angelegten Gartenanlagen von Cornwall und Devon können seltene und exotische Pflanzen aus aller Welt bewundert werden. Die meisten Gartenanlagen stammen noch aus dem 19. Jahrhundert.


Handland Abbey: Einst ein Kloster, heute das Zentrum eines kunstvoll angelegten Parks
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Handland Abbey: Einst ein Kloster, heute das Zentrum eines kunstvoll angelegten Parks

Newquay/Cornwall - Tom Hudson steht vor dem Anwesen Tregrehan, die Hände tief in die Taschen seiner Jeans vergraben. Frischer Wind lässt die dunklen Locken und die Fransen seines löcherigen Wollpullis wehen. Ob er der Chefgärtner sei, fragt ein Mann, der auf dem Parkplatz gerade aus seinem Wagen klettert. "Könnte man so sagen", antwortet Tom mit leisem Lächeln. Das ist britisches Understatement pur. Tom ist der Besitzer des viktorianischen Landhauses nahe Newquay in Cornwall. Der ehemalige Schafzüchter aus Neuseeland hat das Anwesen vor zehn Jahren geerbt. Wie ein Gutsherr sieht er immer noch nicht aus. Aber die vernachlässigte Grünanlage rund um sein Haus hat er zu einem Kleinod unter den Gärten im Südwesten Englands gemacht.

Rund 50 öffentlich zugängliche Gärten - in Privatbesitz oder verwaltet vom National Trust oder der Royal Horticultural Society (RHS) - gibt es in Cornwall und Devon. Die meisten von ihnen wurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts von reichen Adeligen und Geschäftsleuten angelegt. "Pflanzenjäger" genannte Spezialisten reisten damals in die Welt hinaus, um zum Beispiel Rhododendronsamen aus dem Himalaya und Baumfarn aus Neuseeland nach England zu bringen.

Vom Schafzüchter zum Gutsherren: Tom Hudson, Besitzer des Anwesens Tregrehan
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Vom Schafzüchter zum Gutsherren: Tom Hudson, Besitzer des Anwesens Tregrehan

Nach dem Zweiten Weltkrieg verwilderten viele der aufwendigen Anlagen, die eleganten Gewächshäuser und Gebäude verfielen. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts fanden sich dann aber Enthusiasten, die entweder alleine oder in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten diese "Versunkenen Gärten" von Unkraut und Gestrüpp befreiten und zu altem Glanz verhalfen.

Jeder dieser Gärten hat seine Besonderheit, keiner ähnelt dem anderen. In den meisten wachsen große Rhododendren-, Azaleen- und Hortensienbüsche, seltene Magnolien und exotische Farne und Bäume.

Parkanlagen wie zu Zeiten Queen Victorias

Tregrehan etwa besticht durch seinen großen Baumbestand aus tropischen Regionen in einer Anlage aus dem frühen 19. Jahrhundert. Außerdem steht auf dem Gelände ein Glashaus mit Holzstruktur aus dem Jahr 1846. Lanhydrock House & Garden in Bodmin dagegen ist berühmt für seinen einzigartigen runden Staudengarten und seine vielen Magnolien und winterharten Rhododendron-Hybriden. Die Anlage rund um einen schlossähnlichen Bau aus dem 16. Jahrhundert, der wiederum für seine einzigartige Bibliothek bekannt ist, geht auf 1857 zurück.

Herrschaftlich: Lanhydrock House aus dem 16. Jahrhundert
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Herrschaftlich: Lanhydrock House aus dem 16. Jahrhundert

Das Zentrum von Arlington Court in North Devon in der Nähe von Barnstaple ist ebenfalls ein beeindruckendes Herrenhaus, es stammt aus dem Jahr 1822. So massiv das von einem Park sowie Feldern und Wiesen umgebene Gebäude wirkt, so zauberhaft leicht wurde es von der letzten Bewohnerin, Rosalie Chichester, ausgestattet.

Die Familie Chichester lebte mehr als 500 Jahre auf dem 2700 Hektar großen Anwesen, von denen 30 Hektar zu Queen Victorias Zeiten im 19. Jahrhundert als Park angelegt wurden. Auf dem Gelände befinden sich noch ein Wintergarten, ein Zierteich und ein teilweise restaurierter Küchengarten. Als Besonderheit hat Arlington Court eine antike Kutschensammlung mit 58 Exemplaren zu bieten, fußmüde Gäste können sich auch im Zweispänner durch das Areal kutschieren lassen.

Blaurosa Hortensienhecken soweit das Auge reicht

Besonders charmant ist Trebah Garden bei Falmouth. Das liegt auch an der Geschichte des Gartens: Als der Schiffsmakler Tony Hibbert pensioniert wurde, suchte er ein schönes Haus an der Küste Cornwalls, auf dessen Terrasse er mit seiner Frau Eira Martinis trinken und seinen Ruhestand genießen konnte. Im Jahr 1981 kaufte er Trebah mit seinem weißen Herrenhaus - und entdeckte schnell, dass das umgebende, 26 Hektar große verwilderte Grün ein versunkener viktorianischer Garten war.

Tony Hibbert begann, sich durchzubuddeln - und heute ist das 160 Jahre alte Trebah berühmt für seine Sammlung seltener Bäume und Sträucher. Der subtropische Schluchtgarten hat einen Zugang zu einem Privatstrand am Fluss Helford. Im Frühjahr besticht er durch ein Blütenmeer von violetten und roten Rhododendren und im Sommer und Herbst durch endlose blaurosa Hortensienhecken.

Wer Cornwalls Gärten besichtigt, begegnet immer wieder dem Namen Fox. Die Quäkerfamilie lebte in Falmouth und begründete viele Gärten in der Region. In Trebah etwa, das er 1826 kaufte, soll Charles Fox die Bepflanzungsaktion von seinem Haus auf dem Hügel aus per Teleskop und Megafon geleitet haben. Die Gärtner im Tal mussten die Bäume solange hin- und hertragen, bis er sich sicher war, dass der Blick durch die Schlucht auf den Fluss nicht zuwachsen konnte.

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Englands Südwesten: Traumhafte Gärten und alte Gemäuer

Die bekannteste Gartenanlage in Cornwall und Devon sind die Lost Gardens of Heligan. Das heute rund 200 Hektar große Anwesen nahe Pentewan gilt als der "Lieblingsgarten der Nation". Heligan, seit mehr als 400 Jahren in Besitz der Familie Tremayne, war am Ende des 19. Jahrhunderts noch 1000 Hektar groß. Doch zu Beginn des Ersten Weltkrieges versank er unter einem Schleier von Unkraut, im Zweiten Weltkrieg durchpflügten amerikanische Panzer die Anlagen.

Nach einem Hurrikan begann 1990 die langsame Wiederentdeckung des Kleinods. «Heligan schlief wie Dornröschen unter Dornen», erzählt Hildegard Vineeto Wansleben, die heutige Besucher durch die Anlage führt. Inzwischen seien schon neun Hektar subtropischer Dschungel und verschiedene Küchengärten wieder hergestellt. Wanderwege führen durch nachhaltig bewirtschaftete alte Wälder, Feuchtgebiete und Felder. Im Zentrum von Heligan beeindrucken haushohe Rhododendren.

Der RHS Garden Rosemoor im Torrington Tal im nördlichen Devon ist weniger romantisch, aber ebenfalls beeindruckend. Er präsentiert sich als Botanischer Garten, durch den auch große Gruppen geführt werden. Direktor Malcolm Duncan gibt hier den kühlen "Upperclass-Briten". Die Anlage ist in Themenbereiche aufgeteilt: Es gibt zum Beispiel zwei Rosengärten mit mehr als 200 Sorten, einen Obst- und Gemüsegarten und einen Garten mit Bäumen und Sträuchern, die ungewöhnliche Blattformen haben.

Wer die viktorianischen Ursprünge sucht, wird rund um Rosemoor House selbst fündig: Hier ist der originale Garten der Begründerin Lady Anne Berry erhalten. Die resolute Dame war so von Gärten begeistert, dass sie einmal sogar die Abwesenheit ihres Gatten nutzte, um flugs dessen Tennisplatz in ein Rosenbeet zu verwandeln.

Gartenschau: Baronet Stucley und Ehefrau führen Besucher gerne selbst durch den Park
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Gartenschau: Baronet Stucley und Ehefrau führen Besucher gerne selbst durch den Park

Wer einen Blick in das Leben eines echten englischen Landlords werfen möchte, sollte sich Hardland Abbey bei Bideford ansehen, das Heim der Stucleys. Baronet Stucley und seine Gattin sehen aus wie ein gutes Double von Charles und Camilla, nur sind beide ein wenig attraktiver. Sie führen die Besucher gerne selbst durch den Park und ihr Haus - eine ehemalige Augustinerabtei - und zeigen beispielsweise das Foto eines ihrer Vorfahren, der 1936 Gold im Degenfechten bei den Olympischen Spielen in Berlin holte.

König Heinrich VIII. schenkte die im Jahr 1157 gegründete Abtei einst seinem Kellermeister William Abbott, mit dem die Stucleys direkt verwandt sind. Im Frühling blühen entlang des Wanderweges hinunter an den Atlantik Tausende von Blue Bells - einer duftenden, kleinen blauen Hyazinthenart. Der Labrador der Familie, "Bertie", pflegt die Gäste dort hinunter zu begleiten. Gegen Kekse, natürlich.

Apropos Kekse: Fast alle Gärten von Cornwall und Devon haben Cafés für die Erholung nach der Besichtigungung. Manchmal werden dort zum Tee die köstlichen Scones mit Clotted Creme und Marmelade gereicht, für die der Südwesten Englands so bekannt ist. Nichts schmeckt köstlicher nach einem langen Marsch an der frischen Luft.

Andenkenshops verführen zum Kauf von singenden Plüschspatzen und Blumenkalendern. Und natürlich gibt es auch Pflanzen zu erwerben, viele Besucher decken sich inspiriert ein. Doch an die imponierenden Gärten von Cornwall und Devon reichen die Bäumchen und Mini-Stauden lange nicht heran. Vielleicht sind sie in 100 Jahren soweit - wenn sie bis dahin nicht auch in irgendeinem Garten versunken sind.

Von Hilke Segbers, gms



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