Erdbebenort Kaikoura in Neuseeland "Für die Leute hier ist das entsetzlich"

Das Erdbeben in Neuseeland hat eine beliebte Touristenregion erschüttert. Wildlife-Fans aus aller Welt zieht es hierher, nun saßen Hunderte fest.

imago/ Bluegreen Pictures

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Schroffe Felsen, grasgrüne Klippen - und, wohin man auch guckt, rauscht der Ozean: Rund um die Kaikoura-Halbinsel ist die Natur von spektakulärer Schönheit. Doch die interessiert die Einwohner und Besucher vor Ort derzeit weniger: Die Gegend nördlich von Christchurch wurde vergangene Nacht von einem Erdbeben der Stärke 7,5 erschüttert.

Straßen sind durch herabgestürzte Felsblöcke versperrt, im Boden tun sich tiefe Spalten auf, in weiten Landstrichen fiel der Strom aus. "Es war das schwerste Beben seit 2009", sagte Vulkanologin Sara McBride. Zwei Menschen kamen ums Leben. Sechs Verletzte seien mit dem Hubschrauber nach Christchurch gebracht, 15 vor Ort behandelt worden, sagte der Arzt Christopher Henry. Wasser- und Abwasserleitungen waren schwer beschädigt. Er rief die Menschen auf, Wasser zu sparen und strikte Hygiene einzuhalten. Es würden in Kürze Desinfektionsmittel verteilt.

Nördlich von Kaikoura ging ein Erdrutsch in das Flussbett des Clarence nieder und staute das Wasser. Die Behörden warnten die Menschen in der Region, Abstand zum Fluss zu halten, weil das gestaute Wasser jederzeit durch die Schlammmassen brechen und eine Flutwelle auslösen könnte.

Die Katastrophe trifft eine von Neuseelands beliebtesten Urlaubsregionen mitten im Frühling - ausgerechnet zu Beginn der Hauptsaison. "Für die Leute hier ist das entsetzlich", sagte Premierminister John Key nach einem Überflug im Helikopter. Die Naturschäden seien größer als befürchtet, er sprach von der "absoluten Verwüstung". Es könne Monate dauern, das wieder herzurichten.

Was zeichnet die Region aus, in der nun Hunderte Urlauber gestrandet sind - viele davon in Campervans?

Bei Kaikoura trifft der Pazifische Ozean auf die neuseeländischen Alpen. Kaikoura ist einer der Orte auf der Welt, die zu gewissen Stoßzeiten im Jahr mehr Touristen als Einwohner zählen. Nicht mal 2000 Menschen leben hier permanent, doch rund 100.000 Touristen kommen jedes Jahr, um Wale zu beobachten.

Der Star unter ihnen ist ohne Zweifel der Pottwal. Er ist mit einer Länge von bis zu 15 Metern der größte unter den Zahnwalen - und kommt an der Ostküste von Neuseelands Südinsel besonders häufig vorbeigeschwommen. Anbieter von Bootstouren werben mit einer Sichtungsquote von 95 Prozent. Sollte ein Tourist bei einem Whalewatching-Ausflug einmal keinen Pottwal zu sehen bekommen, erhält er 80 Prozent des Preisen zurück, lautet das Versprechen.

Zwergpinguine und zwölf Arten Albatrosse

Neben Pottwalen schwimmen hier auch Orcas vorbei sowie von Dezember bis März Buckelwale - mit viel Glück ist auch mal ein Blauwal auf der Durchreise. Der Grund für das hohe Aufkommen an Meeressäugern sind die besonderen Bedingungen der Unterwasserwelt, unter anderem extrem tiefe Schluchten, nur 500 Meter vor der Küste. Zudem treffen warme und kalte Strömungen vor der Küste zusammen und sorgen dafür, dass die Nährstoffe aus den Tiefen des Ozeans nach oben transportiert werden. Die Wale müssen dadurch quasi nur noch das Maul aufsperren, um sich Plankton, Krill und Fische schmecken zu lassen.

Wer noch näher an Meeresbewohner herankommen möchte, und dabei auch selbst noch aktiv sein will, der bucht einen Kajaktrip, am besten mit Ranger. Im Küstengewässer paddelnd, kann man sich so die lokale Tierwelt erklären lassen - und dabei Herden von Delfinen und Pelzrobben aus geringer Distanz beobachten.

Die nun vom Erdbeben erschütterte Region rund 200 Kilometer nördlich von Christchurch hat außerdem die wohl größte Konzentration an Seevögeln in Neuseeland, darunter Zwergpinguine, Sturmtaucher und zwölf Arten Albatrosse inklusive dem vom Aussterben bedrohten Wanderalbatros.

"Einige Provinzstädte schwer betroffen"

Für Wildlife- und Outdoor-Fans ist Neuseeland ein Traumreiseziel. Spektakulär sind die Wanderwege entlang der Steilküste oder in den Seaward Kaikoura Ranges, dem Gebirgszug, an dem Kaikoura liegt. Für alle, die es gemütlicher mögen, bietet sich eine Zugfahrt mit dem Coastal Pacific Train an, der Christchurch mit Picton im Norden der Südinsel verbindet.

Wenn es in Europa kalt wird, startet hier die Hauptreisezeit. Katarina Kroll aus Großbritannien verbrachte gerade die Flitterwochen in Kaikoura, als die Erde bebte. "Wir sind hier gestrandet, die Halbinsel ist nach den Erdrutschen zu beiden Seiten vom Highway abgeschnitten", sagte sie dem britischen "Guardian". Nun warten sie und ihre Mann darauf, von einem Helikopter aus dem Küstenstädtchen abgeholt zu werden.

Nach Angaben von Regierungschef John Key saßen nach den Beben zeitweise etwa 1000 Touristen fest. Die Luftwaffe setzte kleinere Flugzeuge ein, um sie abzuholen. Außerdem wollte die Marine das Transportschiff "Canterbury" nach Kaikoura schicken.

Auch Steffen Schmitt aus Deutschland hielt sich zum Zeitpunkt des Bebens auf einem Parkplatz für Campervans auf und konnte die Straße nicht mehr passieren. "Man kannte die Straße kaum wieder, die Erde war total angehoben", sagte er.

"Die Aufräumarbeiten könnten Milliarden kosten", sagte Regierungschef Key. Ökonomen rechneten aber mit glimpflicheren Folgen als bei dem Erdbeben 2011 in Christchurch. In Christchurch kamen bei der Naturkatastrophe 185 Menschen um. Die Notenbank schätzte die Wiederaufbaukosten für das Beben auf 40 Milliarden neuseeländische Dollar (gut 26 Milliarden Euro).

Diesmal sei der Schaden in den größeren Städten offenbar überschaubar, sagte Nick Tuffley, Chefökonom der ASB-Bank. Allerdings seien "einige Provinzstädte schwer betroffen". Kaikoura zählt dazu.

Mit Material von dpa



insgesamt 5 Beiträge
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cobaea 14.11.2016
1.
Die Tourismus-Unternehmen bei Kaikoura unterscheiden sich von den meisten anderen in NZ dadurch, dass die meisten davon Maori-Genossenschaften gehören. Auf diese Art fliesst das Tourismusgeld direkt an die "Ureinwohner", von denen viele lange Zeit wirtschaftlich wenig zu lachen hatten. In Kaikoura kiegt der grlsste Teil des Geschäftes mit Wal- und Delphinbeobachtungen in den Händen dieser Genossenschaften. Bricht das Geschäft wegen der Erdbeben zusammen, leidet mehr als nur das Tourismusgeschäft.
fuzzi-42 14.11.2016
2. Wir....
...gehören zu denen, die diese Gegend noch unzerstört kennen - u.a die Albatros-"Kolonie", bestehend aus 3 (drei!) Paaren! Die Robbenkolonien (es gibt da mehrere) konnten wir zu Fuss besichtigen - fantastisch! Erdbeben sind in NZ zwar eher "normal" als selten; aber die grossen Beben sind schon ein Katastrophe für das Land. Unser Sohn lebte ein Jahr in Wellington und meinte jetzt ganz trocken, dass es "dauernd ein bisschen gewackelt hat". Mal sehen, was unsre Freunde in NZ zu berichten haben (sowohl aus Christchurch als auch aus Wellington). Übrigens folgen in dieser Gegend, wo es jetzt heftig schepperte, aktuell schon fast im Minuten-Abstand weitere Beben. Siehe hier: http://www.geonet.org.nz/quakes/felt
fuzzi-42 14.11.2016
3. Ergänzung:
Seit einer (!) Stunde auf der Südinseln 28 Nachbeben! Bis der Beitrag erscheinen wird, sind es wahrscheinlich schon wieder mehr. Siehe hier: http://www.geonet.org.nz/quakes/felt
KuGen 15.11.2016
4. Bitte präzisieren informieren!
Welche weiteren Provinzsstädtchen sind betroffen ?
derExistentialist 15.11.2016
5. Pottwal
Nebenbei zur Info: Pottwalweibchen werden bereits an die 15m lang, Bullen in der Regel um die 20m. Es wurden aber auch schon einige weitaus größere Exemplare gefangen (~25m).
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