Erlebnisreisen der anderen Art Bombenwetter in Bagdad

Die Vorbereitungen der USA und ihrer Verbündeten für einen neuen Golf-Krieg laufen auf Hochtouren. Dennoch bietet ein Göttinger Reiseveranstalter eine zweiwöchige Kulturreise in den Irak an. Eine Gruppe besonders abenteuerlustiger Urlauber will im April das Zweistromland erkunden.

Von Kristina Wahl


Präsidentenpalast: Nicht ganz der Turm zu Babel
AP

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"Mesopotamien, die uralte Kulturlandschaft zwischen Euphrat und Tigris hat schon immer auf alle am Orient Interessierten einen besonderen Reiz ausgeübt. Es gilt auch als Wiege der europäisch-abendländischen Kultur. Durch die politischen Konflikte war es lange Zeit schwierig, den heutigen Irak zu besuchen." So nachzulesen im Prospekt des Reiseveranstalters Orientexpress.

Dass der Golfstaat kurz vor einem Krieg steht, hat das auf Orientreisen spezialisierte Unternehmen aus Göttingen nicht verschlafen. Trotzdem plant es, mit einer Reisegruppe ab dem 12. April insgesamt zehn Tage im Irak zu verbringen.

Hartmut Niemann, von Haus aus Orientalist, ist der Organisator der ungewöhnlichen Tour und will auch die Reiseleitung vor Ort übernehmen. "Sie können sich sicherlich vorstellen, die Interessenten gehen nicht in die Hunderte". Momentan soll es immerhin acht Reiselustige geben, darunter zwei Amerikaner. Ab fünf Personen wird die Reise stattfinden, sonst gibt es kein Gruppenvisum. Individualtourismus ist im Irak nicht möglich. Einzelpersonen können das Land lediglich auf Einladung einer Privatperson, einer Institution oder eines Unternehmens besuchen. Das Visum gilt zunächst für zwei Wochen. Bei der Einreise muss eine Steuer in Höhe von circa 100 Dollar bezahlt werden.

Etwa 78.000 Touristen kommen jährlich in den Irak. Zum Vergleich: Nach Frankreich zieht es über 76 Millionen Besucher pro Jahr. Bei denen, die mit Orientexpress in das Land am Golf fahren wollen, handelt es sich nach Angaben Niemanns keineswegs um Kriegs-Schaulustige, sondern um Menschen, die die irakische Kultur kennen lernen möchten. Die Mythen des Zweistromlandes haben Eingang in die biblische Schöpfungsgeschichte gefunden. Die Mesopotamier gelten als Erfinder der Schrift und des Rades.

Wegen des internationalen Flugverbots sind Reisen in den Irak nur auf dem Land- oder Seeweg möglich. Niemanns Reiseunternehmen favorisiert die Anreise über Iran. Allgemein gelten Frühling und Herbst als die besten Reisezeiten für die Golfregion. Im Sommer ist es einfach zu heiß.

Ausgerechnet Irak

Auf der zehntätigen Rundreise sollen viele Sehenswürdigkeiten angesteuert werden. In Bagdad sind eine ausführliche Stadtbesichtigung und eine Fahrt zu den Grotten von Taq-e Bostan geplant. Anschließend soll die große Moschee von Mossul, das berühmte Spiral-Minarett, das shiitische Heiligtum der Imame Al Hadi und Al Askari und ein Kloster in der Nähe des biblischen Ninive besucht werden. Auch ein Besuch der Ruinen von Hatra, einst Hauptstadt des altarabischen Reiches, und des Heiligtums von Babylon stehen auf dem Programm.

Screenshot Orientexpress: Detaillierte Reiseplanung

Screenshot Orientexpress: Detaillierte Reiseplanung

Der Transport im Irak soll mit einem Reisebus erfolgen. Orientexpress hat seinen eigenen Agenten in Bagdad. Der Kontakt ist momentan allerdings schwierig. Seit zwei Wochen hat Niemann nicht mehr mit seinem irakischen Partner telefonieren können, die E-Mail-Korrespondenz funktioniere jedoch noch recht gut. Tourismus findet im Irak nur unter strenger Kontrolle der Regierung statt. Reisegruppen werden grundsätzlich von einem Mitarbeiter der so genannten Tourismusbehörde begleitet. "Dieser passt auf, dass die Reisenden nur das sehen, was sie auch sehen sollen“, erklärt Niemann.

Den Hotelstandard beschreibt der Reiseveranstalter indes als "lausig“. Nur das Rashid-Hotel in Bagdad entspräche einigermaßen europäischen Erwartungen. Allerdings würde "alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist". Alle internationalen Hotelkonzerne haben sich bereits vor Jahren aus dem Irak zurückgezogen. Insgesamt gibt es noch drei Hotels nach westlichem Standard: eine Bettenburg des indischen Oberoi-Konzerns in Basra und das Hotel Ninive in Mossul. Das Personal ist schlecht oder gar nicht ausgebildet und Gäste einfach nicht mehr gewohnt.

Ob die Reise in den irakischen Frühling allerdings stattfinden wird, ist noch nicht klar. "Als kleines Unternehmen können wir halt extrem flexibel reagieren“, so Niemann. Bei großen Reiseveranstaltern wie Studiosus ist der Irak schon seit längerem nicht mehr im Programm zu finden. Etwa einen Monat vor der geplanten Abreise will der Veranstalter endgültig über die Durchführung der Reise entscheiden. Niemann selbst schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass die Reise im April stattfindet momentan selbst "unter 50 Prozent“ ein. Angesichts der unsicheren Lage hat Orient-Express eine Abmachung mit seinen Kunden geschlossen: "Alles was Geld kostet, wird so spät wie möglich erledigt.“ So sind die Flüge zwar reserviert, die Tickets sind allerdings noch nicht ausgestellt. Der Reisefachmann weiß aus drei bisherigen Irak-Besuchen: "Die Situation im Lande ist immer anders, als in den ausländischen Medien berichtet wird." Dieses Phänomen kenne er auch aus Reisen in andere Krisengebiete. Im letzen Jahr musste die geplante Irak-Reise von Orient-Express ausfallen. Es gab nicht genug Interessenten.

Auf die Frage, ob es nicht gefährlich sei, jetzt in den Irak zu reisen, antwortet Niemann mit einer Gegenfrage: "In den Alpen sterben jährlich circa 40 Menschen bei Lawinenunglücken. Darf man dahin dann noch mit gutem Gewissen Reisen anbieten? "Die Iraker lebten schließlich jeden Tag dort. Außerdem solle der Trip keine Entspannungs-, sondern eine Bildungsreise sein. Gegen den Vorwurf des Abenteuertourismus verwehrt er sich allerdings entschieden. "Manche Menschen besuchen eben besonders gerne Länder mit schlechter Presse, um sich ihr eigenes Bild zu machen“, vermutet Tourismusexperte Niemann.

Seit Anfang der achtziger Jahre gebe es kaum noch Tourismus im Irak, so der Göttinger Reiseveranstalter. Dabei gehörte der Irak in den siebziger Jahren zu den reichsten Ländern der Region. Breite Boulevards durchziehen noch immer die Hauptstadt Bagdad.

Saddams Touristenparadies

Soldaten im benachbarten Kuwait: Hier soll es gefährlicher sein
DPA

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Als offizielle Entscheidungsgrundlage für Orient-Express gilt die Länderinformation des Auswärtigen Amtes. Bislang gibt es für den Irak allerdings noch keine Reisewarnung. Erwin Ganzer, Pressesprecher beim Auswärtigen Amt erklärt: "Um eine Reisewarnung auszusprechen, gibt es keine feste Checkliste. Für den Irak gibt es bislang "nur“ einen ziemlich scharf formulierten Hinweis. "Das Auswärtige Amt weist auf erhöhte Sicherheitsrisiken hin und empfiehlt, von Reisen in den Irak abzusehen. Deutsche im Irak sollten Vorbereitungen für eine Ausreise treffen."

Auch Ursina Ruegg vom Schweizer Orient-Reisen-Veranstalter Sina-Tours hatte für 2003 eine Reise in den Irak geplant. Im Oktober sollte es eigentlich losgehen. "Im Moment müssen wir die Kunden jedoch vertrösten. Die Nachfrage ist gering. Die Leute haben einfach Angst, da wir alle nicht wissen, was Herr Bush und Herr Blair gedenken zu tun. Ich würde aber spielend zehn Interessenten zusammen kriegen".

Screenshot Sinatours: Der Irak als Reiseland

Screenshot Sinatours: Der Irak als Reiseland

Im letzten Oktober waren drei Gruppen mit Sina-Tours im Irak: Ruegg richtet sich für gewöhnlich nach den Empfehlungen des Auswärtigen Amtes. Die Vorbehalte der Behörde hatte sie damals ignoriert. Aus eigenen Quellen war sie ihrer Ansicht nach besser informiert. Jedoch wurden die Reisenden über die Risiken der Reise aufgeklärt. Im Irak stieß die Reiseveranstalterin auf keinerlei Komplikationen. "Wir wurden unglaublich gut betreut.“ Nur vom Betreuer vom "Tourismusbüro“ fühlte sie sich überwacht. Allerdings gab es auch positive Überraschungen: So wurde eine von Rueggs Reisegruppen sogar ins Militärsperrgebiet gelassen.

Thomas Hofmeister, Doktorand für Ägyptologie an der Uni Basel, war zwei Mal als Reiseleiter für Ursina Ruegg im Irak. Er erklärt: "Sicherheit bedeutet im Orient Information". Deshalb wurden mit den daheim gebliebenen Verwandten Verschlüsselungen für die Telefonate ausgemacht. Wäre ein Krieg in der Region ausgebrochen, hätten diese zum Beispiel sagen müssen. "Alles ist zu Hause in Ordnung, nur unser Struppi hat mal wieder den Teppich vollgekotzt".

Für die Irak-Reisen wurden bei Sina-Tours ganz spezielle Sicherheitsvorkehrungen getroffen: Mit den irakischen Agenturen waren im Vorfeld spezielle Fluchtpläne ausgearbeitet worden. "Der Bus war immer so ausgestattet, dass man jederzeit außer Landes hätte fahren können. Das heißt, es war immer ausreichend Benzin und ein startbereiter Fahrer an Bord", erläutert der Ägyptologe. Probleme gab es allerdings bei der medizinischen Versorgung: Nach einem Hundebiss musste ein Passagier acht Stunden mit den Taxi ins benachbarte Amman gebracht werden, weil im ganzen Irak kein probates Medikament aufzutreiben war.

Screenshot Sinatours: Reiseveranstalter mit Irak-Erfahrung

Screenshot Sinatours: Reiseveranstalter mit Irak-Erfahrung

Auch Hofmeier gibt sich optimisch was derzeitige Irak-Reisen angeht. "Ich würde heute fahren. Die Amerikaner haben immer irgendetwas im Irak bombardiert. Es ist jetzt nicht gefährlicher als sonst." Angst davor, nicht wieder aus dem Irak ausreisen zu können, habe er nicht. "Man kann dem Régime alles unterstellen, aber im Irak wurden noch nie ausländische Geiseln genommen. Ich bin mir sicher, dass man uns unbehelligt raus lassen würde."

In Großbritannien und den USA haben Reiseführer über den Irak indes reißenden Absatz gefunden. Selbst das amerikanische Außenministerium soll sich einem Reisebuch-Verlag zufolge ein Standard-Werk über den Golfstaat zugelegt haben. In Deutschland ist diese Entwicklung bislang nicht zu beobachten. Christine Höger, Pressesprecherin des Online-Buchhändlers Amazon.de: "Wir sehen bei Reiseführern keine deutlichen Anstieg. Die deutschen Kunden kaufen im Vergleich zu den USA allerdings sehr viele Sachbücher über den Irak. Hintergründige Berichterstattung scheint sehr gefragt zu sein."



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