Sona Sherpa (r.) zurück im K2-Basislager: Zehn Nepalesen aus verschiedenen Teams feiern den Rekord
Sona Sherpa (r.) zurück im K2-Basislager: Zehn Nepalesen aus verschiedenen Teams feiern den Rekord
Foto: AFP

Erste Winterbesteigung des K2 »Für die Sherpas ist ein Traum in Erfüllung gegangen«

Zum ersten Mal ist der K2 im Winter bestiegen worden. Auf dem Gipfel des zweithöchsten Bergs der Welt zu stehen, ist auch ein Erfolg für eine neue Generation nepalesischer Bergsteiger.
Von Oliver Schulz

Am vergangenen Samstag stand erstmals ein Team von Bergsteigern im Winter auf dem zweithöchsten Berg der Welt. Kurz unterhalb stoppten die Alpinisten, um dann gemeinsam gegen 17 Uhr Ortszeit den Gipfel zu betreten. Alle zehn sind Nepalesen, neun davon stammen aus dem Volk der Sherpa.

»Es war alles perfekt, der Berg hat uns hinaufgelassen, das Wetter stimmte, die Stimmung im Team war gut«, berichtet Sona Sherpa, der am Sonntag vom Gipfel ins Basecamp zurückkehrte, per E-Mail dem SPIEGEL. »Aber es war geistig wie körperlich eine unglaubliche Herausforderung.«

Der K2 auf der pakistanisch-chinesischen Grenze ist mit 8611 Metern die zweithöchste Erhebung der Erde. Doch der Gipfel ist technisch weitaus anspruchsvoller als der Mount Everest. Die erste erfolgreiche Besteigung gelang 1954 den Italienern Achille Compagnoni und Lino Lacedelli.

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Erste Winterbesteigung des K2: Zehn Nepalesen auf dem Gipfel

Foto: Bartek Bargiel / Red Bull / AP Images

Seit den Achtzigern haben zahlreiche Expeditionen versucht, den Berg, der bis heute seine von britischen Vermessungsingenieuren im 19. Jahrhundert gegebene Nummer als Namen führt, auch im Winter zu besteigen. Die Bedingungen sind dann noch einmal härter als im Sommer: die Minusgrade extrem, die steilen Wände oft vereist. Auch heftige Höhenwinde und enge Schönwetterfenster machten bisher alle Versuche zunichte.

»Wir wussten, es wird sehr hart«, berichtet Sona Sherpa. »Ich bin zuvor bereits zweimal am K2 gewesen. Es ist schon im Sommer ein technisch äußerst harter Anstieg. Mental stand uns das sehr bevor. Wir wussten, es wird extrem, sehr viele Bergsteiger sind bereits bei diesem Versuch gescheitert.« Aber der K2 sei einzigartig: »Er ist ein gewaltiger Berg.«

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Aber das größte Hindernis für ihn sei die Kälte gewesen. Bis zu minus 45 Grad Celsius herrschen am Berg, der Windchill ist bei Geschwindigkeiten bis zu 100 km/h erheblich. Die Böen sind sehr gefährlich. »Davon hängt alles ab. Wir hatten das beste Equipment, das es gibt. Aber es war immer noch eisig. Am Gipfeltag hatte der Wind dann nachgelassen auf 15 bis 20 km/h. Die Temperatur lag bei 50 Grad minus. Sehr gute Bedingungen«, berichtet der 33-Jährige.

Er sei bei bester Gesundheit. »Allein wäre das für mich nicht möglich gewesen und auch so ein sehr schwieriger Anstieg. Die richtige Haltung ist entscheidend bei so einer Expedition. Mit dem Team zusammen hochzusteigen, war leicht. Wenn man zusammenarbeitet, ist man noch mehr zu einer positiven Einstellung gezwungen.«

»Wir sind stark, wir sind bestens trainiert«

Der aktuelle Erfolg war eine Teamleistung. Wochenlang hatten die Bergsteiger bei schlechten Wetterbedingungen in den unteren Lagern am Fuß des K2 ausgeharrt. Anfang Januar hatten Höhenwinde Zelte und Ausrüstungsgegenstände in dem höher gelegenen Lager 2 davongeblasen. Deshalb hatten die nepalesischen Bergsteiger der drei Teams von Nirmal Purja, Mingma Gyabu Sherpa und Seven Summits Treks beschlossen, sich zusammenzuschließen.

»Wir hatten im Sturm auch viel Sauerstoff verloren«, sagt Sona Sherpa. »Im Team war es leichter, die Ausrüstung erneut hochzuschleppen, dieselbe Arbeit ein zweites Mal zu machen.« Außer ihm und den Teamleitern standen auf dem Gipfel: Gelje Sherpa, Mingma Tenzi Sherpa, Pem Chhiri Sherpa, Dawa Temba Sherpa, Kili Pemba Sherpa, Dawa Tenzin Sherpa, Mingma Gyalje Sherpa.

Sona Sherpa hatte bereits ein Dutzend Mal Achttausender erklommen, viermal den Everest. Er war das einzige Mitglied des kommerziellen nepalesischen Anbieters Seven Summit Treks, das auf dem K2-Gipfel stand. Doch das von vier Bergsteigern aus dem Volk der Sherpa gegründete Unternehmen hatte erheblichen Anteil an dem Erfolg.

»Es ist ganz einfach unser Job«

Mit immerhin 22 zahlenden Teilnehmern und fast genauso vielen Mitarbeitern war die Expedition von Seven Summit Treks die größte in diesem Winter am K2. Die Mitarbeiter brachten Fixseile an, richteten Camps ein, transportierten Material in die Lager. Es war aber nicht nur ein gemeinsamer nepalesischer Erfolg – sondern auch ein besonderer Erfolg der Sherpa.

Sona Sherpa überrascht das nicht. »Wir hätten den K2 im Winter schon viel früher machen können, wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten. Denn für uns Sherpa ist es weniger eine Herausforderung, auf Berge zu steigen. Es ist ganz einfach unser Job. Unser Volk hat jahrzehntelang so gearbeitet, hat Ausrüstung auf die Berge geschleppt, Fixseile verlegt, geholfen, dass andere Bergsteiger ihre Ambitionen verwirklichen konnten. Wir sind stark, wir sind bestens trainiert. Die Sherpas haben nur ihre eigenen Träume selten wahr gemacht«, schreibt Sona. »Aber in diesem Winter ist einer in Erfüllung gegangen.« Die Voraussetzungen hätten gestimmt, es sei natürlich auch eine Frage des Geldes, der Sponsoren.

Auch Nirmal Purja, einer der Teamleiter und Ex-Soldat der britischen Special Forces, hebt auf Facebook die Teamleistung hervor: »Der K2 im Winter war eine heftige Herausforderung. Ich glaube fest daran, dass eine so gewaltige Leistung nie möglich ist, wenn man kein Ziel hat oder sie nur dem eigenen Ruhm dient«, schreibt der 37-Jährige. 

Und in einem früheren Post: »Eine inspirierende Vision aufzubauen, ist der Schlüssel. Die Entscheidung, den Gipfel zu erreichen, war schwer. Es war eine der größten Anstrengungen überhaupt, kein Zweifel. Es gab einige Situationen, in denen Teammitglieder aufgrund der extremen Kälte fast umgedreht wären.« Aber auf dem Gipfel zu stehen, sei berauschend gewesen – und Zeuge der schieren Kraft der Extreme von Mutter Natur zu werden.

»Manchmal sterben die, die man am besten kennt«

Der Andrang am K2 in diesem Winter war ungewöhnlich groß. 49 Menschen wollten sich am Gipfel versuchen, das Basecamp in Pakistan auf 5150 Metern Höhe war überfüllt. Der Ansturm wird auch auf die weitgehende Sperrung des Mount Everest wegen der Pandemie im vergangenen Jahr zurückgeführt. Jetzt noch warten zahlreiche hoch qualifizierte Bergsteiger auf das nächste günstige Wetterfenster, um ebenfalls erfolgreich im Winter hinaufzusteigen.

Aber dass der K2 eine ähnliche Entwicklung nehmen könnte wie der als Touristenziel in Verruf geratene Everest, bezweifelt Sona Sherpa. Die beiden Berge seien nicht zu vergleichen: »Auch der Everest ist ein schwieriger Berg. Aber vor allem müssen Bergsteiger am K2 bis heute alles selbst machen. Am Everest wird schon lange vieles von Helfern vorbereitet, die Gletscherquerung, die Fixseile. Der K2 wird nie ein so leichter Anstieg werden.« Vielleicht könne der K2 auch einmal pro Saison hundert Aspiranten anziehen, meint Sona Sherpa. »Aber dann klettern auf dem Everest wahrscheinlich schon 1500.«

Der Erfolg war Anlass zu feiern, doch gab es auch Tragödien am K2. Noch bevor die zehn Nepalesen den Gipfel erreichten, stürzte der spanische Kletterer und Co-Leader von Seven Summits Treks, Sergi Mingote, bei einem Abstieg in eine Gletscherspalte und starb. Am Tag nach dem Premieren-Gipfelerfolg wurde außerdem gemeldet, dass der russisch-amerikanische Bergsteiger Alex Goldfarb am nahe dem K2 gelegenen Trekkingberg Pastori Peak vermisst werde. Am Dienstag wurde bekannt, dass seine Leiche von der pakistanischen Armee gefunden wurde.

Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa bezeichnete den 49-jährigen Mingote auf Twitter als »persönlichen Freund«, er sei »bestürzt über die Nachricht von dem Unfall, der das Leben eines großartigen Sportlers beendet hat«. Mingote hatte in weniger als zwei Jahren sieben Berge über 8000 Meter ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen. Bei Mingotes Bergung war auch die Südtiroler Bergsteigerin Tamara Lunger dabei. Sie trauert auf Facebook um einen »wunderbaren Freund mit einem großen Herz«:

»Sergi war ein guter Freund«, schreibt auch Sona Sherpa. »Er war allein auf dem Abstieg, er kletterte ohne Sauerstoff und ohne Sherpa an seiner Seite, aber das machte er immer. Er war extrem erfahren.« Die Umstände seien unklar, vielleicht habe ihn ein Stein getroffen, jedenfalls sei er nicht gesichert gewesen. »Das passiert nicht das erste Mal«, schreibt Sona. »Manchmal sterben die, die man am besten kennt.«