Erziehungsdiktatur Amerika To park or not to park

Kaum etwas nehmen die Bürger der USA so ernst wie die Regeln für die Benutzung von Parkplätzen. Obwohl sie umständlich, unübersichtlich und schwer nachzuvollziehen sind. Die Strafen für Abweichler sind streng und werden rigoros eingetrieben.

Von Henryk M. Broder


Ratlos vor den Parkverboten: To park or not to park, that's the question...
Henryk M. Broder

Ratlos vor den Parkverboten: To park or not to park, that's the question...

Amerika, das weiß jedes Schulkind zwischen Anchorage und Tallahassee, ist "the land of the free and the home of the brave", das Land der Freien und die Heimat der Tapferen. Man kann in vielen Bundesstaaten der Union Waffen frei erwerben, seinen Namen nach Belieben ändern, es gibt keine Meldepflicht, keinen Ladenschluss und keine Kirchensteuer und überhaupt viel weniger Restriktionen im täglichen Leben als in Deutschland, wo fast alles reglementiert wird, von der Sozialversicherung für freiberufliche Prostituierte über die Buchpreisbindung, die Hunde- und Putzfrauensteuer bis zum Fleischgehalt in Buletten.

Amerikaner können über solche Vorschriften nur lachen. Allerdings: Das Lachen vergeht ihnen rasch, und die Überlegenheit, die sie Europäern gegenüber an den Tag legen, wenn es um individuelle Freiheiten geht, weicht kleinlautem Missmut, wenn die Rede auf die Parkregeln kommt. Da herrschen in den USA geradezu "europäische Verhältnisse", es scheint, als würde sich die ganze Ordnungswut an einer einzigen Aufgabe austoben: Wie kann man die Autofahrer optimal verwirren, so dass sie möglichst viele Fehler begehen, damit man sie mit wenig Aufwand gnadenlos abkassieren kann?

Die Parkvorschriften sind von Straße zu Straße verschieden. Einen Tag darf man auf der linken Seite parken, an einem anderen Tag nur auf der rechten, mal nur morgens und mal nur nachmittags. Aber das wäre noch einfach zu erklären - mit der Notwendigkeit der Straßenreinigung - und auch einzuhalten. Schwierig bis unmöglich wird es bei additiven Regelungen, die so kompliziert sind, dass sie niemand verstehen kann. Man sieht die Menschen dann ratlos vor den vielen Schildern stehen und hört, wie es in ihnen denkt: To park or not to park, that's the question...

Zwischen 6 und 18 Uhr nur zwei Stunden

Da darf man im Prinzip das Auto stehen lassen, aber nicht von 18 Uhr bis 6 Uhr, von 6 Uhr bis 18 Uhr nur höchstens zwei Stunden, aber nicht am Montagmorgen und Freitagnachmittag. Eine Parkuhr ist gut für eine halbe Stunde, die nächste für zwei Stunden, die dritte für fünf, aber nicht zwischen 3 und 5 Uhr in der Nacht. In der Valet-Zone darf man das Auto überhaupt nicht abstellen, die wird von einem Restaurant gebraucht.

Verwirrende Parkregeln: "Oh god, my time is up!"
Henryk M. Broder

Verwirrende Parkregeln: "Oh god, my time is up!"

Das Tollste, was ich je gesehen habe, war eine defekte Parkuhr in der 4th Street von Santa Monica. Die war mit einer Lederhaube verhüllt, darauf stand "out of order". Und niemand stellte sich vor die defekte Uhr, es wäre ungesetzlich gewesen, obwohl Hunderte, Tausende, Millionen von Autofahrern einen Platz suchten. Das war einer der wenigen Augenblicke, da ich die deutsche Anarchie der amerikanischen Ordnung vorzog. Die Parkplätze sind für große Limousinen bemessen, oft würde zwischen zwei Autos noch ein drittes passen, aber auch das ist nicht erlaubt.

Wenn es um das Parken geht, ist Amerika, "the land of the free and the home of the brave", eine Erziehungsdiktatur mit Zöglingen, die selber wie Automaten funktionieren. Man sitzt mit netten Menschen in einem Café, spricht darüber, wie wichtig es ist, "freedom and liberty" in der ganzen Welt zu verbreiten, plötzlich ruft einer: "Oh god, my time is up!" und rennt los, um ein paar Quarter in die Parkuhr zu stecken. Genau genommen, ist auch das nicht erlaubt, weswegen manche ihr Auto umsetzen, was zusätzlichen Verkehr produziert, denn auch andere setzen gerade ihr Auto um - von einer Parkuhr zur anderen.

Das System überlistet

Thierry mit eingetüteter Parkuhr: Sechs Quarter für 15 Minuten
Henryk M. Broder

Thierry mit eingetüteter Parkuhr: Sechs Quarter für 15 Minuten

Hier eine wahre Geschichte, ich schwöre, dass sie sich so abgespielt hat: Ich war mit Thierry im "Lago" verabredet. Er kam mit seinem Audi Cabrio und freute sich, dass er einen Platz direkt vor dem Café gefunden hatte. An einem der Schilder unterhalb der Uhr stand, dass man eine Stunde parken darf. Thierry steckte vier Quarter in die Uhr und stellte fest, dass der Zeiger bei "15 min" stehen blieb. Er steckte noch zwei Quarter in die Uhr, der Zeiger bewegte sich nicht. Daraufhin ging Thierry, der seit 20 Jahren in den USA lebt, aber immer noch ein praktizierender Franzose ist, in das Café, ließ sich eine Plastiktüte geben und zog sie über die Parkuhr.

"Good idea, isn't it?" Zwei Teller Pasta und eine Flasche Pellegrino später stand plötzlich eine Polizistin von der Abteilung "Traffic Service" in der zweiten Reihe und hatte schon ihren Minicomputer in der Hand, um ein Ticket auszustellen. Thierry ließ die Espresso-Tasse fallen, sprang auf und rannte auf die Straße, um ihr die Situation zu erklären. Er steckte noch zwei Quarter in die Uhr, der Zeiger sprang wieder auf "15 min", die Polizistin musste einsehen, dass die Situation "unklar" war und ließ Gnade vor Unrecht ergehen. Thierry war glücklich, nicht so sehr, weil er 30 bis 40 Dollar gespart, sondern weil er das System überlistet hatte.

Thierry und das Groschengrab: Polizistin lässt Gnade vor Unrecht ergehen
Henryk M. Broder

Thierry und das Groschengrab: Polizistin lässt Gnade vor Unrecht ergehen

Das schaffen auch andere, aber der Aufwand ist beträchtlich. Margit arbeitet für eine deutsche Einrichtung in Los Angeles, die ihren Mitarbeitern keinen Parkplatz im Haus bezahlt. Also stellt sie ihr Auto in einer Seitenstraße in einer "non-metered-zone" ab. Wollte sie nur einkaufen, wäre das ideal, aber sie arbeitet acht Stunden täglich und das Zeitlimit in der "non-metered-zone" ist zwei Stunden. Und es wird von "parking enforcement"-Kräften überwacht, die die Räder mit Kreidestrichen markieren, um zu sehen, ob die Autos bewegt worden sind. "Das halbe Büro ist damit beschäftigt, alle zwei Stunden auf die Straße zu rennen, um die Autos umzusetzen", sagt Margit, "für die Disziplin am Arbeitsplatz ist das nicht unbedingt das Beste."

Die "Tow away"-Drohung

Trotzdem hat Margit neulich ein Ticket bekommen, weil sie die zwei Stunden um ein paar Minuten überschritten hatte. "Ich war grade am Telefon." Sie wird die 35 Dollar bezahlen, denn wenn sie nicht zahlt, bekommt sie eine Mahnung über den doppelten Betrag. Und dann? "Dann wird ein warrant ausgestellt", ein Haftbefehl. Aber es kommt kein Gerichtsvollzieher und kein Polizist ins Haus, das wäre zu mühsam, zu aufwendig und zu uneffektiv. Der warrant wird in der zentralen Datei gespeichert, und falls Margit in eine Geschwindigkeitskontrolle gerät und angehalten wird, schaut der Polizist in der Datei nach und sieht, dass Margit ein Ticket nicht bezahlt hat. "Und dann hört der Spaß auf." Margit wird auf der Stelle festgenommen, der Wagen "impounded", bis Yoel, Margits Mann, kommt und beide freikauft, was erheblich mehr kostet als das ursprüngliche Ticket.

Tow-away-Drohung vor Restaurant Greenblatt's: Halbleere Parkplätze
Henryk M. Broder

Tow-away-Drohung vor Restaurant Greenblatt's: Halbleere Parkplätze

Für die Stadt, sagt Yoel, ist das "a major source of revenue", eine wichtige Einnahmequelle. Und deswegen werden die Regeln rigoros durchgesetzt. Das meistgebrauchte Wort auf den Parkplätzen ist "tow away zone", es bedeutet: "Sie werden abgeschleppt, wenn Sie nicht in dem Laden einkaufen oder nicht in dem Restaurant sitzen, dessen Parkplatz Sie benutzen." Und so stehen die großen Parkplätze von "Ralphs", "Blockbuster", oder "Gold's Gym" oft halbleer, während verzweifelte Autofahrer ihre Runden auf der Suche nach einem Abstellplatz drehen. Wie die Geschäfte ihre Parkplätze kontrollieren, ist nicht immer klar, oft auch nicht nötig, denn allein schon die Tow away"-Drohung entfaltet ihre erzieherische Wirkung.

Ein Freund beobachtete, wie auf einem McDonald's-Parkplatz ein Mitarbeiter die Reifen der geparkten Autos mit einem Pinsel markierte, jede halbe Stunde mit einer anderen Farbe, so hatte er immer die Übersicht, wie lange die Autos schon auf dem Platz waren.

Schilderwald: Wie man die Autofahrer optimal verwirrt
Henryk M. Broder

Schilderwald: Wie man die Autofahrer optimal verwirrt

All das lassen sich die Amerikaner über sich ergehen, ohne zu rebellieren, ganz im Sinne von Janis Joplin: "Freedom is just another word for nothing left to lose". Sie fühlen sich nicht ungerecht behandelt, denn die Regeln gelten für alle. Nur ab und zu beschwert sich einer, wie vor kurzem ein "senior citizen" von Santa Monica in einem Leserbrief an den "Santa Monica Mirror" über die "Parking Meter Nazis", die ihn zwingen, 25 Cents für 15 Minuten Parkzeit zu bezahlen, wenn er an den Strand will, und das sogar nach 18 Uhr!

Wer der Verfolgung durch die "Parking Meter Nazis" entkommen möchte, der fährt Bus oder kauft sich den "Los Angeles Parking Guide", ein 284-Seiten-Handbuch für 15 Dollar mit allen öffentlichen Parkplätzen von Beverly Hills bis Westwood. Natürlich ist der Parkplatz, in dessen Nähe man grade ist, entweder voll oder schon geschlossen. Dennoch ist das Buch eine praktische Sache: Für die Leute, die es geschrieben haben, und für den Verlag, der es auf den Markt gebracht hat.



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