Aida Lofty: Betreiberin des Riads Mellow Beach House bei Essaouira und Besitzerin von Surfschulen
Aida Lofty: Betreiberin des Riads Mellow Beach House bei Essaouira und Besitzerin von Surfschulen
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Holde Schneider

Die Frauen von Essaouira »Liebe heimlich, lebe glücklich«

Essaouira hat uralte vielfältige kulturelle Wurzeln wie keine zweite Stadt Marokkos. Westliche und hippieske Einflüsse bestimmen heute den Ton der Toleranz – was es vor allem für Frauen als Reiseziel attraktiv macht.
Von Andrea Müller

Ein Sommerabend im August 2019, ein ockerfarbenes Gästehaus auf einem Hügel am Ende eines Schotterwegs an der Westküste Marokkos. Es ist zu windig für die Terrasse, also deckt Siham im Salon fürs »Dîner«. Sie trägt Schürze und Kopftuch, ordnet Silbermesser, -gabeln und -löffel mit orientalischen Gravuren rund um die Tajine im Tontopf.

Ein französischer Gast der Villa Gonatouki macht ihr ein Kompliment, doch sie schüttelt den Kopf, als wolle sie es keinesfalls behalten. Ausgerechnet hier, in dem Dorf, wo Frauen nur selten auf die Straße gehen, schon gar nicht ohne Kopftuch, wird weibliche Attraktivität nicht offen zur Schau gestellt. Als älteste Tochter eines Fischers und einer streng gläubigen Muslimin hat Siham früh erfahren, dass Schönheit in ihrem Land eine Ware ist, die für Frauen nicht unbedingt Glück bedeutet. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag überließen ihre Eltern sie dem meistbietenden Bräutigam.

So ist nun mal die Tradition hier, in Ghazoua, zwischen Eseln und Ziegenherden, oberhalb von Essaouira. Doch dort, knapp zehn Kilometer weiter in Richtung Küste, weht zumindest ein Hauch von Freiheit durch die windschiefen Gassen innerhalb der Stadtmauer. In der Stadt am Atlantik, die in Broschüren des marokkanischen Fremdenverkehrsamtes als »Tochter der Toleranz von kultureller Vielfalt« angepriesen wird.

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Essaouira: Hand in Hand am Strand

Foto: Holde Schneider

Ab der ersten Kurve in Richtung Küste kann Siham den Hafen sehen. Und manchmal auch hören, so laut kreischen die Möwen über der Stadtmauer, der Sqala, wenn sie am Nachmittag über fangfrischen Sardinen am »blauen Hafen« kreisen. Am Hafen von Essaouira, das vor der Unabhängigkeit Marokkos 1956 noch Mogador hieß. Dort sieht man junge Frauen in Shorts oder sogar Hand in Hand mit Freunden zwischen Teppich- und Gewürzhändlern flanieren. Ob Siham sich das eines Tages trauen wird, weiß sie noch nicht.

Heute, zwei Jahre später, ist Siham 23 Jahre alt und geschieden. Sie wohnt vorübergehend wieder bei ihren Eltern. »Viele Marokkanerinnen in meinem Alter lassen sich scheiden, seit es erlaubt ist. In der Wüste verheiraten sie ihre Töchter mit elf oder zwölf Jahren«, erzählt sie, die ihren Nachnamen lieber nicht veröffentlicht wissen will.

Und Bruno Ernst, Besitzer der Villa Gonatouki und eingewandert aus Lille in Frankreich, habe sie bei der Scheidung unterstützt. Bei Bruno hat sie Grundkenntnisse im Hotelfach, im Kochen und in Französisch gelernt. »›Fünf Worte täglich – sonst lasse ich euch nicht gehen‹, sagte er uns Mädchen jeden Abend.« Jetzt warte sie auf den Tag, bis es wieder Arbeit gebe. »Ich vermisse das Kochen, Gespräche mit Brunos Gästen aus der westlichen Welt«, sagt Siham, in der Hotellerie liege ihre große Chance. »Nach Corona« will sie endlich »frei sein«.

Aufgewachsen mit Surfbrett an den Füßen

Aida Lofty dagegen hat sich nie von marokkanischen Traditionen in Schranken weisen lassen, sie sucht eher die richtige Balance aus Freiheit und Diskretion. »Meine Mutter war Chefin bei uns zu Hause. Von ihr habe ich gelernt, dass Mädchen ihr eigenes Ding machen müssen. Wir sind sehr europäisch erzogen worden.« Als eines von wenigen Mädchen Marokkos ist die heute 27-Jährige mit Surfbrett an den Füßen aufgewachsen.

»Mein Vater hat damals ein uraltes, handbemaltes Brett aus Holz in den Souks gekauft, eigentlich als Wandschmuck. Das habe ich mir genommen, um täglich am Stadtstrand von Casablanca zu üben.« Es wurde das Brett, das ihr die Welt bedeutet: Aida nahm an internationalen Wettbewerben teil und baute zwei Surfschulen mit auf. Sie ist Surflehrerin, auch für Kinder, und seit Juli stolze Betreiberin des malerischen Riads Mellow Beach House, das sie zusammen mit ihrem französischen Partner 25 Straßenkilometer südlich von Essaouira, mitten im Kiter-Paradies Sidi Kaouki, eröffnet hat.

Höchstens der Wind hält sie davon ab, sich so anzuziehen, wie es ihr gefällt. »Ich wundere mich oft über junge Mädchen, die sich freiwillig verschleiern. Aber es wird langsam besser für uns Frauen in Marokko, seit König Mohammed VI. einige Reformen eingeführt hat. Wir können uns scheiden lassen. Wir können uneheliche Kinder, auch jene, die durch Vergewaltigungen entstanden sind, zu offiziellen Bürgern Marokkos erklären.«

Trotz ihrer feministischen Ader möchte Aida ihren Familienstand nicht öffentlich nennen. »Frauen, die in wilder Ehe leben, gelten als Prostituierte. Wir Marokkaner sollen jemanden heiraten, ohne ihn zu kennen. Unfassbar, oder?« »Liebe heimlich, lebe glücklich«, das sei das Motto. »Aber in Essaouira können wir Frauen uns relativ frei bewegen.« Auch deshalb sei sie aus Marrakesch hierhergezogen. Und wegen der Natur, der besseren Lebensqualität am Meer. Vor allem in den Wellen fühle sie sich wirklich frei.

Denn Freiheit der Frauen in ihrem Land – das sei immer noch ein Thema voller Widersprüche. Immer noch werden Personen, die des Ehebruchs überführt werden, festgenommen, »Tendenziöse Handlungen« zwischen Menschen gleichen Geschlechts werden mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe geahndet.

Sogar im 160 Kilometer entfernten Marrakesch, was spätestens seit Nabil Ayouchs international gehyptem Kinofilm »Much loved« 2015 als Hauptstadt der Prostitutions-, Trans- und Schwulen-Szene gilt, kommen derartige Verhaftungen immer wieder vor, erzählt Hamid Amadi, ein Taxifahrer, der fast täglich zwischen beiden Städten hin- und herpendelt. Der einst dort lebende Autor Helge Timmerberg bezeichnete die Stadt einmal als »einen einzigen riesigen Puff«.

Der Geist von »Love & Peace«

Obwohl Essaouira mit knapp 78.000 Einwohnern dagegen klein ist, weht hier immer noch der Geist von »Love & Peace« durch die Gassen, seit in den Sechzigerjahren Jimi Hendrix und auch Bob Marley hier lebten. Dies impliziert auch Freiheiten sexueller Art: Auch das Gnaoua-Festival, ein spirituell angehauchtes Musikevent von Nachfahren schwarzer Sklaven aus der Subsahara, wird wie alle Musikfestivals im Land beharrlich des Sittenverfalls bezichtigt. Es lockt alljährlich 100.000 Musiker aus aller Welt an – inzwischen musste es allerdings schon zum zweiten Mal wegen Corona ausfallen.

»Das Festival ist kulturell und wirtschaftlich wichtig für unsere Stadt«, sagt Claudia Stirnweiss, eine Deutsche, die an keinem anderen Ort mehr leben möchte. Hier ist sie nach dem Aufbau einer NGO in Ecuador vor zehn Jahren auf der Suche nach sich selbst angekommen. Sie schwärmt von der Verschmelzung von Mensch und Natur bei den Berbern vor den Toren Essaouiras, vom einfachen Leben, was den Menschen ein Gefühl von Erdung vermittle.

»Spirituelle Dinge saugen die Menschen aus der westlichen Welt auf wie Schwämme«, sagt die gebürtige Fränkin. Zwei marokkanische Mitarbeiterinnen hat Claudia bei berberlands.org, gemeinsam organisieren sie Touren ins Hinterland. Seit 2017 Tochter Yuna zur Welt kam, ist Claudia alleinerziehend, bleibt als Europäerin jedoch von der üblichen Verurteilung durch die marokkanische Gesellschaft verschont.

Alleinerziehende Mutter zu sein, inmitten der patriarchalen Ordnung Marokkos, ist immer noch ein Tabu. In Essouira aber herrsche »ein Klima der Toleranz«, sagt Claudia. Zudem gebe es die Association Solidarité Féminine, eine gemeinnützige Organisation, die sich vor allem alleinerziehender Mütter annehme, die als rechtlos und entehrt gelten, die im Fall der »Schande« (h'chouma) sogar von ihren eigenen Familien verstoßen werden.

Geborgen in den engen Gassen

Auch die einheimische Künstlerin Chama Attar, 52, deren Familie eine Galerie in der Medina besitzt, schwört auf »ortsübliche« Diskretion, sagt sie, die oft einfach »Klappe halten« bedeute. Gern erzählt sie die Anekdote, als Pariser Freunde einst das Theaterstück »Vagina-Monologe!« auf die Bühne bringen wollten. »Ich sagte ihnen, das geht nicht in Marokko, sie bewerfen euch mit faulen Eiern. Also haben wir das Stück in einem privaten Wohnzimmer inszeniert.« Das zumindest war hier möglich, ohne, dass einer sie verraten hätte.

Auch Chama ist geschieden, Muslimin und Feministin, was sich keinesfalls widerspreche. Ob sie selbst einen Freund habe, eine Freundin, oder überhaupt ein Liebesleben, das werde sie nicht öffentlich sagen. Ob sie sich denn hier frei fühle? Ja, sagt sie, Chama mag das Leben in ihrer Stadt. Sie fühle sich geborgen, in den engen Gassen mit dem marodem, bröckeligem Charme aus Tausendundeiner Nacht, zwischen Berbern und deren Handwerk, Lederpoufs, Schnitzereien, bemalter Keramik, dem Duft von Safran und Minze in orientalischen Innenhöfen.

Vor den Passatwinden fühle sie sich mit Kopftuch und Tschador gut geschützt, sagt Chama. Draußen in den Dünen weht er so heftig, dass man ins Straucheln kommt. Auch Siham ist den Wind gewöhnt, der manchmal ihr ganzes Dorf mit roter Erde bedeckt – wo es zurzeit kaum Arbeit gibt und sie nur heimlich verliebt sein darf.

Doch immerhin, erzählt sie und kichert, seit ein paar Wochen bummle sie Schulter an Schulter mit ihrem neuen Freund durch die Gassen oberhalb des Hafens.