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12. Oktober 2018, 04:51 Uhr

"European Outdoor Filmtour"

Wo selbst Helikopter scheitern

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Auf einen Achttausender klettern? Der Franzose Antoine Girard fliegt lieber mit dem Gleitschirm auf die höchsten Berge der Welt: Bei der "European Outdoor Filmtour" erzählt er, warum er nicht die Höhe fürchtet - sondern die Menschen am Boden.

Viele Bergsteiger träumen davon, einmal im Leben auf einem Achttausender zu stehen. Doch es ist nicht nur risikoreich und zeitaufwendig, sondern schlichtweg eine Tortur, sich Schritt für Schritt einen Berg hochzuquälen, während der Sauerstoffgehalt der Luft immer geringer wird. "Ich bin dazu zu faul", sagt Antoine Girard. "Ich nehme lieber meinen Gleitschirm, das ist einfacher und nicht so mühselig."

Wer im Film "8000+", der in der aktuellen "European Outdoor Filmtour" (E.O.F.T.) gezeigt wird, Girards von der Kälte aufgeplatzten Fingernägel sieht, ahnt, dass das ein Witz war.

Im Juli 2016 brach der Paraglider auf, um knapp einen Monat lang das Karakorum-Gebirge in Zentralasien zu erkunden. Alleine. Er wollte herausfinden, ob es möglich ist, mit seinem Gleitschirm bis zum Gipfel des 8051 Meter hohen Broad Peak zu fliegen - vorbei an den höchsten Bergen Pakistans.

In solchen Höhen haben selbst Helikopter Schwierigkeiten. "Die Luft ist so dünn, dass es kaum Thermik gibt. Man muss also genau den richtigen Zeitpunkt abpassen, in dem die Aufwinde dich auf über 8000 Meter tragen", sagt Girard. "Wenn man zu hoch fliegt, kann man in Winde mit mehr als 200 km/h geraten." Dem würde der Gleitschirm wahrscheinlich nicht Stand halten. Hinzu kommen die Temperaturen: Bei minus 20 Grad helfen auch dicke Handschuhe nicht mehr viel, die Finger drohen zu erfrieren.

Der Karakorum erstreckt sich zu einem großen Teil in Pakistan. Täglich musste Girard aus der Luft nach einem geeigneten Landeplatz Ausschau halten, wo er auch sein Nachtlager aufschlagen konnte. Unten: wilde Tiere, Bären, Wölfe - oder auch Menschen. "Ich habe Angst vor den Taliban", sagt Girard im Film. Tatsächlich begegneten ihm einmal bewaffnete Männer, als er mit seinem Schirm zwischenlandete. Doch sie inspizierten nur neugierig Girards Ausrüstung und wollten ein Selfie.

"Das war der Moment, wo ich am meisten Angst hatte", sagt der Extremsportler im Nachhinein. Die Aussage wirkt fast ironisch, wenn man die Szenen sieht, wie er mit dem Gleitschirm am Nanga Parbat fast in ein Unwetter gerät oder auf fast 7000 Höhenmetern feststellt, dass sein Sauerstoffgerät kaputt ist.

Im Video: Trailer der aktuellen E.O.F.T.

Die Risiken, die Unannehmlichkeiten schreckten Girard nicht ab. "Ich teste gerne meine Grenzen aus", sagt der Franzose. Das Biwakfliegen, also das Fliegen mit einem Gleitschirm, Zelt und Schlafsack über mehrere Tage hinweg, bedeute für ihn ein immenses Freiheitsgefühl.

Wenn Extremsportler von ihrer Leidenschaft erzählen, fehlt Laien oft die Vorstellungskraft davon, wie es sich anfühlt - und das Verständnis, warum die Sportler sich teilweise bewusst solchen enormen Risiken aussetzen. Die E.O.F.T. vermittelt anhand der meist aufwendig produzierten Filme einen Eindruck davon, was die Sportler treibt, weckt Reisefieber und Abenteuerlust.

In "8000+" filmt Girard fast alles mit einer Action-Kamera. Die Bilder, die von seiner Helmkamera aufgenommen wurden und seinen Blick während des Flugs über das Karakorum-Gebirge zeigen, sind so atemberaubend wie der Blick der Mountainbiker im Film "North of Nightfall", bevor sie mit ihren Fahrrädern eine nie zuvor befahrene Geröllpiste hinunter brettern.

Nichtkletterer fiebern mit Adam Ondra mit, wenn er immer wieder an der schwersten Route der Welt scheitert und sind erleichtert, als er sie nach zigfachen Versuchen dann doch schafft. Nichtbergsteiger freuen sich mit dem einbeinigen Tom Belz, wenn dieser den Gipfel des 5895 Meter hohen Kilimandscharo in Tansania auf Krücken erreicht. Und leidenschaftliche Après-Ski-Fans bekommen auf einmal Sehnsuchtsgedanken, wenn sie die Snowboarder in "Frozen Mind" die steilen Flanken der Aguille du Midi hinunterfahren sehen.

Ist Outdoor noch Outdoor?

Die Auswahl der Filme, die bei der E.O.F.T. gezeigt werden, ist meist eine bunte Mischung verschiedener Sportarten, einige porträtieren Schicksale. Eine Möglichkeit, in unbekannte Welten abzutauchen, ein Abendprogramm, das inspiriert und zu Tränen rührt - manchmal.

Doch oft wirkt die 2001 gegründete Filmtour, die inzwischen zum größten europäischen Outdoor-Filmfestival gewachsen ist, auch wie eine groß angelegte Werbeveranstaltung für Red Bull, Gore Tex oder Mammut - denn die Marken werden von den Sponsoren gut sichtbar an den Darstellern platziert. Klar, irgendwie muss der Film ja finanziert und der Sportler entlohnt werden. Beim Gewinnspiel in der Pause werden Markenprodukte verlost und kleine Geschenkartikel ins Publikum geworfen, die Werbeclips zu Beginn des Programms sind von den eigentlichen Filmen manchmal kaum zu unterscheiden.

Die E.O.F.T. wird mittlerweile nicht mehr in Vorlesungssälen oder alternativen Cafés gezeigt, sondern in großen Kinocentern, wo Bier und Popcorn fast so viel kosten wie die Eintrittstickets. Es gibt Zusatzveranstaltungen, um dem Besucheransturm gerecht zu werden.

Früher stand Outdoor für abgeschiedene Wildnis, schmutzige Fingernägel, Minimalismus und die tagelange Absenz einer Dusche. Mittlerweile ist Outdoor zum Trend geworden: Der Funktionsrucksack wird aus Stylinggründen getragen, die Regenjacke muss von The North Face sein, Landschaftsfotos tragen die Hashtags #outdoorlovers, #adventuregirl, #photooftheday. Letztendlich kommerzialisiert das Festival diesen Trend.

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