Exklave Ceuta Spaniens Tor zu Afrika

Ceuta ist ein Anachronismus aus Kolonialzeiten, eine spanische Exklave mitten in marokkanischem Gebiet. Hohe Stacheldrahtzäune riegeln die nordafrikanische Stadt vor illegalen Einwanderern ab, in den Straßen reihen sich dank Steuerfreiheit zahlreiche Schmuck- und Modegeschäfte aneinander.


Christliche Einflüsse mischen sich mit muslimischer Kultur: Einkaufsstraße von Ceuta
GMS

Christliche Einflüsse mischen sich mit muslimischer Kultur: Einkaufsstraße von Ceuta

Ceuta - Stolz weht die rot-gelb-rot gestreifte Fahne über dem Wachturm am Hafen von Ceuta. Die scharfen Winde an der Straße von Gibraltar setzen die spanische Flagge für jeden Ankömmling deutlich sichtbar in Szene. Schon bei der Einfahrt in die von Marokko umgebene spanische Exklave soll die Zugehörigkeit Ceutas zu Europa deutlich werden. Doch in den Straßen zeigt sich ein ganz anderes Bild: Hier mischen sich christliche Einflüsse mit der muslimischen Kultur, stehen jüdische Berberinnen in farbenfrohen Gewändern vor hinduistischen Gotteshäusern. In der Exklave am Tor zu Afrika sind die unterschiedlichen Einflüsse von Phöniziern, Griechen, Römern und Mauren nicht zu übersehen.

Die historischen Überreste der einst bedeutenden Küstenstadt bleiben den meisten der jährlich etwa zwei Millionen Ankömmlinge allerdings verborgen. Per Schiff nur eine halbe Stunde von der iberischen Halbinsel entfernt, fristet Ceuta heute vor allem ein Dasein als Durchgangsstation nach Marokko. Dabei ist in der 23 Quadratkilometer kleinen Exklave Geschichte hautnah zu erleben.

Die direkt im Stadtzentrum gelegenen arabischen Bäder aus der Zeit der Mauren im 13. Jahrhundert sind die ältesten historischen Bauwerke. Archäologische Funde belegen jedoch, dass schon die Römer die strategisch wichtige Lage der Halbinsel nutzten.

Gut sieben Jahrhunderte dominierten die Mauren das Leben und die Kultur Ceutas. Erst 1415 gelang es 200 Schiffen der portugiesischen Armada, die Mauren zu verdrängen. Die Exklave unterstand danach dem vereinigten portugiesisch-spanischen Königshaus und fiel 1640 durch einen Volksentscheid an Spanien - ein Ereignis, auf das die Ceutíes besonderen Wert legen. In Gedenken an das Referendum wird jeden Donnerstagabend auf der Plaza de África die spanische Nationalflagge gehisst. Wer von den 76.000 Einwohnern Zeit hat, mischt sich zu diesem Anlass unter das in Ceutas Straßen typische arabisch-kastilianische Sprachengewirr.

So ungetrübt, wie die Ceutíes gerne ihr Verhältnis zu den Arabern beschreiben, ist es in Wirklichkeit nicht

Die Plaza de África ist das Herz des von königlichen Stadtmauern aus dem 16. Jahrhundert umgebenen Zentrum Ceutas. Um die barocke Kathedrale Santa María de la Asunción und das Parlamentsgebäude herum herrscht vor allem tagsüber hektisches Treiben - genau wie in der angrenzenden Haupteinkaufsstraße. Dank der Steuerfreiheit reihen sich dort zahlreiche Schmuck-, Mode- und Tabakgeschäfte aneinander.

Eine halbe Stunde Schifffahrt von Spanien entfernt: Die Exklave Ceuta liegt inmitten marokkanischen Gebiets
GMS

Eine halbe Stunde Schifffahrt von Spanien entfernt: Die Exklave Ceuta liegt inmitten marokkanischen Gebiets

Auch in der jüngeren spanischen Geschichte spielt Ceuta eine wichtige Rolle. Generalissimo Franco startete am 18. Juli 1936 mit seinen Truppen von Ceuta aus seinen Feldzug gegen die Republikaner und löste damit den bis 1939 dauernden Spanischen Bürgerkrieg aus. Bis zu seinem Tod 1975 sollte er in einem autoritären Regime das Schicksal Spaniens bestimmen. Noch heute erinnert ein von Franco-Gegnern beschmiertes Denkmal auf dem höchsten Punkt Ceutas, dem Berg Hacho, an den Sieg Francos.

Direkt neben dem Gedenkstein liegt die Kapelle von San Antonio de Padua. Schlicht in Gelb und Weiß gehalten, birgt sie in ihrem Inneren eine Skurrilität: Vor einem Altar weist der Steinboden der Kapelle eine tiefe Kuhle auf. Angeblich setzen sich die Frauen an dieser Stelle auf den Boden und drehen sich dreimal im Kreis. Dem Glauben nach bringt San Antonio allein stehenden Frauen auf diese Weise einen Mann.

Das Bild des Monte Hacho prägt die Festung "Fortaleza del Monte Hacho". Im 18. Jahrhundert auf Resten einer byzantinischen Burg erbaut, wurde das mächtige Bauwerk zunächst als Gefängnis und später als Militärstützpunkt genutzt. Auch heute noch ist dort die spanische Armee stationiert. Besucher müssen sich daher mit einer Wanderung um das Monument herum begnügen.

Ganz so ungetrübt wie die Ceutíes gerne ihr Verhältnis zu den Arabern beschreiben, ist es in Wirklichkeit nicht - wie auch der Besucher feststellt, der die Exklave für einen Tagesbesuch schnell mit der Fähre etwa von Malaga aus erreichen kann. Zwei viereinhalb Meter hohe Metallzäune entlang der Grenze schützen die zum Schengen-Gebiet gehörende Exklave vor illegalen Einwanderern aus Marokko. Mehrere tausend von ihnen werden jedes Jahr bei dem Versuch erwischt, die Zäune zu überwinden. Zudem erhebt Marokko Anspruch auf Ceuta und Melilla, die zweite spanische Exklave in Nordafrika - doch die Spanier beharren auf ihrem kleinen Stückchen Europa im Norden Afrikas und lassen die rot-gelb-rote Flagge weiter über der Straße von Gibraltar wehen.

Von Rabieh Adib, gms



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.