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Expeditions-Tagebuch: Tasiilaq, ein Dorf im Eis

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Expeditions-Tagebuch Caipirinha mit Grönland-Eis

Auf Opas Spuren in Grönland: Die Expeditionsgruppe mit dem Ziel Inlandeis erreicht Tasiilaq an der Ostküste. Dort erfahren sie, dass sie nicht die Einzigen sind, die den Pfaden eines arktisverrückten Großvaters folgen - durch Zufall kommt es zu einem denkwürdigen Familientreffen.

Ich habe mir oft ausgemalt, wie es wohl sein würde, in diesem Jahr nach Tasiilaq in Ostgrönland zu kommen. In den Ort, wo mein Opa nach dem Ende seiner Inlandeis-Expedition einige Wochen verbrachte, vor nun genau hundert Jahren.

Ganz bestimmt habe ich aber nicht damit gerechnet: Als wir mit schweren Rucksäcken in der Herberge "Rotes Haus" ankommen, wo wir die ersten Nächte schlafen werden, fragt ein junger Mann mit Schweizer Akzent, wo wir herkommen. "Aus Deutschland? Seid ihr die mit dem Enkel von Roderich Fick?" Wir bejahen, und er stellt sich als Lorenz vor. Er ist Reiseleiter und hat auf SPIEGEL ONLINE von unserem Vorhaben gelesen.

Derzeit ist er mit einer ganz besonderen Gruppe unterwegs. "Da sind acht Enkel von Alfred de Quervain dabei, zum hundertjährigen Jubiläum reisen wir an die Orte, wo er damals war", berichtet er und lädt uns für den Abend ins Hotel Angmagssalik ein. De Quervain war der Leiter der Expedition meines Opas. Ahnenforschungs-Reisen sind offenbar der Trend des Sommers. Keine Frage, die Einladung nehmen wir an.

Wir, das sind der Vermessungskunde-Professor Wilfried, der Mechaniker Jan und ich, Journalist und Familienforscher. Gregor, der Vierte unserer Gruppe, kommt erst am Montagnachmittag an. Auf Skiern wollen wir Grönland durchqueren und die Route von 1912 in entgegengesetzter Richtung wiederholen. Vielleicht lerne ich dabei ja etwas über meinen Opa, ich habe ihn leider nie kennengelernt, da er schon 1955 gestorben ist.

Eisberge vor bunten Holzhäusern

In den letzten 24 Stunden haben wir uns immer mehr von der Großstadt und den Annehmlichkeiten der Zivilisation entfernt. Das merkt man schon an der Größe der Fluggeräte: Von Hamburg nach Reykjavik flog eine Boeing 737 mit 180 Sitzplätzen. Von Reykjavik nach Kulusuk in Grönland eine Fokker-50-Propellermaschine, 54 Sitzplätze. Und von Kulusuk nach Tasiilaq ein Hubschrauber, neun Sitze.

Wir befinden uns nun im größten Dorf der grönländischen Ostküste. Die bunten Holzhäuser von Tasiilaq liegen an einem Hang über einer Bucht mit Eisbergen, die von zackigen Felsgipfeln eingerahmt wird. Gerade mal 2500 Menschen leben hier, die den eisigen dunklen Wintern trotzen und jedes Jahr acht Monate überstehen müssen, in denen kein Frachtschiff mit neuen Waren kommt.

Einer dieser 2500 ist Robert Peroni, ein Südtiroler, der Anfang der neunziger Jahre nach Tasiilaq zog. Kaum jemand hat so viele Tage und Wochen auf dem Inlandeis Grönlands verbracht wie er, auf diesem gigantischen Eispanzer, der 85 Prozent der Insel ausmacht.

Bei einer Extremtour im Norden der Insel legte er 1983 mit zwei Begleitern 1400 Kilometer zurück und zerstritt sich so fürchterlich mit einem Mitstreiter, dass sie ab der dritten Woche im Eis kein Wort mehr miteinander redeten. In dem Roman "Spielplatz der Helden" werden die psychologischen Abgründe geschildert, an die diese Tour damals geführt hat. Ebenfalls an den Rand des Wahnsinns führte Peroni der Versuch, im Winter eine Solo-Durchquerung des Eises zu versuchen. Denn nicht nur die extrem kalten Bedingungen machen ein solches Unternehmen zur Höllentour, sondern vor allem die ewige Dunkelheit ohne Sonnenstrahl über Wochen.


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Heute betreibt der 68-jährige Peroni das Rote Haus in Tasiilaq, organisiert Touren und bringt mit zwei Motorbooten Outdoor-Touristen in die einsamen Fjorde und riesigen Gletscher der Region. Wenn er über das Inlandeis redet, berichtet er von spirituellen Erfahrungen, er spricht dann vom Sterben und Wiedergeborenwerden, von einer Rückkehr als anderer Mensch.

Seehundrippchen und Finnwalpfanne

Für uns hat er gute Neuigkeiten: "Das Eis ist gut dieses Jahr, es hat viel geschneit im Winter, mehr als 2011." Viel Schnee, das bedeutet, dass die Skier laufen, dass man gut vorankommt. Das klingt schon erheblich besser als die Meldung vor einiger Zeit, dass es oben auf der Eisfläche so viel getaut hat wie seit mehr als einem Jahrhundert nicht. Hätten wir jeden Tag matschigen Sulzschnee, wäre das eine kaum zu ertragende Quälerei.

Das Abendessen ist ein arktisches Festgelage mit Seehundrippchen, Zwiebelrisotto und Finnwalpfanne an Polenta. Peroni hat offenbar aus Italien die Esskultur importiert und vermischt sie mit den lokalen Ressourcen. Auch wenn sich wohl niemals ein Michelin-Testesser hierher verirren wird: In einem Radius von 600 Kilometern lässt es sich nirgendwo besser dinieren als im Roten Haus.

Nach dem Essen laufen wir endlich zur Unterkunft der Schweizer oben am Hang über dem staubigen Fußballplatz, dem einzigen Hotel des Ortes. In einer Art Vereinsraum mit Eisbärfell und Inuit-Trommel als Wand-Dekoration schütteln wir acht Enkeln von Alfred de Quervain die Hand.

Sie sind zwischen Mitte 40 und Mitte 60 und hatten die gleiche Idee wie wir: die Route von 1912 nachreisen. Allerdings nicht auf Skiern. Sie sind nach Quervains Havn an der Westküste geflogen, dem damaligen Startpunkt der Expedition und unserem jetzigen Ziel.

Dort entstand vor hundert Jahren ein eindrucksvolles Foto, das die komplette damalige Mannschaft vor einer Steinwand zeigt, auf der mit rot-weißen Buchstaben der damals nagelneue Ortsname stand. "Die Stelle haben wir gefunden und das Bild nachgestellt - es war noch etwas Farbe von dem 'h' und dem 'v' zu sehen", berichtet Martin Meili, der Sohn einer Tochter des damaligen Expeditionsleiters. "Und sogar ein paar Farbtropfen auf dem Boden."

Ihre nächste Etappe führte sie über das Inlandeis - per Flugzeug. Und noch weit darüber hinaus. Weil es keine geeigneten Verbindungen zur Ostküste gab, buchten sie dafür einen Flug nach Reykjavik und von dort zurück nach Grönland, ein Umweg von zweimal 700 Kilometern.

Ein paar Carlsberg auf den Zufall

Nicht weit von Tasiilaq campierten sie zwei Nächte nahe der Umiagtuartivit-Insel am Sermilik-Fjord. An der Stelle, wo 1912 das Depot für die Expedition eingerichtet war. "Wir haben dort drei Steinmänner gefunden", berichtet Bernhard de Quervain mit leuchtenden Augen. Diese Steinaufschichtungen wiesen damals den Abenteurern den Weg, 100 Jahre später stehen sie immer noch.

Am 1. August 1912, dem Schweizer Nationalfeiertag, stieg Alfred de Quervain an einer kleinen Bucht vor dem Depot in ein Kajak und paddelte in Richtung Tasiilaq. "Und am 1. August 2012 waren wir an dieser Bucht und haben Caipirinha mit Inlandeis getrunken", berichtet sein Enkel.

Interessiert hören die Schweizer zu, als Wilfried von seinen bisherigen Touren über das Inlandeis berichtet. Er hat schon dreimal die de-Quervain-Route durchlaufen, kaum jemand auf der Welt kennt sie besser als er. Es ist ein lustiger Abend, wir sind nach wenigen Minuten beim "Du" und leeren ein paar Carlsberg-Biere auf die glückliche Fügung, uns hier getroffen zu haben. Denn die Schweizer sind nur heute in Tasiilaq, morgen fliegen sie nach Hause.

Acht Enkel von Alfred de Quervain wünschen uns per Handschlag Glück und Durchhaltevermögen für die nächsten Wochen. Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

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