Ana Zirner in Georgien: »Und dann wirkt es so, als würde aus einer dieser Wiesen ein Berg herausbrechen, stark vergletschert, felsig und so monumental«
Ana Zirner in Georgien: »Und dann wirkt es so, als würde aus einer dieser Wiesen ein Berg herausbrechen, stark vergletschert, felsig und so monumental«
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Ana Zirner

Wandern im Kaukasus, Bikepacking in Kirgisistan Abenteurer im Ausnahmezustand

Unter extremen Bedingungen sind sie oft unterwegs. Doch 2021 haben sich diese beiden Reisenden selbst übertroffen – die eine mit Rucksack und Babybauch, der andere bei einem der härtesten Fahrradrennen der Welt.
Aufgezeichnet von Julia Stanek

Die Schönheit der Welt zu erleben und dabei nur mit der eigenen Muskelkraft voranzukommen, das fasziniert viele Menschen. Sie wandern, klettern oder radeln durch unwegsame Gebiete, erschrecken nicht vor unbewohnten Landstrichen und haben oft kaum mehr dabei als die Zahnbürste und ein bisschen Ausrüstung.

Hier erzählen eine Abenteurerin und ein Abenteurer, welchen Reisetraum sie sich 2021 erfüllten – und was daran anders war als bei früheren Touren.

Kaukasus zu Fuß – und mit Babybauch

Ana Zirner, 38, Bergsportlerin und Buchautorin  aus Bayern, ist am liebsten draußen unterwegs – und zwar allein. Ihre Kaukasus-Tour war für sie mit großem Glück, aber auch mit Abschiedsschmerz verbunden. So unabhängig wie zuvor, glaubt sie, wird sie nun länger nicht sein.

»Als Schwangere durch den Kaukasus zu wandern, war eine extreme Erfahrung – mit Momenten voller Freude, aber auch Momenten voller Frust. Oft fehlte mir die Energie, die mich als Bergsportlerin sonst antreibt. Ich musste viel langsamer gehen, als ich es gewohnt bin. Manchmal hatte ich beim Laufen den Blick auf einen hohen Gipfel gerichtet, der für mich mit Babybauch nun unerreichbar war. Und dabei merkte ich gar nicht, durch was für ein unglaublich schönes Tal ich gerade lief. Ich musste mich dann wieder wach rütteln und mich ermahnen, das Unmittelbare zu sehen.

Diesen Sommer war ich acht Wochen lang mit Schlafsack und Rucksack unterwegs. Ich wollte die Kaukasus-Tour schon 2020 machen, aber dann kam Corona, und ich musste alles verschieben. Der ursprüngliche Plan war eine komplette Ost-West-Überquerung – vom Kaspischen zum Schwarzen Meer, mit großen alpinen, also bergsteigerischen Passagen. Anfangen wollte ich in Baku, Aserbaidschan, dann sollte es über die Südseite des Gebirges auf der georgischen Seite weitergehen. Ich wollte über den Kreuzpass auf die russische Seite gelangen, wo die Berge noch ein bisschen höher sind. Das Ziel war Sotschi. Doch es kam komplett anders.

Ich erfuhr wenige Wochen vor der Abreise, dass ich schwanger war. Meine Tour deshalb abblasen? Das kam mir nicht in den Sinn. Aber alles, was mir bergsteigerisch riskant erschien, fiel raus: Passagen, bei denen ich in einer Seilschaft Gletscher überqueren oder klettern müsste, also potenziell stürzen könnte. Das betraf alle geplanten Hochtouren.

Etwa zeitgleich stellte sich heraus, dass ich für Aserbaidschan kein Visum bekam; begründet wurde das mit der Pandemie. Damit fiel gut ein Drittel meiner Traumstrecke flach. Ich war enttäuscht. Und musste aus Sicherheitsgründen auch noch Russland streichen.

Übrig blieb Georgien – was sich als Glücksgriff erwies. Die Landschaft ist irre schön, voller Kontraste. Da sind diese saftigen Wiesen, und dann wirkt es so, als würde dort hinten, direkt am Ende der Wiese, auf einmal ein Berg aus ihr herausbrechen, 5000 Meter hoch, stark vergletschert, felsig, monumental.

»Solo-Reisen sind meine Leidenschaft. Aber ich war nicht mehr allein unterwegs – da war ja noch das Ungeborene.«

Ana Zirner

Ich habe auch tolle Menschen getroffen. Salome, die erste Rangerin des Landes, die im Nationalpark Tuschetien arbeitet. Sie ist eine wunderschöne, toughe Frau, die in dem Dorf Dartlo auch noch ein winziges Guesthouse führt, wo ich übernachtet habe. Der Garten ist voller Blumen und Gemüse, und während morgens einige Dorfbewohnerinnen und -bewohner Vorbereitungen für ein Volksfest trafen, sang Salome mit tiefer voller Stimme georgische Lieder.

Und ich traf Emsari, einen Georgier, der zwölf Jahre in russischer Gefangenschaft war. Er schläft mit einem Gewehr am Bett, war aber so zugänglich und gastfreundlich, wie ich das wohl noch nie erlebt habe. Er teilte mit mir sein bescheidenes, aber köstliches Abendessen.

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Schwanger im Kaukasus: Gigantisches Georgien

Foto: Ana Zirner

Solo-Reisen sind meine Leidenschaft. Auf einmal war ich aber nicht mehr allein unterwegs – da war ja noch das Ungeborene. Ich hatte eine riesige Verantwortung.

Als ich im Kaukasus loslief, war ich gerade am Ende des dritten Schwangerschaftsmonats. Ich hatte mich vorab informiert, in welche Höhen ich unter diesen Umständen steigen dürfte, ohne medizinische Risiken einzugehen. Die Studienlage dazu ist dünn, weil es so wenig Frauen gibt, die das in Erwägung ziehen. Irgendwo las ich, bei 2500 Metern sei Schluss, anderswo stand, 3000 Meter seien kein Problem. Und auch die Ärztinnen und Ärzte, mit denen ich sprach, trafen unterschiedliche Aussagen. Im Endeffekt war klar: Ich musste es selbst entscheiden.

»Ich konnte mich nicht mehr auf mein Körpergefühl verlassen. Das war neu.«

Ana Zirner

Da man es nicht unbedingt merkt, wenn die Sauerstoffsättigung im Blut abnimmt, habe ich sie mit einem Pulsoximeter überwacht. Leider funktionierte das kleine Gerät, das man sich an den Finger steckt, nicht zuverlässig. Gleich in der ersten Woche, bei einem Akklimatisierungsaufstieg in Kachetien, der bis auf 2800 Meter führte, war die Anzeige kaputt. Ich selbst habe in dieser Höhe sicher kein Problem, aber woher sollte ich wissen, ob es meinem Kind gutgeht? Ich konnte mich nicht mehr auf mein Körpergefühl verlassen. Das war neu für mich – und hat mich gestresst.

Ich entschied, abzusteigen. Es war schon spät, es gab weder markierte Wege noch Handy-Empfang, aber ich ging mit Stirnlampe und leichtem Gepäck durch die Dunkelheit und kam nach Mitternacht unten im Dorf Karajala an. Es war die richtige Entscheidung.

Bergrücken rauf – und wieder runter: Die hohen Gipfel musste Zirner auslassen

Bergrücken rauf – und wieder runter: Die hohen Gipfel musste Zirner auslassen

Foto: Ana Zirner

Dass ich den Trip durch den Kaukasus gemacht habe, bedeutet mir viel, auch wenn ich alle Pläne umwerfen musste. Durch die Schwangerschaft musste ich, um die große Höhe zu vermeiden, häufig einen Bergrücken hinauflaufen, dann wieder zurück, eine Mitfahrgelegenheit finden, um zu einem nächsten Ausgangspunkt zu kommen – anstatt den Berg einfach zu überqueren. Das entspricht nicht meiner Idealvorstellung von so einer Gebirgstour. Aber so konnte ich sie trotz allem machen. Es war halt mein Weg.

Wenn ich so eine Tour plane, widme ich ihr alles. Ich mache mir keine Illusionen: Das wird so in Zukunft nicht mehr gehen, zumindest anfangs nicht, wenn das Kind noch klein ist. Für mich ist es jetzt aber sehr gut so, wie es ist, das Leben entwickelt sich weiter. Ich freue mich unglaublich auf mein Kind, aber ich habe auch Abschiedsschmerz.«

Bikepacking in Kirgisistan: 33.000 Höhenmeter in 13 Tagen

Martin Moschek, 46, hat in seinem Leben schon mehr als 90.000 Kilometer auf dem Fahrrad zurückgelegt. In seinem Blog BiketourGlobal  erzählt er von seinen Reisen, die ihn bereits in 52 Länder führten. 2021 war er auf einer Extremtour in Kirgisistan.

»Nachts mit einem kleinen Licht am Rad durch die Berge Kirgisistans zu fahren, plötzlich auf eine Herde wilder Pferde zu treffen – erst bleiben sie stehen, dann, irgendwann, bewegen sie sich weiter –, das sind Momente, die ich nie vergessen werde.

Ich bin diesen Sommer das Silk Road Mountain Race  gefahren, ein Bikepacking-Selbstversorger-Rennen, bei dem man 1860 Kilometer Strecke und 33.000 Höhenmeter überwindet. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind für alles selbst verantwortlich: für das Fahrrad, sämtliche Reparaturen, das Essen und wo man wie schläft. Man bekommt nur eine Route, einen Zeitraum, in dem man diese schaffen muss, und einen GPS-Tracker. Ich hatte meinen Kumpel Tobias dabei, wir haben uns zusammen angemeldet.

»Manchmal wünschte ich mir einen Schaden am Rad, der mich zum Abbrechen gezwungen hätte.«

Martin Moschek

Das Rennen war so hart, dass ich mir manchmal einen Schaden am Rad gewünscht habe, der mich zum Abbrechen gezwungen hätte. Aber von allein aufgeben? Niemals!

Dabei sind die Strapazen heftig, es fängt schon bei der Beschaffenheit der Wege an: kaum Asphalt, dafür sehr viel Piste mit Schotter und Stein, wo man nicht schnell fahren kann, wo man teilweise gar nicht fahren kann, sein Rad also schließlich schiebt.

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Bikepacking-Tour bis nach Balyktschy: Ein Norddeutscher in Kirgisistan

Foto: Martin Moschek

Das Silk Road Mountain Race gilt als eines der herausforderndsten Bikepacking-Rennen der Welt. Man ist bis zu 15 Tage bei anstrengenden klimatischen Bedingungen in einem hochalpinen Land unterwegs, mit Temperaturen zwischen minus 15 und plus 40 Grad Celsius. Die Route liegt zum großen Teil auf über 3000 Metern, man muss in dieser Höhe 17 Pässe überqueren und legt täglich 150, 180 Kilometer zurück. Man steht früh auf, schaut, dass man zwischendurch was zu essen und zu trinken bekommt – das ist alles.

Nein, das ist natürlich nicht alles. Da wäre noch diese gigantische Landschaft, durch die man fährt: gewaltige Gebirgszüge, schneebedeckte Gipfel und dazwischen die Jurten der Nomaden mit ihren Rinder- und Schafherden.

Gigantische Aussichten – und Geröll: Auf vielen Abschnitten ging es nur mit Schieben weiter

Gigantische Aussichten – und Geröll: Auf vielen Abschnitten ging es nur mit Schieben weiter

Foto: Martin Moschek

Für mich war die Tour lehrreich. Zum ersten Mal habe ich erlebt, wie es sich anfühlt, wenn die Psyche die Kontrolle übernimmt. Ich war körperlich definitiv in der Lage, die Route zu packen. Ich war auch nicht fix und fertig, als ich am Ziel ankam. Aber mental hat mich das Rennen auf eine Probe gestellt.

Ich dachte oft, ich fahre viel zu langsam, ich habe bald keine Kraft mehr. Doch alle Daten zu meiner physischen Leistung haben etwas anderes gesagt: Ich bin die ganze Zeit mit Herzfrequenzmessgerät gefahren, und mein Puls war immer okay.

Definitiv positiv hat sich die Macht der Willenskraft für mich an dem Tag ausgewirkt, an dem ich die sogenannte Old Soviet Road gefahren bin, ein sehr steiles Stück alter Militärpiste im kirgisisch-chinesischen Grenzgebiet. Die Steigung lag teils bei mehr als 30 Prozent, ich konnte immer nur wenige Meter am Stück schieben und musste dann verschnaufen.

Oben angekommen, ging es weiter entlang des chinesischen Grenzzauns und durch einen ausgetrockneten See, das Geruckel des Fahrrads über den unebenen Grund sorgte für einen wunden Hintern. Und es wurde dann noch schlimmer: Es ging über eine 4000 Meter hohe Bergflanke durch nichts als Geröll. Ich war an dem Tag als Letzter einer kleinen Gruppe von Teilnehmern in den Anstieg der Old Soviet Road gegangen – und kam als Etappen-Zweiter an.

Das Verrückte an einem Erlebnis wie diesem? Du bist knapp zwei Wochen nur in diesem Tunnel. Und dann kommst du nach Hause – und dann ist da wieder diese andere Welt.«

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