Extremkletterer Steve House Zu Hause in der Steilwand

Reinhold Messner nennt ihn den besten Höhenbergsteiger der Welt - doch außerhalb der Alpinistenszene ist der Amerikaner Steve House kaum bekannt, weil er auf massentaugliche Vermarktung verzichtet. Wagt er sich doch mal vor Publikum, rühren seine Berichte selbst Profis zu Tränen.
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Steve House: Extremtouren in eisigen Höhen

Foto: Steve House

Der Mann kniet im Schnee, die Arme in der aufgeplusterten Daunenjacke hängen schlaff herab, der Blick unter der Sonnenbrille geht zum Himmel. Vor ihm windet sich ein Seil auf einem Haufen Felsbrocken, die Gipfelmarkierung aus Aluminium steckt wie ein Schwert schief im Fels. Der Mann auf dem Foto könnte ein Gläubiger beim Dankesgebet sein, ein Trauernder vor einem Grab, jemand, der die Mächte da oben fragt, warum sie ihm solche Lasten aufbürden. Vielleicht ist er all das, denn Vince Anderson hat gerade die höchste Steilwand der Erde am Nanga Parbat erklommen und den Gipfel erreicht.

Es ist bezeichnend, dass das Lieblingsfoto von Steve House nicht Steve House zeigt, sondern seinen Kletterpartner. Denn House ist im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen in der Welt der Grenzgänger niemand, der sich durch die offensive Vermarktung seiner Leistungen in den Vordergrund drängt. Der laut Reinhold Messner derzeit beste Höhenbergsteiger der Welt ist ein unauffälliger Held, er hat bislang nicht einmal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag.

Das Bild ist technisch kein Meisterwerk, es ist schwarzweiß, unscharf und hastig komponiert. Wo ein Wandkalenderfoto eindrucksvolle Bergpanoramen im Hintergrund zeigen würde, ist hier nur nebliger Dunst zu sehen. Doch dem Betrachter vermittelt der Schnappschuss weit mehr über Freud und Leid eines Achttausender-Erfolgs als die übliche Siegerpose mit erhobenem Eispickel, die in keinem Klettermagazin fehlen darf.

Überlebenskampf an der Eiswand

"Als ich dieses Ziel erreicht hatte, hatte ich auf einmal kein Ziel mehr", sagt House über den größten Triumph seiner Extremkletterer-Laufbahn, über die vielleicht unfassbarste alpine Leistung der vergangenen zehn Jahre. Im September 2005 waren House und Anderson die Ersten, die die Rupalwand am 8125 Meter hohen Nanga Parbat im Alpinstil erkletterten.

Die Stimme des 39-jährigen Amerikaners aus Oregon bricht, als ihn vor den etwa 200 Zuschauern seiner Diashow im italienischen Brixen  für ein paar Sekunden die Erinnerung an den Erfolg und die Strapazen der 4500-Meter-Felsflanke überwältigt. Für einen Moment spiegeln sich in seinem scharf geschnittenen Gesicht mit den markanten Wangenknochen die Schmerzen wieder, die sechs Tage Überlebenskampf in frostiger Höhenluft an der eisigen Felswand mit sich brachten.

Beim Alpinstil geht es darum, ohne künstlichen Sauerstoff, ohne vorher verlegte Seile oder Leitern auf den Gipfel zu gelangen. Die meisten Achttausender-Pioniere der zwanziger bis siebziger Jahre, die mit Dutzenden Sherpas und riesigen Mengen Material unterwegs waren, hielten das für unmöglich. Erst der Österreicher Hermann Buhl und vor allem der Südtiroler Messner bewiesen, dass man die höchsten Berge der Welt auch mit minimaler Ausrüstung und ohne Lastträger besteigen kann.

Für Messners Erben ist der Alpinstil wie eine Religion. Der Berg soll so zurückgelassen werden, wie er aufgefunden wurde, keine Seile und kein Müll sollen liegenbleiben.

Realitätsschock in Pakistan

Steve House ist erst 19, als ihn im Juli 1990 ein slowenisches Expeditionsteam zum ersten Mal zum Nanga Parbat mitnimmt. Ihn schockiert die Selbstverständlichkeit, mit der die 20 Teilnehmer große Mengen Seile und Haken am Fels zurücklassen. Eine weitere Enttäuschung ist, dass er selbst nicht in Gipfelnähe kommt - seine Aufgabe besteht darin, schwere Rucksäcke von einem Höhenlager zum nächsten zu schleppen und sich dabei an vorher installierten Seilen nach oben zu ziehen. "Ich mochte diese Art des Kletterns nicht, da bekommt man überhaupt kein Gefühl für den Berg", erinnert sich House.

Diese erste Pakistanreise prägt nicht nur Houses Streben nach einem natürlichen Kletterstil. Damals beginnt auch eine persönliche Obsession mit dem Nanga Parbat, dem neunthöchsten Berg der Erde - und einem der schwierigsten Achttausender. House schreibt in sein Tagebuch: "Wenn ich eines Tages die Rupalwand besteigen kann, wäre das das Höchste. Ich kann mir kaum vorstellen, jemals so gut zu werden."

Die nächsten Jahre verbringt er damit, gut genug zu werden. Am Mount McKinley und weiteren Gipfeln der Alaskakette in Nordamerika verfeinert er seine Klettertechnik. Nach dem Bachelorabschluss in Geografie in seinem Heimatstaat Oregon verdient er sein Geld als Bergführer. An freien Tagen kraxelt House mit den Kollegen vom Alpinclub die schwierigsten Kletterrouten Alaskas und der Rocky Mountains hoch.

Tödliche Gefahren in Eis und Fels

"Damals habe ich gelernt, wie wichtig Beharrlichkeit ist", erzählt House und ballt seine Rechte zur Faust. Er hat riesige Hände und Unterarme, die nicht so recht zu seiner schmalen Gestalt passen wollen. Für die Steilwand "Emperor Face" am Mount Robson in Kanada braucht er sieben Versuche in insgesamt elf Jahren. Jedes Jahr verschiebt er seine eigenen Belastungsgrenzen, klettert höhere Schwierigkeitsgrade, wird in der Szene für seine Erstbegehungen gefeiert. Seine Seilpartner sind einige der besten Alpinisten Nordamerikas.

Mit extrem leichtem Gepäck schafft er im ewigen Tageslicht Alaskas Routen in 30 oder 40 schlaflosen Stunden, für die frühere Expeditionen eine Woche brauchten. "Single-Push Climbing" nennt er diese Disziplin, die den willensstärksten Alpinisten seiner Generation neue Temporekorde mit leichtem Gepäck ermöglicht.

Eine noch schwerere Belastung als die täglichen Herausforderungen am Berg werden für House zahlreiche tödliche Unfälle ehemaliger Mitstreiter. Professionelle Fels- und Eiskletterer haben in etwa die Lebenserwartung eines Bergwerkarbeiters im 19. Jahrhundert. Ein falscher Schritt, ein plötzlicher Steinschlag kann in Sekundenschnelle das Ende bedeuteten, dazu kommen die Gefahren durch Höhe und Kälte.

Eine andere Bergsport-Philosophie

"Als ich 29 war, waren alle meine Kletterkameraden entweder tot oder nicht mehr aktiv", schreibt House in seinem Buch "Beyond the Mountain", das im Januar in Deutschland erscheint. Man muss nur einmal in Gedanken eine Stellenausschreibung für den Job als Kletterpartner von Steve House formulieren, um zu realisieren, wie schwer es auf diesem Level sein muss, erneut Gleichgesinnte zu finden.

Viele Kletterkollegen haben zudem eine andere Bergsport-Philosophie. Immer aufwendiger sind die Multivisions-Diashows, mit denen Alpinisten durch die Republik tingeln, spektakuläres Filmmaterial und Tonaufnahmen vom Gipfel sind Standard. Manchen macht diese Selbst-PR sichtlich Spaß, für andere ist sie ein notwendiges Übel, um von ihrer Leidenschaft leben zu können und die Sponsoren zufriedenzustellen.

Die Zeiten, als Erstbesteigungen von Achttausendern weltweite Medienereignisse waren, sind längst vorbei. Heutige Expeditions-Höchstleistungen werden nicht am Mount Everest, am Matterhorn oder an der Eiger-Nordwand erbracht, den Alpinzielen, von denen jeder ein Bild im Kopf hat. Viel schwerer ist es, einem größeren Publikum Erfolge an der Makalu-Westwand oder am K7 näherzubringen. Um solche Touren überhaupt begreifbar zu machen, müssen Bergsteiger durch außergewöhnliche Fotos und Filme auffallen.

Alpinismus statt Hollywood

Diesen Marktgesetzen verweigert sich House. Den meisten Fotos seiner Diashow sieht man an, dass sie einfach Schnappschüsse der erschöpften Beteiligten sind. "Entweder ich gehe klettern, oder ich drehe einen Hollywood-Film" - für House ist ein Alpin-Abenteuer nicht damit vereinbar, dass nebenan ein Kameramann im Seil hängt und bittet, mit dem nächsten Handgriff am Überhang noch eben zu warten, bis die Sonne rauskommt.

Den sechstägigen Eiskletter-Marathon an der Rupalwand hätte vermutlich sowieso kein Filmemacher mitgemacht. Anderson und House verbrachten die Nächte an kaum geschützten Biwakplätzen an der Eiswand, teilten für die wenigen Stunden Schlaf einen Schlafsack, um nicht zu viel Gewicht tragen zu müssen. Schritt für Schritt quälten sich die beiden mit Eisaxt und Steigeisen nach oben, ernährten sich hauptsächlich von hochkonzentrierter Energiepaste und heißem Tee. Sie wussten, dass eine plötzliche Lawine sie mehr als 3000 Höhenmeter tief in den Abgrund reißen würde. House verlor mehr als zehn Kilo Körpergewicht in einer Woche.

Warum tut sich jemand diese Torturen immer wieder an, geht solche Risiken ein? "Klettern kann das volle Spektrum der Höhen und Tiefen eines Lebens in wenige Tage, manchmal wenige Stunden komprimieren", schreibt House in seinem Buch. "Meine glücklichsten Tage waren die, an denen ich alles zurückgelassen habe und mein Verständnis der Dinge neu definiert habe, die wirklich wichtig sind."

Der Diavortrag in Brixen ist Thema des Tages unter den teils von weit angereisten Alpinisten im Publikum. "Das war die beste Diashow, die ich je gesehen habe", sagt der bekannte Schweizer Bergfotograf Robert Bösch. Und zwar deshalb, weil House unglaublich packend erzählen könne, denn "keines seiner Bilder würde es in ein Magazin schaffen."

Reinhold Messner ist so bewegt, dass er später beim bloßen Erwähnen des Nanga-Parbat-Gipfelfotos unter Tränen die Bühne einer Pressekonferenz verlassen muss. "Für den Zuschauer ist das, als wäre man selbst da oben. House beweist, dass solche Erlebnisse teilbar sind", sagt Messner später. "Davon können viele Europäer etwas lernen."

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