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21. August 2000, 15:52 Uhr

Falls Creek

Downhill in Down Under

Von Hilke Maunder

Wer Australien nur mit sonnigen Stränden und trockener Wüste in Verbindung bringt, wird sich spätestens im High Country von Victoria wundern: In Falls Creek, nur 375 Kilometer von Melbourne entfernt, ist noch bis September Skisaison.

Das Besondere liegt in der Luft. Sie ist minzig, mild, frisch und würzig, selbst bei klirrender Kälte. Schuld daran sind Snow-Gums, winterfeste Eukalyptusbäume, die den Ort hinter dichtem Grün verstecken, Pisten begrenzen, Hänge bedecken.

Mit 95 Pisten erschließt Falls Creek ein abwechslungsreiches Skigebiet
Foto: Hilke Maunder

Mit 95 Pisten erschließt Falls Creek ein abwechslungsreiches Skigebiet

Anders ist in Falls Creek mit seinen 18 Liften, 96 Pisten und 20 Loipenkilometern auch die Atmosphäre: Wintersport ist nicht nur sportlich-exklusiv, sondern very social, sehr gesellig. Statt Hotels laden gemütliche Lodges zum Übernachten ein. Ihr Stil: alpenländisch - mal nostalgisch, mal innovativ.

Sobald die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist, werden in Falls Creek Käse und Kräcker zum Aperitif hervorgeholt, die erste Flasche Wein entkorkt und das Menü des Abends beraten. Wer lieber auswärts isst, diniert stilvoll im "Windows to the Alps" oder genießt am Kamin die leichte Küche des "Winterhaven".

Nachts lockt das "Frying Pan Inn". Während zwei Live-Bands einheizen, wandern die Lichter der Pistenraupen die Hänge hinauf, planieren aufgefahrenen Schnee und walzen Nachschub aus Schneekanonen auf vereiste Stellen.

Trotz allnächtlicher Partys zieht es die Gäste ungewohnt früh auf die Piste. Gestärkt mit einem "cooked breakfast", dem klassisch englischen Ensemble aus Ei, Schinken und dicken Bohnen, herrscht schon ab acht Uhr morgens an den Liften ein reges Treiben.

Wer Anfänger ist, setzt auf "grün" statt "rot": 17 Prozent aller Pisten weisen so auf ihren einfachen Charakter hin. Eine solche Markierung trägt auch der "Wombat Ramble", mit 2,2 Kilometern längste Route des Landes. Die autobahnartige Talabfahrt beginnt bei "Cloud 9", Bergstation des Halley-Liftes und Sammelpunkt der Skischulen.

Weißer Schnee auf roter Erde: Im exklusiven Skiort Falls Creek stehen Warntafeln für Lawinen neben denen für Kängurus
Foto: Hilke Maunder

Weißer Schnee auf roter Erde: Im exklusiven Skiort Falls Creek stehen Warntafeln für Lawinen neben denen für Kängurus

Wer sich zu den Fortgeschrittenen zählt, flieht vor dem Gewühle und schwingt sich in wenigen Schwüngen auf "Scotty's" Piste hinab zum Sessellift "Ruined Castle". Von dort aus geht es ohne Wartezeit weiter zum Scheitel eines Höhenzuges.

Hier beginnen zahlreiche "blaue Pisten" - mittelschwere, Abfahren machen in Falls Creek 60 Prozent des Angebotes aus. "Schwarze", schwierige Anfahrten konzentrieren sich im Norden. So dominieren im oberen Bereich des Skigebietes Village Bowl Buckelpisten und steile, häufig enge Pisten. Steil genug, dass auch das australische Nationalteam hier trainiert. Im unteren Teil folgen einfache Talabfahrten.

Sehr gutes Können setzt das Skigebiet Maze voraus. Seine unberührten Pulverschnee-Hänge münden in steile und enge Tunnel zwischen Snow Gums und Steinen. Für Snowboarder wurde an der Bergstation des Summit-Sesselliftes ein Terrain mit Buckeln und wechselnden Hindernissen präpariert.

Die Hochebene von Bogong, mit 1996 Metern zweithöchster Gipfel des fünften Kontinents, ist Langläufern vorbehalten - mit 14 Loipen von 0,8 bis 7,5 Kilometer Länge. Beim Kangarooh Hoppet am 28. August tritt sich die Läuferelite aus mehr als 20 Nationen zum Wettstreit über 42, 21 und 7 Kilometer. Der Ski-Marathon gehört, wie der deutsche König-Ludwigs-Lauf oder der schwedische Wasa-Lauf zur World-Loppet-Serie für Langläufer.

Ein Highlight im High Country bildet eine ungewöhnliche, ökologisch nicht ganz korrekte Skischaukel, die 35 Pisten erschließt: Alle 20 Minuten bringt ein Helikopter-Shuttle Gäste, Ski und Gepäck innerhalb von sechs Minuten zum 1.750 Meter hoch gelegenen Mount Hotham.

Nachdem auch der Mount McKay erschlossen wurde, ist das Skigebiet zur Saison 2000 von 450 auf 710 Hektar angewachsen. Beheizte Raupenfahrzeuge bringen die Extremskifahrer zum Gipfel des 1842 Meter hohen Hausbergs. Hinab geht es durch Pulverschnee, erst metertief, dann extrem steil.

Rechtzeitig zum Skistart hat auch der neue Flughafen Mount Hotham Airport seinen Betrieb aufgenommen. Die Flugzeit beträgt von Melbourne aus lediglich 21 Minuten, von Sydney 47 Minuten.

Nur eines wird in Falls Creek unverändert bleiben: die freundliche, fast schon familiäre Atmosphäre in den Lodges und an den Liften. Und das Motto, das seit jeher von Juli bis September die Skifans aus nah und fern anlockt: Ski hard, play hard.

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