Bonifacio auf Korsika
Bonifacio auf Korsika
Foto: akrp / Getty Images/iStockphoto

Lieblingsorte der Redaktion Wohin wir uns sehnen

Ausgiebig und entspannt reisen? Zurzeit schwer möglich. Doch wohin würden wir, wenn wir könnten, wie wir wollten? Abchasien, Granada, Walt Disney World, Abel Tasman – diese und weitere sind unsere Sehnsuchtsorte.

»Die große Sehnsucht – was sind eure Lieblingsreiseerlebnisse und -ziele?« Das haben wir unsere Kolleginnen und Kollegen gefragt. Wohin zieht es euch? Was vermisst ihr? Mal sind es nostalgische Erinnerungen an Kindertage oder Freundestreffen, mal der Duft des Meeres, das Stimmengewirr in Bars oder einfach das Unterwegssein. Um Fernweh zu verspüren, muss der Sehnsuchtsort nicht in der Ferne liegen – schon gar nicht, wenn selbst nahe Ziele für einen Urlaub unerreichbar sind.

Hier sind unsere ganz persönlichen Gedanken – zum Mitreisen, Nachspüren oder als Anregung für die Urlaubsplanung:

La Croix-Valmer: Das perfekte Savoir-vivre

Strand von La Croix-Valmer

Strand von La Croix-Valmer

Foto: Falombini / Getty Images/iStockphoto

Lockdown ist Kopfurlaub. Ständig. Während ich hier tippe und der Hamburger Kaltregen auf die Dachluke prasselt, steigt mir plötzlich dieser Duft von Piniennadeln in die Nase. Ich weiß nicht, warum gerade jetzt, aber ich weiß genau, woher der weht: Meine gesamte Kindheit über packten wir irgendwann im Juni den uralten grünen VW-Passat voll bis zu den Haltegriffen und fuhren vom Ruhrgebiet nach Südfrankreich.

La Croix-Valmer, auf der Halbinsel von Saint-Tropez. Irgendein kleines Haus an einem grünen Hang mit Meerblick, eine Badebucht. Das erste Mal Schnorcheln mit meinem Vater, mehr Salzwasser geschluckt als Fische gesehen, klebrig süße Beignets vom sonnenverbrannten Strandverkäufer, abends Poulet rôti vom Laden an der Ecke und am Wochenende ein Ausflug nach Saint-Tropez zum Blingbling-Gucken, 50-Meter-Jachten zum Wundern und Kopfschütteln.

Vor allem aber: nichts. Kein Animationsprogramm, kein Sightseeing-Druck, naja, bis auf die Parfümhauptstadt Grasse in den Bergen. Stattdessen das perfekte Savoir-vivre: die Sonne, ein Buch und Zeit. Als Zwölfjähriger freute ich mich über jeden Mauergecko, der in diese zäh fließende Langeweile huschte. Als 41-Jähriger weiß ich: Ich will zurück nach La Croix-Valmer.

Jens Radü, Chef vom Dienst Multimedia

Grafton in Vermont: Das neuenglischste Dorf in Neuengland

Grafton in Vermont

Grafton in Vermont

Foto: P A Thompson / Getty Images

Das Gefühl, gerade in eine Postkarte hineinzusteigen, macht sich gleich nach dem kleinen Hüpfer breit, mit dem das Auto die hölzerne Brücke am Ortseingang von Grafton im US-Bundesstaat Vermont überquert. Weiß getüncht mit roten Fensterläden grüßt rechts die »Old Fire Station«, dann reihen sich die Häuser mit den Veranden entlang der Main Street bis zur White Church aneinander, hier und da wippt ein Schaukelstuhl.

Grafton ist kein Museum, aber in einem Wettbewerb um das neuenglischste Dorf in Neuengland hätten die 600 Einwohner eine faire Chance auf den Preis. Von der traditionellen Landwirtschaft ist nur noch die Cheese Factory übrig, die köstlichen Cheddar herstellt. Rund ums Jahr lockt das zweieinhalb Autostunden von Boston entfernte Bilderbuchdorf zum Skilanglaufen, Ahornsirup kaufen, chillen und wandern.

Am Rand des Saxtons River, dessen Plätschern hier oft das lauteste Geräusch abgibt, leuchten die Holz- und Backsteinhäuser im Indian Summer mit den rotbunten Ahornwäldern um die Wette. Wie überall in den Vereinigten Staaten gibt es eine Town Hall, ein U.S. Post Office und einen General Store, an dem handgeschriebene Zettel frisch gebackenes Brot und Barbecue-Partys annoncieren. Drinnen werden Kiefer sprengende Sandwichs frisch belegt.

1991 war ich zum ersten Mal hier, um Freunde zu besuchen. Schwer zu sagen, wie viele Tonnen Laub wir seither von den Wiesen zwischen den Farmen geharkt, wie viele Biber beim Schwimmen im Teich beobachtet und wie viele Pancake-Türme zum Frühstück gebacken haben. Es wird Zeit, wieder über die Brücke am Ortseingang zu hüpfen.

Bettina Musall, Redakteurin im Ressort Leben

Abchasien: Anders als andere

Pier in Suchumi

Pier in Suchumi

Foto: olga_sweet / Getty Images/iStockphoto

Der Ort meiner Reisesehnsucht ist schwer vermittelbar. Kein Reisebüro bietet Buchungen an, kein TUI-Flieger nähert sich dessen Luftraum. Und das Auswärtige Amt rät von Reisen dorthin »dringend« ab. Die Rede ist von Abchasien, dem kleinen Land am Ostufer des Schwarzen Meeres zwischen Russland und Georgien, von dem es erfolglos als sein Gebiet beansprucht wird. Suchumi ist die Hauptstadt.

Was weckt die Sehnsucht nach der umstrittenen Gegend? Sind es die auch im Sommer schneebedeckten Berge, die kaukasischen Chorgesänge in den großen Tropfsteinhöhlen von Novy Afon, oder ist es die goldene Kuppel des den Höhlen gegenüberliegenden Klosters aus der Zeit des deutschstämmigen Zaren Alexander III.?

Ist es die Geduld der Angler am Kiesstrand, sind es die jungen Leute, die auf der ramponierten Seebrücke in der Hauptstadt Sochumi spontan traditionelle Tänze aufführen, oder eher die bedächtigen Schachspieler auf einem schattigen Platz an der Uferstraße am Hafen? Ist es der »Kaffee auf östliche Art«, der gut gekühlte Saft landeseigener Mandarinen, sind es die impulsiven Schauspieler im Dramatischen Theater in einem Stück über die jüngste Vergangenheit, oder ist es auch der Blick von einer der Stalin-Datschen auf die bewaldete Küste und das Meer?

Es ist wohl von alledem etwas und noch mehr. Sei es das Schaschlik in der bescheidenen Strandbar, seien es die Ochsen auf der Hauptverkehrsstraße oder auch das kleine angerostete Ausflugsschiff, das abends kurz vor Sonnenuntergang parallel zur Küste fährt: Abchasien ist im Alltag anders als andere Länder.

Uwe Klußmann, Redakteur bei »SPIEGEL Geschichte«

Helgoland: Der Horizont ist Verheißung

Wahrzeichen von Helgoland: der Brandungspfeiler Lange Anna

Wahrzeichen von Helgoland: der Brandungspfeiler Lange Anna

Foto: Sini84 / imago images/Panthermedia

Ein ruppiger Felsen mit ziemlich hässlichen Häusern darauf – und ein absoluter Sehnsuchtsort. Jedes Frühjahr fahren wir zu viert für ein paar Tage nach Helgoland. Morgens an den Hamburger Landungsbrücken frösteln, bis man endlich auf den Katamaran darf – und dann elbabwärts, der Blick weitet sich, bis das Wasser grenzenlos wird und mit dem Himmel verschwimmt. Die Insel: trubelig, aber abends, wenn die Tagestouristen weg sind, wird es magisch. Man sitzt in der Abendsonne, schaut den Seevögeln zu, trinkt Whisky oder Wein, der Horizont ist Verheißung, und die Luft macht süchtig: Salz und ein bisschen Alge und ein bisschen Meeresmoder.

Helgoland ist eigentlich völlig absurd. Dutzende von Parfümerien, Boutiquen und Spirituosenläden auf engstem Raum, und dann der weite Blick vom Oberland an den Vogelkolonien auf den roten Felsen vorbei aufs Meer. Auf der Nebeninsel Düne liegt man herum, genauso faul und sorglos wie die vielen Robben gut 30 Meter entfernt, einträchtiges Säugetierdasein – Natur eben.

Die Hauptinsel ist gerade mal einen Quadratkilometer groß, die (sehr empfehlenswerte) Führung durch die alten Bunker kennen wir, es gibt nichts, was wir verpassen könnten. Die Seele baumelt, die Gespräche gehen tief. Ich muss oft daran denken, wie Helgoland allem getrotzt hat – 1947 sogar dem Versuch, es mit der größten nichtnuklearen Sprengung der Menschheit zu vernichten. Diese Beharrlichkeit ist jetzt tröstlich.

Reisen, das kann auch das Vertraute sein: die Freude daran, dass es einen Ort gibt, den man liebt, zu dem man zurückkehrt, der überdauert. Für dieses Jahr haben wir schon gebucht. Selbst wenn es nicht klappen sollte: Wir bleiben der Insel treu.

Maren Hoffmann, Redakteurin im Ressort Job + Karriere

London: Bond, wer sonst

Die Röhligs vor dem MI6-Hauptquartier in Vauxhall Cross

Die Röhligs vor dem MI6-Hauptquartier in Vauxhall Cross

Foto: Marc Röhlig

Es muss endlich wieder London sein. Die Stadt mag vollgepackt sein, immer in Wolken gehüllt und aschgrau – also eigentlich all das, was man nach einer monatelangen, globalen Pandemie nicht will. Für mich gibt es dennoch kaum eine schönere Metropole.

Wenn das Reisen zurückkehrt, will ich ins Herz der britischen Coolness. Dreimal habe ich London bisher besucht, bin durch Shoreditch geschlurft, an der Themse flaniert, in Pubs versackt. Unzählige Male müssen noch folgen: Da ist zum einen die Höflichkeit der Menschen, wie es sie sonst in keiner Großstadt gibt. Und höfliche Menschen, das tut nach Corona gut. Da ist zum anderen der Meltin' Pot jahrhundertelanger Einwanderung, der Kunst, Kultur und Kulinarisches auf einer Art bündelt, wie es nur wenige Orte vermögen.

Aber dann ist da noch: Bond. James Bond.

Meine Frau und ich sind Fans des britischen Geheimagenten und haben uns die Aufgabe gestellt, alle Drehorte der Welt zu bereisen. In bald 25 Filmen sind das ganz schön viel: Von Jamaika über Japan, von Spitzbergen bis Südafrika hat der Agent schon viel gesehen. Und kehrt doch immer wieder nach London zurück.

Mit den Filmen lernen wir, die Stadt durch verschiedene Augen zu betrachten: Der Big Ben und Trafalgar Square sind ebenso Drehorte wie der Londoner Untergrund, das Dach des Millennium Dome oder unscheinbare Wohnblöcke in Paddington. Bond zwingt uns, die Stadt auf allen Ebenen zu erleben. Am Ende jeden Films heißt es: »James Bond will return.« Es steht schon fest: Ich auch.

Marc Röhlig, Redakteur im Hauptstadtbüro

Istanbul: Hunger auf das Leben

Beşiktaş in Istanbul

Beşiktaş in Istanbul

Foto: AlpKaya / Shutterstock / AlpKaya

»Tadııııııın«, ruft ein Mann mit schütterem Haar. »Probiert es.« Vor sich hat er einen riesigen Berg Muscheln, sie kommen aus Farmen am Marmarameer. Dazu reicht er ein Stück Zitrone. »Afiyet olsun!«, sagt er, »guten Appetit!« Er reicht eine, zwei, drei – und ich gehe weiter. Die Straßen sind voll an diesem Abend in Beşiktaş. Es riecht nach Gewürzen, ein bisschen nach Kardamom, nach gerösteten Makronen und Halva. Einem Nachtisch, der gebratenem Grießbrei gleicht und unnachahmlich schmeckt, wenn man Schokoladensoße darüber laufen lässt.

Straßenhunde ziehen umher. Menschen sitzen draußen, trinken Bier, rauchen Zigarette oder Pfeife. Sie sitzen im Elma, einer angesagten Bar des Stadtteils. Viele von ihnen sind jung, Studierende. Sie lachen, scherzen. Einen Drink noch, dann ziehen sie weiter ins Kosmos, eine bekannte Studentenbar. Sie haben Hunger auf das Leben, das Fieber der Nacht. Die Nacht ist in Istanbul eine andere geworden. Seit Gezi, dem Anschlag auf den Klub Reina – seit Erdoğan. Es war das Ende von Istancool.

Dennoch bleibt Istanbul für mich eine magische Stadt, die Orient und Okzident noch immer versöhnen kann, wenn sie möchte. Ihre Abende und Nächte lassen der Herzlichkeit und Offenheit ihrer Menschen den Raum, den sie brauchen. Sie macht vom Erleben satt. Jetzt ein Bier mit Ufuk. Das wär's. Ich vermisse dich, Istanbul. Gerade jetzt.

Florian Gontek, Redakteur im Ressort Start

Vielleicht in Südchina oder Vietnam: Das Unerwartete willkommen heißen

Ho-Chi-Minh-Stadt

Ho-Chi-Minh-Stadt

Foto: Ho Ngoc Binh / Getty Images

Ich weiß nicht, ob ich mich mehr nach dem Morgen oder dem Abend in der Ferne sehne. Nach dem Gefühl, im Morgengrauen fremde Hähne zu hören, die meist magerer, zerzauster, eigenwilliger wirken als die heimischen, und die Kühle auf der Haut zu spüren, wissend, dass noch wenige Stunden bleiben, bis der Schweiß wieder rinnt. Oder ob ich mehr die Schwüle des Abends vermisse, wenn zwar die Dämmerung kommt, aber die Hitze bleibt, die Luft gesättigt ist von Gerüchen nach Geröstetem und Abgasen und immer auch einer Note Fäulnis.

Nach der Verheißung des neuen Tages oder dem nächtlichen Sich-Treiben-Lassen in irgendeiner Großstadt, vielleicht in Südchina oder Vietnam, dem Eintauchen, Untertauchen in Menschenmassen, um Teil zu werden eines Summens, Vibrierens, Hupens und im letzten Moment wegzuspringen vor einem heranrasenden Mofa.

Wagnis statt Selbstdisziplin, das Unerwartete willkommen heißen, statt den Tag mit Routinen bezwingen – das, ja das wäre schön.

Sandra Schulz, Redakteurin im Ressort Leben

Mantua: Die Stadt, in die Romeo verbannt wird

Mantua

Mantua

Foto: Maremagnum / Getty Images

Ich schaue mir keine Reisereportagen im Fernsehen an. Vor Corona nicht, und jetzt erst recht nicht. Dass ich Fernweh habe, weiß ich auch so. Es genügt, den Monaco-Franze im Biergarten sitzen zu sehen oder Menschen, die in Paris über belebte Straßen laufen, in »Rififi« oder »Ein Herz im Winter«. Kleine und große Dramen, fiktives Leben, das mich daran erinnert, wie sich das echte Leben mal angefühlt hat.

Zufällig lande ich eines Abends bei »Il Processo«, einer zweitklassigen italienischen Netflix-Serie über einen Mord in der besten Gesellschaft. Grandiose Feste in prächtigen Palästen, Kulissen wie für eine Verdi-Oper. Immer wieder lässt der Regisseur seine Drohne über die mittelalterlichen Gemäuer fliegen, zeigt eine italienische Idealstadt, die fast auf allen Seiten von Wasser umgeben ist. Wo ist das nur?

Es handelt sich, so stellt sich bald heraus, um Mantua. Mantua, mitten in der Po-Ebene gelegen, auf dem Weg vom Gardasee nach Bologna, kannte ich bisher nur vom Vorbeifahren. Die Stadt, in die Romeo verbannt wird, nachdem er Julias Cousin umgebracht hat. Es ist kein schlechter Ort für eine Verbannung: die warmen Backsteinbauten in der Altstadt, die heute Weltkulturerbe sind, der Palazzo del Te, von einem aus dem Geschlecht der Gonzaga im 16. Jahrhundert als Lustschloss gebaut, wie ich inzwischen weiß. Und ich weiß auch: Sobald Italien seine Grenzen wieder öffnet und seine Cafés, will ich da hin.

Anke Dürr, Ressortleiterin Leben

Abel Tasman Coast Track: Kein Empfang

Abel Tasman Coast Track

Abel Tasman Coast Track

Foto: Birte Bredow

Es ist noch stockdunkel, als wir uns aus unseren Schlafsäcken im Matratzenlager der Bark Bay Hut schälen und im Licht der Taschenlampe unsere Sachen zusammenräumen, bemüht, niemanden zu wecken.

Nur meine Schwester und ich müssen am dritten Tag des Abel Tasman Coast Track auf der neuseeländischen Südinsel so früh raus: Wir haben eine Doppeletappe vor uns. Die nächste Hütte in Awaroa war ausgebucht – doch wir nicht bereit, auf die Wanderung zu verzichten, und zu faul, ein Zelt zu tragen. Was uns aus Deutschland noch als gute Idee erschien, macht mich nun doch ein bisschen nervös. Vor uns liegt ein Wegstück, das nur bei Ebbe überquert werden kann.

Im Morgengrauen stapfen wir los. Irgendwann schaue ich zur Seite über riesige Farne hinweg in Richtung Meer und direkt in den Sonnenaufgang. Später waten wir problemlos durchs Wasser, meine Bedenken waren umsonst.

Wenn ich an die vier Tage der Tour denke, erinnere ich mich nicht – oder kaum – an schmerzende Füße und Schultern, eintönige Ernährung und beißwütige Sandfliegen. Sondern ich sehne mich nach dem Grillenkonzert als Soundtrack, den Buchten mit weißem Sand und strahlend blauem Wasser, danach, nachmittags die Wanderschuhe auszuziehen und ins Meer zu springen. Ich vermisse es, angenehm erschöpft einzuschlafen – ohne eine einzige Push-Mitteilung oder Twitter zu checken. Empfang gibt es hier nicht: zum Abschalten ideal.

Wie schön wäre es, wieder meinen Rucksack zu packen. Der Abel Tasman Coast Track war meine erste Mehrtageswanderung – und super für Einsteiger. Doch es gibt noch neun weitere der sogenannten Great Walks in Neuseeland.

Birte Bredow, Redakteurin im Ressort Panorama/Deutschland

Portugal: Frango Piri Piri mit Freunden

Nazaré

Nazaré

Foto: © Allard Schager / Getty Images

Letzter März in Nazaré. Im Winter ist die beeindruckende Kulisse für atlantische Jahrhundertwellen zu einem sehr stillen Ort geworden. Irgendetwas kündigt sich an, noch nicht greifbar, aber bedrohlich.

Das Meer. Morgens, vor dem Frühstück, führt unser erster Weg dorthin. Wir schauen, wie der Tag wird – Sonne, Wind, Regen? In den Gassen des Ortes duftet es nach Kaffee und Gebäck. Nazaré ist eigentlich ein großes Dorf, vor den Haustüren wird Fisch gegrillt, Wäsche getrocknet, ein ausgedehnter Nachbarschaftsplausch gehalten. Im Sommer wird es wieder wunderbar schattig und kühl sein, mit einer leisen Brise.

Der Himmel. So blau – nicht zu fassen und nicht zu vergessen. Momentan beinahe so weit entfernt wie der Mond.

Die Menschen. Wenn das Herz eines Portugiesen erobert wurde, was nicht einfach ist, dann kann einem eigentlich nichts mehr passieren.

Der Horizont. Alles wird gut werden, hoffentlich. Keine neue Normalität, sondern so, wie es einmal war: Menschen am Strand, Frango Piri Piri mit Freunden, viel Wein. Liebes Portugal, wir sehen uns wieder. Meine große Sehnsucht. Saudade.

Michael Abke, Grafiker in der Abteilung Layout

Mein kleines grünes Zelt: Weit weg von Straßen und Städten

Zelten auf den Ålandinseln

Zelten auf den Ålandinseln

Foto: Antje Blinda

Mein Sehnsuchtsort? Mein Zelt. Ich vermisse es wirklich sehr. Und ich befürchte, dass es, sollte ich es jemals wieder aus seiner Hülle ziehen, einfach zerfallen ist. Vor fast 25 Jahre habe ich es gekauft. Seitdem sind die Stangen gebrochen und auch die Gummibänder des Innenzelts ersetzt – doch trocken blieb ich immer, eingemummelt in einen Schlafsack, geschützt vor Regenstürmen, Skorpionen und Ameisen.

Also eigentlich vermisse ich das, wofür mein kleines grünes Zelt – und manchmal eins seiner Artgenossen – steht. Das Draußen- und Unterwegssein, bestenfalls weit weg von Straßen, Städten, zu vielen Menschen. Oft war es tagsüber in der Luke eines Seekajaks verstaut, und ich konnte es nach einem langen Paddeltag auf dem Meer auf einem Felsen oder einem Strand aufstellen. Mal auf den Felsen der finnischen Ålandinseln, mal zwischen Hemlocktannen auf einer Insel vor Vancouver Island, mal an Elbas Stränden.

Oder aber es schaukelte von morgens bis abends auf einem Kamelrücken neben mir durch die Wüste Marokkos, und nach der Wanderung war mein Schlafsack nachts in der Kälte kaum warm genug. Oder es war festgezurrt auf meinem Radgepäckträger, am Abend stand es an der polnischen Küste.

Nach all dem habe ich Sehnsucht – aber auch danach, wenn ich in ihm auf einem rumpeligen deutschen Zeltplatz liege. Nach einer Flusspaddeltour und einem langen Abend mit Lagerfeuergesprächen mit möglichst vielen Freunden.

Antje Blinda, Teamleiterin Reise im Ressort Leben

Procida: Bonbonfarben, schwarzer Sand und sonst – nichts

Procida

Procida

Foto: Sabine Schaper

Das Gleitboot springt über die Wellen, Neapel und der Vesuv werden am Festland immer kleiner, und nach nicht mal einer Stunde betritt man, noch etwas wacklig auf den Beinen, den Kai von Procida. Während sich auf den Nachbarinseln Capri und Ischia Reisegruppen durch die Straßen schieben, trifft man hier vor allem Italiener, die ein paar Tage der Schwüle der Stadt entkommen wollen. Viel mehr gibt es hier auch nicht zu erleben, aber das macht Procida zum Sehnsuchtsort für diejenigen, die genau das suchen: il dolce far niente, das süße Nichtstun.

Die gerade mal vier Quadratkilometer mit schroffen Klippen und bunten Bonbonhäuschen sind auch zu Fuß schnell abgegrast. Es gibt lediglich eine Handvoll Strände und ebenso viele Restaurants und Eisdielen. Mehr Entscheidungen gibt es auf Procida kaum zu treffen – und dementsprechend auch nichts zu verpassen. Die Tage verdampfen in der Hitze des schwarzen Vulkansandes, eine granita di limone, eine Art trinkbares Zitronensorbet, bringt kurze Erfrischung.

Und nach Sonnenuntergang, dessen Betrachtung vom Hügel der Insel einem Event wohl noch am nächsten kommt, fallen einem bei Pizza und Bier auf der kleinen Piazza bereits fast die Augen zu – das Ende eines wunderbar ereignislosen Tages.

Sabine Schaper, Redakteurin im Ressort Audio

Walt Disney World: Umarmung mit der Maus

Walt Disney World in Orlando

Walt Disney World in Orlando

Foto: JOHN ANGELILLO / imago images/UPI Photo

Alle fünf Jahre im Oktober packen etwa 60 Menschen in Orten wie Tokio und Tijuana, in Sydney und Seattle, in Hongkong und Hamburg ihre Koffer und reisen nach Walt Disney World in Florida. Für sie alle ist diese Reise die wichtigste des Jahres. Und ich bin eine von Ihnen.

Ende der Neunziger absolvierte ich ein einjähriges Traineeprogramm bei Disney World in Florida – zusammen mit etwa hundert jungen Menschen aus der ganzen Welt. Wir arbeiteten, wohnten und lernten gemeinsam, wir feierten unsere Freiheit, den ewigen Sommer, den unbegrenzten Zutritt zu den für uns großartigsten Freizeitparks der Welt. Wir schwammen mit Seekühen, sahen Raketen ins All fliegen und trugen niemals lange Hosen. Kurzum: Wir hatten das Jahr unseres Lebens.

Als wir uns trennten, schworen wir, uns alle fünf Jahre an genau diesem Ort wiederzutreffen.

Und so zieht es mich immer wieder zurück nach Orlando. Sobald ich aus dem Flughafen trete und gegen diese heiße Wand laufe, die nach Abgasen und Sumpf riecht, bin ich im Paradies. Wir wohnen im günstigsten Disney-Hotel, Zimmer an Zimmer, wie früher. Wir erzählen uns die letzten fünf Jahre im Schnelldurchlauf, tagsüber schieben wir uns schwitzend durch die Disney-Parks.

Höhepunkt ist jedes Mal das Treffen mit unserem ehemaligen Boss, Mickey Maus. Er erwartet uns in einem Hinterzimmer des Vergnügungsparks. Wir sind inzwischen alle Mitte vierzig bis Mitte fünfzig – und umarmen selig eine schulterhohe Maus. 2022 ist wieder ein Reunion-Jahr. Wird es klappen? Selten war meine Sehnsucht nach der großen Freiheit und alten Freunden stärker.

Helene Endres, Ressortleiterin SPIEGEL Job und Karriere und SPIEGEL Start

Das Granada-Gefühl: Mond über der Alhambra

Alhambra in Granada

Alhambra in Granada

Foto: Photo by Jennifer Kathryn Henry. All rights reserved. / Getty Images

Der Vollmond steht über der majestätischen Alhambra, die Frühlingsnacht ist kühl in Andalusien, auf den Gipfeln der nahen Sierra Nevada leuchtet der Schnee. In den engen Altstadtgassen Granadas klappern die Absätze der Señoras auf dem Kopfsteinpflaster, aus einem Fenster schallt Nino Bravos Siebzigerjahre-Hit »Libre«. Zwei Männer liegen sich in den Armen, singen mit. Einheimische und Gäste drängen in die Bars: Jetzt ist die Zeit für Tapas.

In der Bodegas Castañeda ist es laut, heiß. Menschen stehen eng an eng, lachen, gestikulieren, unterhalten sich wild durcheinander und ergeben sich den Genüssen der andalusischen Küche. Schinkenkeulen hängen über der Theke, würzen die Luft. Zu jedem Glas, das man am Tresen bestellt, werden in der Küche köstliche Kleinigkeiten zubereitet: ein warmes Brot mit Schinken. Scampi. Oliven. Käsestückchen.

Schon schickt der Camarero einen neuen Teller los über die Köpfe der Gäste: ein Pilzomelette. Kabeljau-Stückchen in Zitronensauce. Hähnchenschenkel. Fleischklößchen. Ein Leberwurstbrot. Die Abfolge ist festgelegt, die Angestellten wissen genau, welcher Gast welches Häppchen schon hatte, welches als Nächstes folgt. Bezahlt wird nur das Getränk, nada más. Aufbruch. Ein paar Schritte weiter wartet die nächste Tapasbar. Und dann die übernächste.

Jule Lutteroth, Autorin im Ressort Leben

Hauptsache Süden: Egal, ob Korsika oder Sardinien

Bonifacio auf Korsika

Bonifacio auf Korsika

Foto: akrp / Getty Images/iStockphoto

Die voll gepackten Taschen in den Kofferraum sortieren, noch fix die Luftmatratze aus dem Keller holen, Staub abklopfen und irgendwo in eine Gepäcklücke im Auto stopfen. Dann die drei Kinder anschnallen – und: ab in den Süden! Ich träume davon, wieder in Richtung Mittelmeer reisen zu können. Vielleicht an die zerklüftete Westküste von Korsika oder an Sardiniens Golf von Orosei. Beim Ziel wäre ich kaum wählerisch. Hauptsache Strand und Sonne und ein Lokal, das Spaghetti Vongole serviert.

Letztlich ist es ohnehin oft schon der Weg zum Urlaubsort, der die echten Highlights bereithält. Die, an die wir uns noch Jahre später erinnern. Darum gilt meine Vorfreude vor allem dem Unterwegssein. Wenn wir in die Sommerferien reisen, dann muten wir uns keine allzu weiten Strecken oder gar Nachtfahrten zu. Lieber machen wir nach sechs oder sieben Stunden Fahrt Halt und verbinden das Füßevertreten mit einer Stadterkundung: Basel, Freiburg, Rothenburg ob der Tauber, so was.

Meistens übernachten wir dann in Jugendherbergen – die sind nicht nur bezahlbar, sondern auch familienfreundlich und meistens extrem gut gelegen. Bevor es am nächsten Tag weiter geht Richtung Meer, sammeln wir Erlebnisse: Ritterspielen auf der Stadtmauer von Rothenburg, Rheinschwimmen in Basel, Wandern auf den Freiburger Schlossberg. Dann geht es weiter. Richtung Süden. Das Meer rauscht schon in meinem Ohr.

Julia Stanek, Redakteurin Reise im Leben-Ressort

abl
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