Filmfest auf Ko Samui Kleine Inseln, großes Kino

Die Leinwand hängt an Bambusstangen, über den Kinobesuchern rauschen Palmenwedel: Auf den thailändischen Inseln Samui und Phangan bieten Filmfestivals ein Alternativprogramm zu den berüchtigten Vollmondpartys. Ihr Direktor ist ein Schweizer mit Sinn für Spiritualität.

Christoph Stockburger

Das Arts Café auf Ko Phangan ist ein Rückzugsort, eine Festung aus Bambus und Beton. Während sich draußen die Insel für die Full Moon Party aufdonnert, plant Julien L. Balmer drinnen sein Gegenprogramm für die Riesensause. "Statt nur über die Partyszene zu lästern, will ich eine Alternative anbieten", sagt der 32-jährige Schweizer. Er ist ein Festival-Direktor: Am Golf von Thailand hat er zwei Filmfeste ins Leben gerufen, auf Ko Phangan und auf Ko Samui.

Verschlungen wie eine Brezel drapiert sich der Yogaschüler auf die Liegekissen im Café. Weil es so einfach aussieht, wie er seine Beine abknickt und ineinander verhakt, fällt die komplizierte Stellung zunächst gar nicht auf; wenn man sie bemerkt, glaubt man, die eigenen Bänder reißen zu hören. Yoga ist der Grund, warum Balmer auf Ko Phangan wohnt. Hier unterrichtet sein Meister.

Auf den ersten Blick erfüllt er das Klischeebild vom Aussteiger: Balmer trägt ein Indien-Hemd, Fischerhosen und ein Lächeln im gebräunten Gesicht. Dabei hat der Schweizer an der renommierten Universität von Sankt Gallen ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, Finanz- und Kapitalmärkte abgeschlossen. Für seine Abschlussarbeit über "Die Dollarisierung von Entwicklungsländern" wurde er als Jahrgangsbester ausgezeichnet. In feinem Zwirn und mit zurückgeklatschten Locken gäbe er in jeder Finanzstube nicht nur optisch eine gute Figur ab.

Unfall als Wendepunkt im Leben

Dass er nun aber in einer Lehmhütte statt einer Eigentumswohnung lebt, liegt an einem dramatischen Unfall in Brasilien. Im Februar 2001 zerbarst während eines Sturms neben ihm eine Fensterscheibe und die Scherben schlitzten ihm Haut, Arterien und Sehnen auf. Hilfe war weit weg, er drohte zu verbluten. "Ich dachte, das war's", sagt Balmer, "aber irgendwie war's das dann doch nicht." Er kam mit dem Leben davon - aber es sollte danach ein anderes sein.

Während der Reha machte er seine ersten Yoga-Übungen, "und dann hat es mich nicht mehr losgelassen." Nach seiner Heilung brach er zu neuen Reisen auf, nach Südostasien und Indien. Dort traf er schließlich den Mann, dem er bis nach Ko Phangan folgte: Swami Vivekananda Saraswati. Sein Meister stammt aus Rumänien und ist gelernter Elektrotechniker. Was fasziniert Balmer an ihm? "Swami kann Yoga auf eine Weise vermitteln, dass alles, was man tut, Sinn ergibt", sagt der Schweizer. Seine Yoga-Übungen, meint Balmer, erfordern keinen religionsartigen Glauben. "Sie funktionieren wie ein Kochbuch: Wenn du dich an die Rezeptur hältst, bekommst du, was du willst."

Julien L. Balmer hielt sich nach seinem Unfall aber nicht nur an die Yoga-Rezepte, sondern lernte auch weiterhin die Mechanismen der Marktwirtschaft. Davon profitiert er heute. "Es ist für mich nach wie vor sehr einfach, in die Schweiz zu gehen und in kurzer Zeit gutes Geld zu verdienen. Und Makroökonomie und Wechselkurse stimulieren mich noch immer", sagt er. Investments tätige er jedoch nicht - "ich hab ja nichts zu investieren". Der Festivaldirektor lächelt.

Das Kapital von Julien Balmer ist seine Liebe zum Kino: "Unter Umständen kann man einen Film für sich entdecken, der das eigene Leben verändert. Das ist der Hauptgrund, warum ich die Festivals organisiere: weil ich weiß, dass gute Filme diese Kraft haben."

Interesse auch in Hollywood

Seine Erfahrungen als Yogaschüler hat er in einem eigenen Dokumentarfilm verarbeitet. Zusammen mit Freunden drehte er "Through The Eastern Gate", ein Streifen über drei junge Menschen und deren Suche nach dem Sinn des Lebens. Wenn er in seinem alten Freundeskreis von seinen spirituellen Erlebnissen erzählt habe, sei ihm gleichermaßen Befremden und Neugierde entgegengebracht worden. "Der Film war eine Antwort auf diese Fragen", sagt er. Das war 2006.

2008 veranstaltete er das erste Filmfestival auf Phangan. "Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich neben Yoga noch etwas anderes machen wollte", sagt Balmer. Innerhalb von zwei Monaten stampfte er das Festival aus dem Inselsand. Er zeigte Filme, die er kennt und die verfügbar sind. An den drei Festivaltagen kamen rund 120 Besucher. "Ein Tag war aber auch völlig verregnet", erinnert er sich.

Im Jahr darauf setzte der Festivaldirektor auf mehr Professionalität. Auf einer Internetplattform für Filmfeste legte er ein Profil seiner Veranstaltung an. Das stieß in Hollywood auf Interesse: Der Produzent des Johnny-Depp-Films "Fear and Loathing in Las Vegas" reiste 2009 Kosten nach Ko Phangan, um einen Film zu präsentieren und einen Workshop abzuhalten. Aus New York flog eine junge Regisseurin ein, und auch von Phuket aus machten sich Mädchen auf den Weg. Die Besucherzahlen verdoppelten sich.

Julien Balmer schöpfte aus diesen Begegnungen Selbstbewusstsein. Er expandierte auf der Nachbarinsel. 2009 fand auf Ko Samui das erste Filmfest statt. Die zweite Ausgabe wird in diesem Jahr vom 6. bis 8. August veranstaltet. Ihr liegt ein ganzheitliches Konzept zugrunde: "Nature and Spirit". Wie auf Ko Phangan will Balmer auch hier eine Alternative bieten, denn das Inselmotto lautet für viele Besucher "Strand und Liebe - möglichst billig".

Filmfest versus Vollmondparty

Tatsächlich scheint es für viele Strandtouristen weniger attraktiv zu sein, sich auf ein Independent-Filmfest als auf die Vollmondpartys zu begeben. "Ich weiß, dass ich mit dem Festival gegen den Strom schwimme", sagt Balmer - und die Besucherzahlen im Vorjahr sagten es ihm auch. "2009 kamen nur ganz wenig Leute", erinnert er sich. Damit er nicht erneut einen Reinfall erlebt, hat der Festivaldirektor einen neuen Veranstaltungsort auf Ko Samui und hartnäckiger nach originellen Filmen gesucht.

Originelle Filme, das sind für Julien Balmer vor allem Dokumentarfilme. Sie machen einen Großteil der rund ein Dutzend Beiträge im Programm des Samui Film Festivals aus. Für Balmer ist wichtig, dass diese Werke nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommen: "Die Leute wollen zum Lachen gebracht werden", sagt er.

So wie in "Impact Man", einem Dokumentarfilm über einen New Yorker Journalisten, der ein Jahr lang in perfekter politischer Korrektheit lebt und auf Strom, Auto und Supermarkteinkäufe verzichtet. Der Clou: Seine shoppingsüchtige Gattin und die verwöhnte Tochter müssen auch mitmachen.

Der Anspruch auf Nachhaltigkeit, um den sich "Impact Man" dreht, steht für das ganze Festival. Die Vorführungen finden unter freiem Himmel statt, inmitten einer großzügigen Spa-Anlage, die einst eine Kokosnussplantage war. Das Festivalgelände wird mit Palmenblättern umzäunt, die Leinwand ist auf lange Bambusstangen gespannt.

Kräutermedizin in der Filmpause

Die Szenerie ist eine Hommage an die Tradition des Nang Klang Plaeng, des thailändischen Open-Air-Kinos. Bis Anfang der Achtziger zogen fliegende Filmvorführer mit Lastwagen durch das Land, beladen mit einer Leinwand, einem Projektor und Filmrollen. Weil die Tonspur meist fehlte, synchronisierten die rollenden Kinobesitzer die Filme selbst und verliehen den Schauspielern auf dem "Big Screen" mit Mikrofonen eine Stimme.

"Mir wurde erzählt", sagt Balmer, "dass damals mehrere Pausen während den Vorführungen eingelegt wurden, in denen die Filmleute Kräutermedizin verkauften." Ehe sich die Besucher nicht zum Kauf breit schlagen ließen, sei die Vorstellung nicht fortgesetzt worden.

Kräutermedizin werde beim Samui Film Festival nicht feilgeboten und der Originalton sei auch zu hören, verspricht Balmer. Ins Konzept der Nachhaltigkeit würde alles andere auch schlecht passen. Damit die Bevölkerung von dem Kinospektakel profitiert, geht ein Teil der Einnahmen an ein lokales Umweltprojekt. "Das Festival gibt es, weil mir diese Sachen am Herzen liegen", sagt Julien L. Balmer. Für den Yogaschüler mit Wirtschaftsdiplom eine sichere Investition.



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blob123y 04.08.2010
1. Das mit den "wandernden" Filmvorfuehrern ist nach wie vor
ueblich in Thailand, das hat nicht irgendwann aufgehoert. Man sieht dies sogar ab und zu in Phuket, ist auch sehr populaer in Myanmar. Ich wuerde dem Hr. Balmer vorschlagen verschiedene Dokus ueber Thailand zu bringen und zwar etwas touristisch relevantes, auch wenn da schon wieder einige die Nase ruempfen es ist dies was die Leute sehen wollen. Ich hab ueber 200 von den Clips auf youtube und ich seh jeden Tag wieviel da gucken, es ist enorm, speziell jetzt mit den HD. Einige kann man auch hier sehen: http://thailandpicturevideo.com click ..video.
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