Filmland Marokko Blockbuster aus der Wüste

Auch wenn "Casablanca" Marokko einen Platz auf der Kino-Weltkarte sicherte: Erst in der jüngeren Vergangenheit kam die Filmindustrie so richtig in Fahrt: Ob "Asterix", "Kundun" oder "Babel" – im Süden des Landes finden Besucher die Drehorte zahlreicher Erfolgsfilme.
Von Bärbel Schwertfeger

Schon um sieben Uhr morgens herrscht am breiten Sandstrand von Agadir reges Treiben. Jugendliche spielen Fußball, Jogger und Spaziergänger genießen die kühle Morgenluft. Spätestens drei Stunden später haben sich die Nebelschwaden über dem Atlantik aufgelöst und der erbarmungslos heißen Sonne Platz gemacht. Am Strand reiht sich ein Hotel ans andere, und auch in den letzten Lücken ragen bereits Baukräne in Höhe. Denn die Touristenhochburg im Süden Marokkos ist derzeit eine gigantische Baustelle. Überall entstehen neue Hotelanlagen und Appartementblöcke. Schließlich hat das Land große Ziele. Bis 2010 sollen zehn Millionen Besucher im Jahr das Königreich besuchen - im vergangenen Jahr waren es gerade einmal halb so viele.

Doch arabisches Flair sucht man in Agadir vergebens. Nach dem verheerenden Erdbeben vor 47 Jahren wurde die Stadt völlig neu aufgebaut. Heute beherrschen gesichtslose Neubauten das Stadtbild, Ramschläden und Fast-Food-Restaurants säumen die breiten Straßen. Kein Wunder, dass die meisten Touristen Abwechslung bei Ausflügen ins Landesinnere suchen.

Autopanne in der Wüste

So auch Daniel, der gerade sein Staatsexamen bestanden hat und sich als Belohnung mit seiner Freundin Laura eine Reise nach Marokko gönnt. Die beiden mieten einen Jeep und fahren in die Wüste, verlassen dort die Straße. Dann springt der Wagen plötzlich nicht mehr an. Das junge Pärchen irrt durch die Wüste und trifft einen geheimnisvollen Fremden, der sie zurück nach Agadir bringen will - doch dann dauert die Fahrt dorthin plötzlich unerwartet lange. Simon Groß hat die Geschichte in seinem Film "Fata Morgana" mit Matthias Schweighöfer und Marie Zielcke umgesetzt und erhielt dafür vor kurzem den Förderpreis Deutscher Film für Regie. Wenn der Thriller im August im Kino anläuft, ist Marokko erneut Schauplatz eines Films.

Schon seit Jahrzehnten locken das ganzjährig mildes Klima mit vielen Sonnentagen und das schier unerschöpfliches Potential an spektakulären Kulissen Filmemacher aus aller Welt in das arabische Königreich. 1983 eröffnete Mohamed Belghimi am Rand von Ouarzazate das erste Filmstudio Marokkos. Seitdem boomt das Geschäft. Das Flugzeug, mit dem Michael Douglas im Kinoknüller "Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten" unterwegs war, die tibetische Klosterschule, in der Martin Scorsese Szenen für "Kundun" drehte, und der Sklavenmarkt aus dem Film "Gladiator" mit Russell Crowe - ein Besuch der Atlas Filmstudios gleicht einer Zeitreise durch die Kinogeschichte. Gerard Depardieu stand hier für "Asterix und Kleopatra" vor der Kamera, Brad Pitt drehte "Babel", und auch das Kreuzritter-Epos "Arn", das Ende 2007 in Skandinavien in die Kinos kommen soll, entstand im Süden Marokkos.

Da erscheint es schon fast grotesk, dass es in der ehemaligen Garnisonsstadt Ouarzazate nicht einmal ein Kino gibt. Doch schon in der Lobby des Hotels Azghor begegnet dem Gast die Filmwelt wieder – in Form des Herodes-Throns aus der Bibelverfilmung "Maria Magdalena". Gedreht wurde ein paar Kilometer weiter in der Kasbah von Taourirt am Stadtrand. Einst war die größte Lehmburg des Landes Residenz des mächtigen Pascha von Marrakesch El-Glaoui. Heute sind die verschachtelten Räume leer, nur manche lassen mit prachtvoll geschnitzten Decken noch den einstigen Reichtum erahnen.

Bibelthemen im Bilderbuch-Dorf

Die meisten Kasbahs sind längst vom Verfall bedroht. Denn die wuchtigen Lehmbauten sind äußerst witterungsanfällig und müssen ständig ausgebessert werden. Um den malerisch am Fluss gelegenen und nur zu Fuß erreichbaren Ksar Ait Ben Haddou vor diesem Schicksal zu bewahren, nahm die Unesco das Wehrdorf 1987 in ihre Liste als Weltkulturerbe auf. Heute sind einige der verschachtelt am Hang klebenden Lehmburgen wieder bewohnt. Schon Orson Welles nutzte das Bilderbuch-Dorf als Kulisse für seinen Film "Sodom und Gomorrha". Es folgten zahlreiche Bibel-Filme wie "Die letzte Versuchung Jesu", auch Szenen von "Lawrence von Arabien" wurden hier gedreht.

Die gut ausgebaute Straße führt quer durch den Hohen Atlas mit seinen schneebedeckten Bergen über den 2200 Meter hohen Tizi-n-Tichka-Pass hinunter zu den ausgedehnten Dattelpalmen-Hainen von Marrakesch. Die wegen ihrer rosa Gebäude "rote Stadt" genannte Millionen-Metropole verzaubert mit ihrem Mix aus Mittelalter und Moderne. In der Neustadt laden Einkaufsarkaden mit schicken Boutiquen und mondänen Straßencafes zum Bummeln ein. Der Orient beginnt hinter der Stadtmauer auf dem Platz der Gaukler. Jeden Abend, wenn die Hitze langsam weicht, füllt sich der Djemaa el-Fna mit Musikern, Akrobaten, Wahrsagern und Schlangenbeschwörern. Dampfschwaden umhüllen die mobilen Garküchen.

1956 geschah auf dem Platz ein Mord - in Hitchcocks Film "Der Mann der zuviel wusste". 1998 verliebte sich Titanic-Star Kate Winslet in dem Film "Marrakesch" hier in einen Straßenakrobaten und erkundete die engen Gassen des Souks. Noch heute werden in dem verschachtelten Marktviertel die verschiedensten Waren nicht nur verkauft, sondern auch hergestellt und in den winzigen Werkstätten kann man Eisenschmieden und Holzschnitzern bei ihrer Arbeit zuschauen.

Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt in die Hafenstadt Essaouira. Mit ihren weiß gekalkten Häusern und den blauen Fensterläden mutet die Altstadt eher andalusisch an. Die windigste Stadt Afrikas übte schon immer einen besonderen Reiz auf Künstler aus. Orson Welles dreht hier seinen Film "Othello", und in den siebziger Jahren war Essaouira ein beliebter Treffpunkt für Hippies und Aussteiger. Und für ein paar bekannte Musiker, die beides waren: Bob Marley, die Rolling Stones, Jimi Hendrix und Jim Morrison lebten hier oder besuchten die Stadt.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.