Wanderung bei Vancouver Island Knurrt er, weiß ich, dass ich schreien muss

Der "Walk the Wild Side"-Trail auf Flores Island führt entlang von acht Stränden und durch kanadischen Urwald. Nicht nur Wanderer lockt er an, sondern auch Bären und Wölfe. Gut, dass der Hund dabei ist. Oder?

imago images/ All Canada Photos

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"Bär", ich nenne ihn "Bär". Den Dorfhund, der mir schon seit Stunden folgt, sich mit keinem Mittel vertreiben lässt und sich gerade in einer Pause auf Treibholz an meinen Rücken kuschelt. Meine Strategie: Sobald sich ein Schwarzbär in meinen Weg stellt, schreie ich einfach "Bär! Bär!" und reiße die Arme hoch, um größer zu wirken - so wie es jedem Wanderer in Kanada gelehrt wird. Der Hund kommt, der Bär geht. Das ist meine Hoffnung.

Ich laufe auf dem "Walk the Wild Side Trail" auf Flores Island, 21 Kilometer nördlich vom Urlaubsort Tofino im Westen von Vancouver Island. Während dort in Cafés und auf Campingplätzen kaum ein Platz zu bekommen ist, begegne ich auf dem Wanderweg nur vier Briten und einer kanadischen Familie. Am Morgen nutzten sie mit mir das Wassertaxi nach Ahousaht, dem Hauptort der Insel. 40 Minuten dauerte die Überfahrt über den Clayoquot Sound, vorbei an den Inseln Meares und Vargas, an Seeadlern und immer im Blick: der 886 Meter hohe Mount Flores.

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Flores Island: Walk the Wild Side

"Bär" läuft ein paar Meter vorweg am White Sands Cove, wirft sich mit offener Schnauze in die Wellen und jagt Schwalben. Er ist der Einheimische, denke ich, er muss wissen, was er tut, und biete ihm dennoch ein wenig Süßwasser nach seinem Ausflug ins Meer an. Er schnauft ablehnend. Ebenso beim Apfel, den ich ihm unter die Nase halte. Eine Scheibe Toast nimmt mein Begleiter mit dem schwarzbraunem Fell und den Schlappohren. Mehr habe ich nicht dabei.

Flores, Heimat der Ahousaht

Der Wild Side Heritage Trail verläuft im Süden von Flores, elf Kilometer von Ahousaht bis zur Cow Bay. Und elf Kilometer zurück. Wer Zelt, Schlafsack, Kocher und Verpflegung trägt, kann an drei ausgeschilderten Plätzen, aber auch wild übernachten. Wer das nicht will oder kann, kommt in der Aauuknuk Lodge im Hauptort unter. Wie ich. Der Gästemanager Felix Thomas hatte mich am Morgen vom Bootssteg abgeholt, mit einem rostigen Auto ohne Sicherheitsgurt kutschierte er mich die einzige asphaltierte Straße des Dorfes hinunter.

"Rechts siehst du unsere neue Highschool und das Gesundheitszentrum", sagt er. Am Wegrand liegt ein großes Kriegskanu, ein schwarz gestrichener Einbaum; Kinder spielen auf ihren Fahrrädern. Hinter dem Dorfzentrum kurven wir um einen kleinen Kreisel, "links ist das Neubaugebiet", sagt er, zu sehen sind viel Schotter und wenige Häuser.

"Etwa 1200 Menschen leben hier, überwiegend 'First Nation People'", sagt Thomas. First Nation, so nennen die Kanadier die Ureinwohner, auf Flores sind es die Ahousaht, der größte Teilstamm der Nuu-chah-nulth. "Viele, die weggezogen sind, kommen zurück auf die Insel", sagt er, die Inselbevölkerung wächst. Dann haben wir die Lodge erreicht, und ich starte die Wanderung.

Kilometerlange Strände, Küstenregenwald und Felsen wechseln sich auf dem Trail ab, den die Ahousaht schon seit Jahrtausenden nutzen, wie sie selber angeben. Gerade ist Ebbe, immer wieder kann ich Abkürzungen laufen. Vorbei an Entenmuscheln, die - festgeklebt an Felsen - schmatzende Geräusche von sich geben. Vorbei an riesigen von Salzwasser und Sonne ausgeblichenen Treibholzwurzeln und durch unberührten Urwald aus jahrhundertealten Sitka-Fichten, Hemlocktannen und Riesenlebensbäumen.

Die Legende vom Oktopus-Geist

Ich stelle mir vor, wie schon lange vor meiner Zeit die Insulaner unter den Bäumen Medizinpflanzen, Holz und Rinde sammelten. Den Trail haben junge Ahousaht in den Neunzigern erbaut. Bretterstege, Stufen und Richtungsschilder sollten es auch Touristen ermöglichen, den Pfad zu nutzen - und einen Ökotourismus etablieren. Felix Thomas war vor mehr als 20 Jahren dabei: "Das war harte Arbeit", erinnert er sich und stöhnt, "vor allem die vielen Insektenbisse waren fies."

Heute, so scheint mir, ist der Trail etwas in Vergessenheit geraten, "die geplante Erweiterung bis zum Gipfel des Mount Flores wurde nie begonnen" sagt Thomas. "k'iihxnit - Dieser Ort war bekannt für einen Oktopus-Geist", steht etwa auf einer Tafel an einem Strand. "Lesen Sie mehr unter Nummer drei im Booklet". Dieses Heft jedoch ist nicht mehr erhältlich, wird mir später gesagt. Der Geist des Oktopus wird eine mir unbekannte Legende bleiben.

Hinter der Landzunge Kutcous Point durchquere ich ein bei Ebbe fast trocken gefallenes Flussbett. Auf dem Rückweg, bei Flut, wird mich der nötige Umweg ins Landesinnere zu einer Brücke eine Stunde kosten. Eine Hütte liegt am Wegesrand, "nur in Notfällen zu nutzen" steht auf einem Schild. "Bär" trinkt aus einer Wassertonne. Nicht mehr weit ist es zum Ziel Cow Bay. In der geschützten, nach Westen gerichteten Bucht sollen sich im Frühjahr Grauwale auf ihrem Weg von Mexiko nach Alaska sehen lassen. Bis nach Japan: nur die Wellen des Pazifiks.

"Chuu, klecko, Bär!"

Camper schlagen in der Cow Bay ihr Zelt auf, für mich geht es wieder zurück. Beim Umdrehen fällt mir ein Schild auf: Dies sei Puma-, Wolf- und Bärenland, steht da. Und: Haustiere würden die wilden Tiere anlocken. Ich stutze, schaue in "Bärs" braune Hundeaugen und denke: zu spät. Er muss wieder zurück in sein Dorf, und ich brauche ihn als Bären-Alarmsystem. Knurrt er, weiß ich, dass ich schreien muss. Später erfahre ich, dass zurzeit besonders viele Wölfe gesichtet werden.

"Bär" knurrt während der nächsten drei Stunden zurück durch Wald, über acht Strände und zwei Brücken nicht. Geduldig wartet er, wenn ich meine Fotos mache oder meine müden Füßen in die Luft strecke, legt den Kopf schief, wenn er nachschaut, wo ich denn bleibe.

Am Abend bin ich der einzige Gast in der einfachen Lodge, "Bär" rollt sich beim Abendessen auf der Terrasse an meinen Füßen zusammen. Ich dürfe ihm nichts von meinem Teller - Kartoffelbrei, Erbsen, panierte Hühnchenbrust - abgeben, sagt die Köchin der Lodge und: "Die Streunerhunde werden von Dorfbewohnern gefüttert." Ich bin ein bisschen beruhigt.

Am nächsten Morgen ist mein Bärenbeschützer verschwunden, auf dem Weg zum Wassertaxi treffe ich ihn im Dorf wieder. "Chuu, klecko!", versuche ich mich in der Sprache der Ahousaht, "danke und bis bald!". "Bär" will mich nicht mehr kennen, er hat wohl noch Hunger.

"Wild Side Heritage Trail" auf Flores Island
Der Weg
Der Trail führt etwa elf Kilometer vom Hauptort von Flores, der offiziell Maaqtusiis heißt, aber Ahousaht genannt wird, bis zur Cow Bay. Empfohlen werden zwei Tage für den Hin- und Rückweg, da es großartige Zeltplätze gibt. Als Tagestour (22 Kilometer) werden offiziell 8,5 Stunden Wegzeit angegeben, sie ist aber in etwa 6 Stunden zu schaffen. Proviant muss mitgenommen werden, am besten auch Wasser oder man filtert Flusswasser.

Gebühr für die Trail-Nutzung: 15 Kanada-Dollar

Information: Webseite Wildside Trail auf Flores (wildsidetrail.com) und im Lone Cone Campground Office am Hafen von Tofino (Unit 9, 368 Main Street; hier gibt es auch die Tickets für den Trail)
Anreise
Von Tofino an der Westküste von Vancouver Island aus fahren Wassertaxis zu festen Zeiten mehrmals am Tag nach Ahousaht auf Flores. Die Fahrtzeit beträgt circa 40 Minuten.

Anlegestelle: In der Nähe des Lone Cone Campground Office

Ticket pro Person: 20 Kanada-Dollar (an Bord zu zahlen). Wassertaxis können aber auch individuell gebucht werden.
Unterkunft
Die Aauuknuk Lodge (aauuknuklodge.com) auf Flores bietet 22 einfache Zimmer mit Gemeinschaftsräumen. Sie kosten 85 Dollar (als Einzelzimmer) bzw. 95 Dollar (als Doppelzimmer) plus Steuer, 22 Dollar Abendessen, 17 Dollar Frühstück.


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alaskafuchs 25.08.2019
1. Im Bärengebiet hilft Lärm, damit der Bär nicht überrascht wird
Und angreift. Ich habe in diesem Gebiet Leute mit Glöckchen am Gürtel getroffen. Auf einer Wiese "durfte" ich einen Bären aus ca. 18 m Entfernung filmen. Er fraß gerade etwas interessantes. Aber im dichten Wald ("moderate rain forest") schlug ich immer mit einem Stock gegen Baumstämme. So richtig wohl ist einem dabei nicht.
mamanature 25.08.2019
2. wunderschöner Trail - aber gefährlich?
Der Trail scheint dem Bericht nach wunderschön zu sein. Aber ist er allein, ohne Guide, ohne für den Fall der Fälle, einem Gewehr, nicht zu gefährlich? Ich bin ansonsten nicht so ängstlich, aber nachdem erst vor wenigen Tagen berichtet wurde, dass ein Komponist aus seinem Zelt von einem Bär verschleppt und getötet würde, sehe ich das nun etwas anders. Der Bericht macht Lust, ihn zu gehen. Aber ich denke, ich würde es dann lieber mit einem Ranger oder Guide in Begleitung und zum Schutz, wagen.
globaluser 25.08.2019
3. Ich bin einmal in der Gegend südlich von Tofino gewandert
und man sieht schon einmal Bärenkot, aber Angst hatte ich nicht wirklich. Einen Ranger werden sie kaum bekommen, sie gehören zu den kanadischen Streitkräften, sind aber in der Regel unbewaffnet. Einen Guide müssen Sie bezahlen, aber auch, wenn der ein Gewehr zu einer Wanderung mitführt (das tun die Kanadier in der Regel nur zur Jagd), wird das im dichten borealen Küstenregenwald wenig nutzen, weil da viel zu wenig Zeit bleibt. Das Beste ist da Bärenspray.
doskey 25.08.2019
4. @mananature
Es gibt soviele Wanderer in den USA und Kanada, die in Bären- oder Berglöwen/Puma-gebieten wandern und da passiert nichts. Klar, die Chance ist da, aber statistisch dürften sich mehr Wanderer verlaufen und daran sterben als von wilden Tieren getötet zu werden. Bärenspray würde ich aber mitnehmen fürs gute Gewissen.
bambata 25.08.2019
5.
Angriffe eines Bären auf Menschen kommen nur (oder von mir aus "fast ausnahmslos") dann vor, wenn man einander überrascht. Der Bär also nichts vom herannahenden Menschen ahnte und der Mensch sorglos und weitgehend geräuschlos mit Gegenwind vor sich hintrottet. Das gilt für Einzeltiere genauso wie für Muttertiere mit Jungen. Daher: immer ordentlich "Krach" machen; die Bären trollen sich dann längst, bevor man in ihre Nähe gerät. Ein einheimischer "Tourguide" in British Columbia rief beim Laufen in kurzen Abständen immer laut "Hey Bear, we're coming along, we're not evil." Ausnahmen bilden Bären, die gerade mit Fischfang (oder sonstiger Beute) beschäftigt sind, die lassen sich auch von Menschen mit Trillerpfeife nicht beeindrucken, auf solche Plätze stösst man aber nicht urplötzlich. Daher: entlang von Flussläufen immer vorausschauend bewegen. Ein fischfangender Bär könnte den Eindruck gewinnen, man wolle ihm seinen Fang bzw. Fischfangrevier streitig machen und das mögen die gar nicht.
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