Florida Keys Wo Time nicht Money ist

Auf den Florida Keys gehen die Uhren anders. Wo einst Ernest Hemingway schrieb, soff und Marlins aus der türkisfarbenen See zog, ist auch heute noch der hektische American Way of Life verpönt.

Von Ole Helmhausen


Alle hängen an der Theke und gucken versonnen in die Tunnel ihrer Biergläser. Bob Marley singt sein "Legalize it", wahrscheinlich zum millionsten Mal. Wie spät ist es? Viere? Fünfe? Gerade war's noch zwei. Keiner in der Schooner Wharf Bar in Key West hat eine Uhr um. Ein paar unrasierte Kerle mit dicken Muskeln zeigen einander ihre Tätowierungen. Eine prächtige Zweimastbark ist darunter, in deren Segel der Wind fährt, sobald der Eigner kräftigt inhaliert. Daneben gibt's jede Menge Anker und die obligatorischen nackten Nixen.

Auf den Spuren Hemingways: Hochseefischen vor Islamorada
Florida Keys TDC

Auf den Spuren Hemingways: Hochseefischen vor Islamorada

Ein warmer Wind streicht um die Theke und verfängt sich im Strohdach. Der Barkeeper kneift ein Auge zu und peilt über den Zapfhahn die oberste Rahe der "Mary Sue" drüben in der Marina an. Dann streckt er sich, dass es nur so kracht, und sagt: zwanzig vor fünf. Dabei guckt er, als habe jemand ein Glas Milch bestellt.

In der Schooner Wharf Bar verstreicht die Zeit, und niemand regt sich darüber auf. Oben auf dem Festland, bei "den Amerikanern", wo Zeit Geld und Geld alles ist, gilt das als unmoralisch. Auf den Florida Keys dagegen, und vor allem hier in Key West, gehört das zum Lebensgefühl. Die Uhren ticken langsamer - wenn sie denn die Handgelenke zieren. Die Inselkette der Keys, die eine Autostunde südlich vom Miami International Airport beginnt, steht seit den Zeiten Ernest Hemingways für Cocktails und Hängematten.

Das war in den dreißiger Jahren, und seitdem hat sich alles und nichts geändert. Alles, weil heute 42 Brücken die größten der Inseln miteinander verbinden und die US-1, der weltberühmte "Overseas Highway", jährlich 3,5 Millionen Besucher auf die Keys schaufelt. Und nichts, weil die Insulaner, die sich nach der hier gefundenen Schneckenmuschel "Conchs" (sprich: Conks) nennen, auf die vielen Menschen reagieren, wie sie schon immer auf Fremde reagiert haben - sie gehen fischen. Und heißen ansonsten die Besucher willkommen.

Mitten durch Waterworld

Insel-Hopping: Der "Overseas Highway" verbindet die Keys mit dem Festland
Florida Keys TDC

Insel-Hopping: Der "Overseas Highway" verbindet die Keys mit dem Festland

Blau und Grün entspannen, sagen Seelenklempner. Die See, zwischen allen Blautönen changierend, ist ständig und überall zu sehen. Grün sind die Mangrovenwälder, die jede Insel einschnüren wie Adventskränze. Die Fenster auf und das Gaspedal auf "cruise": Die Seelenmassage darf beginnen.

Auf langen Brücken über die offene See rollt man Auge in Auge mit fliegenden Pelikanen Richtung Kuba, hüpft über Inseln mit Namen wie Islamorada und Big Pine Key, wo Marinas prall gefüllt sind mit weißen Luxusspielzeugen, und passiert elegante Hotels und weitläufige Resorts, die sich in subtropischen Dschungeln verstecken. Rechts liegt der Golf von Mexiko, links der Atlantik: Waterworld, der Horizont wölbt sich beiderseits der Außenspiegel, Katamarane schneiden weiße Scharten in den blauen Bauch. Erst 140 Kilometer vor Havanna ist Schluss.

Auf Key West, der südlichsten der Keys, gabelt sich der "Overseas Highway" und versickert irgendwann zwischen charmanter Kolonialarchitektur von den Bahamas und wuchernden Bougainvilleen. Und mit dem Highway verpufft auch Mainstream-Amerika mit seinen Fastfood-Ketten und Werbeflächen. Selbst die Duval Street, Key Wests wuselige Partyzone mit ihren Kneipen und T-Shirt-Läden, wirkt eher karibisch. Übrig bleibt ein Stillleben aus alten, von üppiger Vegetation eingemauerten Holzhäusern mit weitläufigen Veranden, auf denen Schaukelstühle und Hängematten die liebste Freizeitbeschäftigung der Hiesigen verraten. Hunde, Katzen und Hühner streunen durch Seitenstraßen, die Caroline oder Angela heißen, hin und wieder knattert ein Moped vorbei und mischt die Idylle für ein paar Sekunden auf.

Leben und leben lassen

Alt und neu, Hemingways Karibik-Idyll und der Tourismus: Die Florida Keys von heute sind eine Schatzkiste, zu der man sich durch mehrere Erdschichten vorarbeitet. Lange buddeln muss man allerdings nicht, um Oasen wie die Schooner Wharf Bar zu finden.

Die "Conchs" nennen ihre Inseln "Paradise". Und bleiben cool, wenn zu Weihnachten und während der Ferienmonate Juli und August der Tourismus verstärkt über ihre Eilande schwappt. Denn das langsamere Tempo und der Inselalltag in Shorts und Badeschlappen wird, das wissen sie, auch all jene einwickeln, die nicht schon unterwegs in einem der märchenhaften Resorts hängen bleiben und es tatsächlich bis nach Key West schaffen. Und wenn die Sonne und das Hängematten-Klima das Tempo nicht drosseln, dann ist da noch immer Key Wests lange Tradition als Safe Haven für Künstler, Lebenskünstler und alle anderen, die mit der Jagd nach Geld und Rentenansprüchen nichts am Hut haben.

Segnung unter Wasser: Der "Christ of the Deep" vor Key Largo
Florida Keys TDC

Segnung unter Wasser: Der "Christ of the Deep" vor Key Largo

Das war schon immer so. Im vorigen Jahrhundert war Key West ein polyglottes Sammelbecken für Strandpiraten, Fischer und Schmuggler aus allen Teilen der Karibik. "Wrecking", das Abwracken gesunkener Schiffe, machte Key West zur Stadt mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen Amerikas. Dass es dabei nicht immer mit rechten Dingen zuging und selbst glaubensstarke Methodistenpfarrer eifrig mitkassierten, ist für die Nachfahren so etwas wie ein Gütesiegel.

Bis heute ist Key West die toleranteste Stadt östlich von San Francisco: Wenn heute der gewählte County Commissioner nach Dienstschluss als Drag Queen im "Diva" an der Duval Street Karaoke singt und andere prominente Bürger sich in den Klatschspalten munter als schwul oder lesbisch outen, kräht kein Hahn danach. Leben und leben lassen, lautet ein ungeschriebenes Gesetz. Der Besucher spürt's - und bleibt gern noch einen Tag länger. Sonne, Toleranz und total entspannt im Hier und Jetzt: Selten wurden Besucherscharen besser abgefedert.

Informationen: Fremdenverkehrsamt Florida Keys & Key West, Tel: 0221-233645.



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