Flug über Réunion Von Feuerspuckern und flüssigen Dodos

Rot glühende Lavaströme, gigantische Felswände, weiße Wasserfälle und hellgrüne Wälder - Réunions Landschaft ist bizarr und wunderschön. Ein Hubschrauberflug über die Insel mitten im Indischen Ozean.


Saint-Denis - Ein unerwarteter Schlenker reißt den Hubschrauber vom Boden. Sanftes Schaukeln. Dann nur noch pendelndes Schweben. Kopfhörer dämpfen den ohrenbetäubenden Lärm und ermöglichen die Kommunikation mit dem Piloten. Daniel dreht seit acht Jahren seine Runden über Réunion. Dabei wird er nicht müde, Wissenswertes über die Tropeninsel im Indischen Ozean zu erzählen: "Unter uns Saint-Paul, bis 1738 Gouverneurssitz. Hier gingen 1663 die ersten Franzosen an Land."

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Réunion: Vulkaninsel im Indischen Ozean

Das Panorama ist überwältigend. Das Meer am Küstenstreifen wechselt von türkis zu tiefblau. Wir durchschneiden eine Wolke wie Sahnebaiser. "Nach Réunion kommt man nicht zum Baden", stört Daniel unsere Betrachtungen. "In unseren Bergen muss man einfach wandern." Nicht, dass es hier keine Strände gäbe. Besonders die von Korallen geschützte Westküste hat schöne Sandstrände, bei Surfern wegen der seltenen Linkswelle beliebt. Saint-Gilles ist der bekannteste Badeort mit modernem Yachthafen.

Inzwischen zeigt sich die Landschaft bizarr und grün. Ein einziger großer botanischer Garten mit Baumfarnen und Tamarinden, deren Stämme in der Sonne hellgrün leuchten. Im Osten riesige Zuckerrohrfelder, die von der Küste bis auf 1000 Meter reichen. Gigantische Felswände und Schluchten breiten sich vor uns aus. "Wirklich wie geschaffen für Aktivsport wie Rafting, Canyoning, Klettern und eben Wandern", meldet sich Daniel nach kurzem Funkkontakt zur Zentrale wieder zu Wort und zeigt dabei auf die Wanderwege, die sich durch das üppige Grün schlängeln.

Rothaariger Vulkanwächter

Als leidenschaftlicher Wanderer kennt er sie alle: "Wenn ich fliege, ist es für mich, als ob ich wandere." Währenddessen quirlt sich der Propeller weiter in die Höhe bis auf etwa 2700 Meter, hoch genug, um einen Blick in den Krater des noch aktiven Piton La Fournaise (2632 Meter) zu werfen. Ein paar Minuten weiter breiten sich erkaltete Lavafelder inmitten der Mondlandschaft aus. Erst wenige Tage vor unserer Ankunft hatte der Vulkan wieder "gepupst", wie die Einheimischen sagen. "Ungefährlich, nur rot glühende Lavaströme, Schwefelgeruch und Rauch aus dem Vulkangipfel", beruhigt Daniel. Als "Vulkanwächter" muss er es wissen, denken wir. So werden die Rothaarigen hier genannt.

Wie ein Kleeblatt umschließen die drei Talkessel Cilaos, Mafate und Salazie den Piton des Neiges. Der 3069 Meter hohe "Schneegipfel", dessen Eruption die Insel ihre Existenz verdankt, ist der älteste und höchste Berg. Aber dieser Vulkan schweigt. Mit dem Cirque de Salazie überfliegen wir das größte und grünste Gebirgsbecken. Bei Hell-Bourg filigrane weiße Fäden zwischen den tropischen Höhenwäldern - die "Brautschleier-Wasserfälle". Die Schluchten, Plateaus und Steilwände sehen aus der Vogelperspektive noch gigantischer aus.

Den Kurort Cilaos im gleichnamigen Tal haben wir schon kennen gelernt. Er ist berühmt für seine warmen Heilbäder. Beeindruckend auch die Holzfassaden der kreolischen Häuser, die sich knallig bunt vom Himmel abzeichnen. "Wir haben keine Probleme mit Farben", hatte Zohra gesagt, unsere Führerin mit arabischen und indischen Vorfahren. Es gibt kaum ein anderes Land, wo die Kulturen so friedlich miteinander leben wie auf der Insel. Als die Quellen entdeckt wurden, ließen sich die Reichen von Trägern hinaufbringen. Auch das wissen wir von Zohra. Die einzige Bergstraße hat angeblich 400 Kurven. Allein bei der Erinnerung wird mir ganz übel.

Zum Abschluss ein Dodo

Oder war das ein Luftloch? Uns stockt der Atem. Welch Anblick. Vor uns öffnet sich der geheimnisvolle Talkessel Mafate. "Keine Straße führt hinein. Nur Wanderwege", sagt Daniel. Wir sind sie schon gewandert durch die Wolken bis in die Abgeschiedenheit von La Nouvelle. Am Col des Boeufs (1940 Meter) war Endstation für unser Auto. Auch der Briefträger ist zu Fuß unterwegs. "Ein Helikopter versorgt uns heute mit dem Nötigsten", hatte Joslin erzählt, einer der Mafatais, auf die wir trafen. "Nicht mal einen Ochsen hatten wir früher als Tragehilfe", erinnert sich der 72-jährige Förster. Er hätte nie gedacht, einmal Strom zu haben. Dankbar zeigte er die Vorrichtung für Solarenergie auf dem Dach und in der Küche die Propangasflasche zum Kochen.

Cilaos und Mafate sind die Namen entflohener schwarzer Sklaven. Aber auch Sklavenjäger sind in der Topografie verewigt, erfahren wir von Daniel über die Kopfhörer, während die Stecknadelköpfe langsam näher kommen und zu Surfern und Seglern werden. Nach 45 Minuten haben wir wieder festen Boden unter den Füßen. Die Insel, etwa so groß wie Luxemburg, ist umrundet. Wir freuen uns auf ein kühles "Dodo". Auch das berühmte Inselbier ist eine Reminiszenz an die Geschichte. Denn der einheimische Laufvogel Dodo wurde vor gut 300 Jahren ausgerottet.

Von Cornelia Höhling, ddp



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