Grand-Prix-Strecke in Abu Dhabi Formel Fahrrad

Am Wochenende ziehen wieder Vettel und Alonso ihre Runden in Abu Dhabi, doch für den Rest des Jahres gehört die Formel-1-Strecke Joggern und Radfahrern. Die Emirati haben ihre Liebe zum Fahrrad entdeckt.

Anja Menzel

Von Helge Sobik


Harold gibt Stoff, zischt unter Flutlicht durch neun Rechts- und elf Linkskurven, vorbei an Boxengasse, Tribünen und Zieleinfahrt. Und immer wieder unter großen Anzeigetafeln hindurch, die die ganze Fahrbahn überspannen und auf denen "Yas Marina Circuit" oder "Abu Dhabi Grand Prix" steht. Das lauteste Geräusch ist das Surren der Räder - ab und an kommt das Klicken der Gangschaltung hinzu.

Harold ist mit einem 24-Gang-Fahrrad auf dem Formel-1-Kurs der Emirate-Hauptstadt unterwegs. Einmal im Jahr fahren hier Vettel, Alonso und Co. den Grand Prix. Am Wochenende ist es wieder soweit. Dann brüllen die Motoren durch das weite Rund.

Davor und danach aber gehört der Asphalt Menschen wie Harold: Emirati, Gastarbeiter und Urlauber drehen ihre Runden auf dem Rad. Jeden Dienstag- und jeden Sonntagabend ab 18 Uhr ist die 5,55 Kilometer lange Strecke für Jogger und Fahrradfahrer offen. Für Letztere gibt es nur zwei Regeln: Sandalen sind nicht erlaubt. Und es gilt Helmpflicht. Alles andere ist Geschmackssache.

Platz ist für alle: Für diejenigen, die in Tour-de-France-Tempo unterwegs sind. Und für all die anderen, meistens die Mehrheit, die ihr Rad auch mal an den Rand ins Gras legen und picknicken. Damit man sich nicht in die Quere kommt, gilt noch dies: Jogger dürfen nur am rechten Rand und gegen die Fahrtrichtung unterwegs sein.

Mit Kinderanhänger auf die Piste

"Als wir vor fünf Jahren die Grand-Prix-Strecke für Fahrradfahrer geöffnet haben, kamen anfangs 50 Leute", sagt Lynn Ismail vom Veranstalter Train Yas- "Heute sind es über 4000." Neuerdings ist die Bahn zusätzlich mittwochabends ausschließlich für Frauen offen.

Diesen Abend sind ein paar verschleierte Frauen nur zum Zugucken gekommen - zusätzlich zu denen, die wie Ismail Sportdress tragen und mitfahren. Sie hocken auf mitgebrachten Klappstühlen nicht weit vom Start. Drei Männer in schneeweißen Dishdashas spazieren ein Stück weiter im Gras und plaudern angeregt. Sie kommen, weil das Volksfest drumherum Spaß macht. Weil DJ Steve aus England Lounge-Musik auflegt. Und weil Fahrradfahren in einem Land fast ohne Radwege plötzlich zum Event geworden ist.

Ein Mann mit orangenem Turban tippt auf seinem Tablet. Eine Frau in sehr kurzen Hosen unterhält sich bestens mit ihrem Handy. Sie sind alle da. Die ganz Jungen sogar mit ihren Kinderrädern, Teens, Twens, Ergraute in grellen Sportklamotten, dazwischen ganze Familien, diesmal auch ein Paar mit hellgrünem Kinderanhänger am Fahrrad. Der Nachwuchs in Prinzessinnenrosa schläft gerade. Wirklich angespannt ist hier niemand, um Ehrgeiz geht es nicht.

In Pagodenzelten im Eingangsbereich informieren Fahrradhersteller, verkauft jemand frisch gepresste Obstsäfte, wirbt ein anderer für die emiratische Gesellschaft zur Förderung der Krebsvorsorge. Ein paar Meter weiter gibt es kostenlos Leihhelme - und schräg gegenüber gratis 50 Leihfahrräder eines Sponsors, dazu zwei Anbieter, die ihre Drahtesel gegen 30 bis 80 Dirham Miete, umgerechnet zwischen 8 und 20 Euro, verleihen.

Es ist ein munterer, friedlicher Multikulti-Rummel, ein vielstimmiges Sprachengewirr: kein Krach, eher eine seltsam disziplinierte Stille. Jeder scheint sich auf sich zu konzentrieren, auf sein Rad, den korrekten Sitz des Helmes - und darauf, sich alsbald in den Strom auf der Rennstrecke einzufädeln. Allabendlich kommt leichter Wind auf. Ein kleiner Junge ruft auf Deutsch: "Ich war eben 45 Sachen schnell, Papa. Und ich bin erst acht!" Am Rückenwind lag es nicht, eher am Gefälle. Pustet es, wie das bei Rundkursen unvermeidlich ist, dann doch mal von vorne, ist es bei um die 30 Grad Celsius erfrischend.

Die neue Lust am Radfahren

Harold von den Philippinen ist Fahrradhändler, sein Arbeitsplatz ist in der Yas Shopping Mall gleich neben dem Grand-Prix-Kurs. Er verkauft ultra-leichte Rennräder aus Deutschland, schwere Alltagsdrahtesel aus China, Mountainbikes aus den USA: von günstig bis enorm teuer, von umgerechnet 200 Euro bis weit über 2500 Euro. Das Geschäft boomt - das war nicht immer so.

"Seit der Formel-1-Kurs für Radler offen ist, ist die Nachfrage gewaltig angestiegen. Wir haben eine Werkstatt eröffnet und bieten eine Fahrradreinigung für 300 Dirham an", erzählt Harold. Bis dahin hat er vor allem sogenannte Dirt Bikes mit dicken Ballonreifen verkauft, für Fahrten durch wüstenhaftes Gelände, inzwischen sind es mehrheitlich Straßenräder. Ob er selber eins hat? "Klar", sagt er, "eines hier, eines auf den Philippinen." Ob er damit zur Arbeit radelt? "Leider nein. Zu weit, zu heiß."

Aber abends radelt er. An der Corniche direkt am Golf - oder mit all den anderen dienstags und sonntags auf der Rennstrecke. "Früher waren es fast nur Ausländer, die Expats, vor allem aus Europa, die hier Räder gekauft haben", erzählt er. "Seit ein, zwei Jahren sind es auch die Einheimischen. Ab Oktober bekommen die Leute Lust aufs Fahrradkaufen. Und noch viel mehr aufs Fahrradfahren." Sie sind auf den Geschmack gekommen.

War der ursprüngliche Gedanke bloß, den meist wettkampffreien Rennkurs auszulasten und für die Bevölkerung erlebbar zu machen, ist daraus inzwischen mehr geworden. Die neue Lust am Radfahren scheint über alle Grenzen hinweg zu verbinden.

In Fahrradkluft und mit Helm ist plötzlich nicht mehr zu erkennen, wer Einheimischer, wer Urlauber, wer Gastarbeiter ist. Nur Hautfarbe und Gesichtszüge liefern allenfalls noch Anhaltspunkte. Alles andere gleicht die Lust aufs Fahrradfahren aus - in einem Land, das gemeinhin eher nicht als Radlerreiseziel gesehen wird. In einer Gegend, auf die die Sonne zwei Drittel des Jahres gnadenlos herabbrennt. Und in einer Stadt, die über mehr zehnspurige Autobahnen als über Radwege verfügt.

Helge Sobik ist freier Autor von SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt von der Tourism & Culture Authority Abu Dhabi.



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
pb-sonntag 27.11.2015
1.
Am Wochenende ziehen Vettel und Alonso ihre Runden, denn die Sieger stehen schon fest. Oder, was will uns die unsinnige Überschrift vermitteln? Letztlich bleibt dem Vettel doch nur noch Fleißpünktchen zu sammeln. Mehr ist mehr drin.
pauschaltourist 27.11.2015
2.
Gilt in diesem Land eigentlich das Sharia-Recht? Wird dort ebenso wie in Saudi-Arabien und im IS geköpft, gepeitscht und amputiert?
DrStrom66 27.11.2015
3. so ein Quatsch
10 spurige Autobahn ! Man ist das ein Blödsinn, das sind bessere Hauptverkehrsstraßen aber keine Autobahn. Vermitteln Sie doch dem deutschen Leser den Vergleich mit Deutschland und nicht Standards der der dritten Welt.
flashbyte 27.11.2015
4.
Zitat von pb-sonntagAm Wochenende ziehen Vettel und Alonso ihre Runden, denn die Sieger stehen schon fest. Oder, was will uns die unsinnige Überschrift vermitteln? Letztlich bleibt dem Vettel doch nur noch Fleißpünktchen zu sammeln. Mehr ist mehr drin.
schon mal dran gedacht, dass es in dem Artikel vlt. gar nicht um die Formel 1 geht? Der Zirkus ist doch eh langweilig ohne Ende! Ich war im Oktober in Abu Dhabi und an einem Dienstag auf der Strecke joggen. Den Tipp hatte ich aus einem Reiseforum und ich kann die Begeisterung des Autors durchaus teilen. Die Parkplätze waren voll, Massen an Leuten - Jogger, Radfahrer (teilweise sogar Kinder mit Stützrädern) oder auch nur Leute die mit dem Kinderwagen um die Strecke gelaufen sind, professionell auch der "Checkin" an der Strecke, alles friedlich und zudem noch kostenlos (bis hin zum gekühlten Wasser was gefühlt an jeder ecke der strecke verteilt wurde). Ein wirklich tolles Event was die da auf die Beine stellen und absolut empfehlenswert!
berndasbrot 27.11.2015
5. So etwas würde bei uns leider nicht funktionieren....
....weil dann die langsameren Fahrer wieder belehrend und missgünstig den schnelleren Fahrern den Spaß verderben würden, indem sie zu viert nebeneinander alles blockieren würden. Weiterhin würden Kinderwägen über die Strecke geschoben und Hunde würden frei über die Strecke laufen. Rentner würden in Gruppen zusammen stehen, sich den Fahrern in den Weg stellen und dämliche Kommentare abgeben. Sehr schade! Würde mein Rennrad auch gerne mal so auf gepflegtem Untergrund und ohne Gefahr für Leib und Leben artgerecht bewegen können.
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