SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

04. Mai 2014, 10:46 Uhr

Fotoreise im Tschad

So wüst, so schön

Von Michael Martin

GPS? Schnickschnack! Unsere Führer orientieren sich an den Bergketten am Horizont. Im Nordosten des Tschad zeigt die Sahara ihre Extreme: unendlicher Sand - aber auch riesige Seen.

Lang gezogene Dünen, ein stahlblauer, wolkenloser Himmel und eine scheinbar unendliche Sicht - so liebe ich die Sahara. Hochkonzentriert steuert unser Guide Suleyman den betagten Landcruiser durch das Meer aus Sand, in kurzem Abstand folgt Omars Geländewagen.

Meine Reisegefährten Jörg und Elly genießen wie ich die Achterbahnfahrt, obwohl uns zwischendurch immer wieder der Atem stockt: Manchmal kann Suleyman uns nur durch eine Vollbremsung oder mit einer abrupten Lenkbewegung vor dem Absturz in ein Dünental bewahren. Nicht umsonst gelten Dünenüberquerungen als die hohe Schule des Off-Road-Fahrens.

Nach dem Start unserer Tour in der tschadischen Hauptstadt N'Djamena und unserem Ausflug ins Ennedi-Gebirge sind wir nun in der Mourdi-Depression im Nordosten des Tschad angekommen, einer mit feinem Sand gefüllten Senke. Hier wird die Sahara ihrem Ruf als größte und extremste Wüste der Erde besonders eindrucksvoll gerecht.

Mittags erreichen wir ein Wadi. Tamarisken und Akazien zeigen den Verlauf der unterirdischen Grundwasserströme. Wir rasten, breiten unsere Bastmatten aus und stärken uns mit Datteln, trockenem Brot und grünem Tee. Danach ändern wir die Fahrtrichtung. Es geht nun nicht mehr nach Norden, sondern Richtung Westen. Pisten oder Spuren gibt es in diesem entlegenen Teil der Sahara nicht. Die Guides orientieren sich an den Bergen am Horizont. Unser GPS-Gerät hält Suleyman ganz offensichtlich für überflüssigen Schnickschnack.

Nachtlager auf dem Dünenrücken

In den Abendstunden steuern wir die besonders schönen Sandanhäufungen von Derbilie an. Auf einem breiten Dünenrücken kommen die beiden Landcruiser zum Stehen: unser Lagerplatz für die Nacht. Koch Pascal kümmert sich ums Feuer und die Zubereitung des Abendessens.

Jörg, Elly und ich ziehen mit unseren Foto- und Filmkameras los und nutzen das flache, warme Licht, das die Sandstrukturen besonders gut zur Geltung bringt. Deutlich ist der Verlauf der kilometerlangen Dünenketten zu erkennen: Der Nordostpassat, der seit Jahrmillionen über die Sahara streicht, hat sie exakt von Nordost nach Südwest ausgerichtet.

Am nächsten Tag erreichen wir Demi, eine winzige Oase mit nur ein paar Dutzend Einwohnern. Die örtliche Schule ist geschlossen, die nächste Krankenstation Tagereisen entfernt, der Brunnen fördert salziges Wasser, Strom und öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht. Von den Milliardeneinnahmen des Tschad aus seinen vor wenigen Jahren erst erschlossenen Ölquellen ist hier nichts angekommen.

Wieder einmal wiederholte sich auch in diesem Land das Drama Afrikas: Die Reichtümer des Kontinents kommen vor allem den oft korrupten Eliten zugute. Die Bewohner von Demi hingegen leben vom Dattelanbau und der Salzgewinnung am 40 Kilometer entfernten See von Teguedei.

Mit seinem blauen Wasser und den im Wind wogenden Palmwipfeln wirkt er wie eine Fata Morgana. Er ist einer von insgesamt 18 Seen, die in zwei 40 Kilometer voneinander entfernten Gruppen das größte Seengebiet der Sahara bilden. Die Gewässer sind Überreste eines riesigen Binnenmeeres, das vor 30.000 Jahren das gesamte geologisch markante Tschadbecken ausfüllte.

Grundwasser aus der Jungsteinzeit

Teli-See nennen die Tubu-Nomaden den größten See der östlichen Gruppe. Von einer Anhöhe aus haben wir einen phantastischen Blick auf das Wasser und die angrenzenden Dattelhaine. Ein Wunder, dass dieser See nicht längst in der Hitze der Sahara ausgetrocknet ist. Die potentielle Verdunstung in diesem Teil der Zentralsahara liegt bei 6000 Millimetern im Jahr. Ohne nachfließendes Wasser aus dem Nubischen Aquifer, einem Grundwasserspeicher, der bis heute mit Regenwasser der Jungsteinzeit gefüllt ist, wäre der zwölf Meter tiefe See binnen zwei Jahren verschwunden.

Der Yoa-See ist noch größer und tiefer und der Hauptsee der westlichen Seengruppe. Hier liegt auch der Hauptort der Region, Ounianga Kebir. Seit meinem ersten Besuch vor zehn Jahren hat sich auf den ersten Blick nichts geändert. Ein paar Baracken und ein Ziehbrunnen stehen am Marktplatz, das Sortiment in den kleinen Läden besteht aus chinesischen Billigwaren und Fässern mit geschmuggeltem libyschen Benzin. Einzig ein Mobilfunkmast erzählt vom technischen Wandel in Afrika. Inzwischen gibt es auf dem Kontinent mehr Sim-Karten als in ganz Nordamerika.

Abends erklimmen Jörg, Elly und ich den höchsten Felsen der Umgebung. Und werden für die anstrengende Kletterei reichlich belohnt: Im Licht der untergehenden Sonne leuchten die Felswände über dem Yoa-See rot auf, darunter tiefblaues Wasser. Weit unter uns erkennen wir auch unser Nachtlager. Vom Camp-Feuer steigt eine Rauchsäule auf. Dahinter breitet sich nichts als Wüste aus. So schön kann das Ende der Welt sein.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung