Fotostrecke

Afrikas Inseln: Kapverden, Sansibar und Co.

Foto: Matthias Ziegler

Fotografen in Afrika Der Weg ist das Bild

Wie nah ist nah genug? Und was ist zu nah? Diese Fragen stellten sich fünf Fotografen, als sie Menschen an afrikanischen Sehnsuchtsorten porträtierten. Eine TV-Dokureihe zeigt nun, wie ihnen auf Inseln wie Sansibar, Madagaskar und Mauritius zauberhafte Bilder gelangen.

Der Schweiß rinnt den jungen Männern über ihre Gesichter, ihr Jauchzen und Singen erfüllt die kleine Koranschule in Stone Town auf Sansibar. Sie wiegen ihre Körper in wellenartigen, synchronen Bewegungen nach vorne, sinken immer mehr zu Boden, während sie Allah preisen. Sie lassen ihre Hände über den Teppich streichen, bis das Hochgefühl ihnen die Sinne nimmt, bis ihnen die Lider schwer werden, bis sie in Trance fallen.

In blütenweiße Gewänder gehüllt sind die "Botschafter des Friedens und der Freude", wie sich das Sufi-Ensemble Maulidi ya Homu selbst nennt. Weiße Gewänder, die auf den Fotos von Matthias Ziegler nur noch verwischte Konturen hinterlassen, als würde man sie aus der Perspektive einer der Sufi-Sänger sehen, dessen Augen während der Performance zufallen.

Matthias Ziegler ist einer von fünf Fotografen, die im vergangenen Jahr auf den fünf afrikanischen Inseln Sansibar, Mauritius, Madagaskar, Sao Tomé und Principe und auf den Kapverden unterwegs waren, um "die Seelen dieser Orte einzufangen", wie Thomas Wartmann sagt. Zusammen mit den Regisseuren Christian Schidlowski und Verena Schönauer hat Produzent Wartmann das Fotoprojekt für die Fernsehsender Südwestrundfunk und Arte dokumentiert - in der kommenden Woche werden die fünf Folgen ausgestrahlt.

"Widersprüche, die auch zum Paradies gehören"

Der Weg zum Bild ist das Thema der Dokureihe "Über den Inseln Afrikas". Seine Hauptdarsteller sind zum einen die Inselbewohner, zum anderen die Fotografen. Wie nähern sie sich den Menschen an? Wie schaffen sie Vertrauen? Die Filmkamera hat sie ein Dreivierteljahr bei ihrer Arbeit begleitet und Begegnungen in Dörfern, am Straßenrand und in den Häusern von Einheimischen mitgeschnitten - für alle Beteiligten eine Herausforderung: "Ein Kamerateam mit Massen an technischem Equipment und ein Fotograf, der die Wirklichkeit in einer ungestörten Szenerie einfangen will, sind natürliche Feinde", so Wartmann.

Produkt dieses künstlerischen Revierkampfs sind fünf 43-minütige Filme, die nicht nur das zeigen, was Touristen aus dem Westen von den afrikanischen Sehnsuchtszielen erwarten. Zwischen die Bilder von türkisblauen Lagunen, grünen Wäldern und endlosen Traumstränden mischen sich Einblicke in den Alltag der Menschen, die dort leben.

In der Folge über Sansibar sieht man zum Beispiel vermodernde Plattenbauten aus der Zeit, als sich die Insel mit der DDR solidarisiert hatte und vom Brudervolk Wohnungsbauprojekte finanziert bekam. Zwischen den Betonklötzen stehen Palmen, Frauen hängen an Leinen ihre Wäsche auf. "Widersprüche, die auch zum Paradies gehören", findet Produzent Wartmann.

Furcht vor den Muzungus

"Wir wollten nicht nur die spektakulären Landschaften Afrikas zeigen", so Wartmann, "uns ging es um die verborgene Kultur und die Menschen." Und die seien so unterschiedlich wie die Inseln selbst: Während Mauritius eine sehr reiche Insel mit quirligen Städten, einer mehrspurigen Autobahn und multikulturellem Leben sei, befinde sich Sao Tomé noch im Dornröschen-Schlaf. Auf den Kapverden sorge die Sodade - der berühmte Weltschmerz - für eine melancholische, sehnsüchtige Stimmung unter den Leuten. Und auf Sansibars Nordinsel Pemba beherrsche der Islam sowie eine nichtfunktionierende Regierung den Alltag der Bevölkerung.

"Fotografen haben es hier schwer, mit ihren Kameras an die Einheimischen heranzukommen", sagt Wartmann - auch weil jegliche Form von darstellender Kunst aus religiösen Gründen unerwünscht sei. "Die Menschen fühlen sich bedroht. Sie haben das Gefühl, man nehme ihnen etwas weg, wenn man ein Bild von ihnen macht." In entlegenen Ecken Tansanias sei es nicht selten vorgekommen, dass sich die Leute erschreckten und wegliefen, als sie das Foto- und Filmteam aus Deutschland erblickten - sie hatten noch nie einen "Muzungu", einen Weißen, gesehen.

Ist es legitim, in diese Lebensräume einzudringen und dort Spuren zu hinterlassen? Solche Gedanken spuken auch Filmemachern und Fotografen bei ihrer Arbeit im Kopf herum - und werden in der Dokumentation thematisiert. "Was mache ich eigentlich hier?", reflektiert Stéphane Ducandas, der auf den Kapverden als Fotoreporter unterwegs war. "Ich komme her, mache ein Foto und gehe wieder." Bei seiner Arbeit sei dem Neukaledonier der Austausch mit den Menschen das Wichtigste - und das Foto fast zweitrangig. Auch Produzent Wartmann bestätigt: "Nur durch ganz viel Nähe kann man es sich gestatten, den Menschen so nahe zu treten."

Wie zum Beispiel auf Mauritius, wo der Regisseur eine 84-jährige Fischerin traf, die seit Jahrzehnten täglich raus aufs Meer fährt - "eine stolze alte Frau", die ihm ihre Lebensgeschichte erzählt habe: dass sie im Alter von 16 Jahren verheiratet wurde. Wie sehr sie ihren inzwischen verstorbenen Mann geliebt hat. Dass sie auch unbedingt das Fischen lernen wollte, um jeden Tag mit ihm zusammen zu sein.

Die Geschichte der Fischerin ist eine von vielen, die die Dokumentation erzählt. Nun wird sie aus den Köpfen der Fotografen auf den Fernseher wandern - und dort vielleicht genauso nachhallen wie der Trance-Gesang der Sufi-Sänger.

"Über den Inseln Afrikas"  , vom 11. bis 15. Juli 2011 auf Arte, täglich 19.30 Uhr

11. Juli: Sansibar
12. Juli: Mauritius
13. Juli: Madagaskar
14. Juli: Sao Tomé und Principe
15. Juli: Kapverden

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.