Fotoreise durch die Arktis Walblut an der Eiskante

Auf seiner Reise nach Baffin Island lernt Michael Martin nicht nur, dass Eisberge 30 Breitengrade weit treiben können. Der Fotograf erlebt auch, wie schnell man von einem Motorschlitten fliegt - und wie sich totale Einsamkeit anfühlt.


Der Eisbär ist sich seiner Beute sicher. Warum sonst würde er uns bis auf hundert Meter herankommen lassen? Wir hören ihn schmatzen, als er sich ein großes Stück Fleisch aus dem massigen Körper des toten Narwals reißt. Der Schnee unter ihm ist längst mit Blut getränkt, die Luft klirrend kalt. Meistens müssen sich die Bären hier mit Robben begnügen - sie sind auf dem Packeis eine leichte Beute. Heute gibt es ein Festfressen.

Keine zweihundert Meter weiter stehen unsere Zelte auf dem gefrorenen Meer zwischen den beiden Inseln Baffin Island und Bylot Island. Wir sind am 72. Breitengrad im arktischen Nordosten Kanadas, in der Provinz Nunavut, die von Inuit verwaltete wird und erst 1999 von den Northwest Territories abgespalten wurde. Mit zwei Millionen Quadratkilometern nimmt sie ein Fünftel der Fläche Kanadas ein. Wer als Europäer oder als weißer Kanadier in diese nur von wenigen Inuit bewohnte Gegend kommt, will Tiere beobachten oder, wie ich, die Arktis erleben.

Neben den Polarbären sind vor allem die Narwale ein Grund, die weite und beschwerliche Reise zu unternehmen. Der beste Ort, um Meeres- und Landtiere zu beobachten, ist die Eiskante. Sie ist die Grenze zwischen bereits offenem Meer und dem noch gefrorenen Küstenland. In Gruppen von fünf bis zehn Tieren schwimmen die Narwale vorbei, tauchen auf und wieder ab, als ob sie einem festen Rhythmus folgten. Unzählige Spuren von Eisbären zeigen uns, dass sich auch das größte Landraubtier der Erde hier am wohlsten fühlt.

Man muss Geduld haben und gut ausgerüstet sein, um die Tiere beobachten zu können. Wie die Filmemacher habe ich meine längsten Teleobjektive vor die Kamera geschraubt, der Komponist Derek spürt mit hochempfindlichen Unterwassermikrofonen den Walgesängen nach. Die wichtigsten Ausrüstungsgegenstände sind aber sicher die Gewehre der uns begleitenden Inuit. Ohne die Waffen wäre die Tour wegen der Eisbären lebensgefährlich.

Die nasskalte Witterung und der immer wieder einsetzende Wind machen den Schlafsack zum einzig angenehmen Platz, wenn sich auch der kanadische Koch Pierre viel Mühe gibt, uns mit gutem Essen bei Laune zu halten. Für mich als Fotograf ist der wolkenverhangene Himmel einfach deprimierend. Genau wie in Trockenwüsten beginnen die Farben nur bei klarem Licht zu leuchten.

Zauber der Arktis

Als in der vierten Nacht im Eis plötzlich Sonnenstrahlen das Zelt erhellen, bin ich sofort wach. Ich strecke um ein Uhr morgens den Kopf aus dem Zelt und werde von der Mitternachtssonne geblendet, die von einem glasklaren Himmel leuchtet. Ich laufe zur Eiskante, um das nun in der Sonne schimmernde Packeis zu fotografieren. Jetzt ist er plötzlich da, der besondere Zauber der Arktis.

Um sechs Uhr bereitet Pierre Spiegeleier mit Speck, dazu heißen Kaffee. Dave, Patrick, Derek und ich wollen gleich nach dem Frühstück eine Tagestour mit einem Motorschlitten unternehmen. Die Wolken lassen nur ein Zeitfenster von vier Stunden, in denen mir eine Reihe guter Bilder gelingen, unter anderem von den Eisbergen, die vor Bylot Island eingefroren sind.

Es handelt sich hierbei keineswegs um gefrorenes Meerwasser. Die Eisberge zwischen Grönland und Baffin Island sind fast ausnahmslos Bruchstücke des grönländischen Inlandeises. Sie brechen dort als gewaltige Eisblöcke von den ins Meer reichenden Gletschern ab und treiben zunächst in einem Nordbogen durch die Baffin Bay, bevor sie sich auf die lange Reise nach Süden begeben. Bis vor die Küsten Neufundlands können sie treiben. Die Titanic rammte im Jahre 1912 am 42. Breitengrad einen Eisberg - dieser liegt näher am Äquator als am Nordpol.

Panik im Packeis

An der Südflanke von Bylot Island steuern wir einen Felsen an, auf dem Tausende Seevögel brüten. Beeindruckend, dass sie in dieser lebensfeindlichen Umgebung nicht nur überleben, sondern auch ihre Jungen aufziehen. Wie schlecht sind dagegen wir Menschen an die extremen Bedingungen der Arktis angepasst! Ohne Kleidung und Gewehr würden wir nicht lange überleben.

Auf der langen Rückfahrt zum Zeltlager wird mir das plötzlich bewusst: Auf einer Bodenwelle falle ich vom Heck des Schlittens in den Schnee, ohne dass Dave, Patrick oder Derek das bemerken. Innerhalb kürzester Zeit ist das Fahrzeug außer Rufweite und verschwindet als kleiner Punkt am Horizont. Ich bin ganz alleine auf dem gefrorenen Arktischen Ozean. Sofort muss ich an die Polarbären denken, deren Spuren überall zu sehen sind.

Ich versuche, die aufsteigende Panik zu bekämpfen und ruhig zu bleiben. "Irgendwann werden sie mein Fehlen bemerken", rede ich mir ein. Eine halbe Stunde vergeht: Kein Eisbär, aber auch kein Dave. Ich beginne in Richtung des Zeltlagers zu laufen, wenn dieses auch weit außerhalb meiner Reichweite liegt.

Plötzlich taucht ein Punkt am Horizont auf, der schnell größer wird. Dave kehrt zurück. "Shall I give you a lift? " fragt er mich mit einem breiten Grinsen.



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bikenstrings 25.06.2011
1. Südseeflair an der Waterkant
Zitat von sysopAuf seiner Reise*nach Baffin Island lernt Michael Martin nicht nur,*dass Eisberge 30 Breitengrade weit treiben können. Der Fotograf erlebt auch, wie schnell man von einem*Motorschlitten fliegt - und wie sich totale Einsamkeit anfühlt. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,769827,00.html
Walblut an der Eiskante... oder Südseeflair an der Waterkant: http://www.youtube.com/watch?v=efaM-yrM3ys&feature=related Mal ehrlich-es gibt doch schon genug Bilder und Filme von Eisbären. Mal einfach in Ruhe lassen; die Bären, die Arktis, die Inuit. Damit (letzteres) mein ich zu allerletzt den Autor Michael Martin, sondern viel mehr die gierige Meute, die in Zukunft die Bodenschätze-oder besser Eisschätze abernten wollen.
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