Französisch-Polynesien Wo die steinernen Tiki grüßen

Hiva Oa, Ua Huka oder Fatu Hiva - die Namen der Marquesas klingen nach Traumstrand und Hula-Tänzerinnen. Doch die Küsten der Vulkaninseln mitten im Pazifik sind schroff und felsig, der Urwald unzugänglich und voller versteckter Geheimnisse.


Auf den Marquesas gibt es nur wenig Strände: Im Nordosten der Insel Nuku Hiva
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Auf den Marquesas gibt es nur wenig Strände: Im Nordosten der Insel Nuku Hiva

Atuona/Taiohae - Lucien Pautehea sieht ein bisschen aus wie Steven Seagal, und er benimmt sich auch wie der Actionfilmstar. Schweigend stapft er voran durch den Dschungel und haut mit seiner alten Machete Äste und Ranken entzwei, die im Weg sind. In dem Dickicht im Südosten der Pazifikinsel Hiva Oa fällt die Orientierung nicht leicht. Doch Lucien weiß, wo es langgeht: Von der grünen Wildnis überwucherte Kultstätten der polynesischen Ureinwohner sind das Ziel. Pfade durch den Urwald gibt es keine

Die Marquesas, zu denen Hiva Oa gehört, sind zwar ein Traumziel, aber sie machen es ihren Besuchern nicht einfach. Schon die Inselgruppe auf der Pazifikkarte zu finden, ist keine schnell zu lösende Aufgabe: Wie verloren wirkt die Ansammlung winziger grüner Punkte, die den nördlichen Teil Französisch-Polynesiens darstellen soll, inmitten der riesigen blauen Fläche Ozean.

Souvenirherstellung: Die Marquesaner sind am ganzen Körper tätowiert
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Souvenirherstellung: Die Marquesaner sind am ganzen Körper tätowiert

Die Marquesas sind schroffe Vulkaninseln, bis zu ihren höchsten Gipfeln in gut 1200 Metern Höhe mit üppiger Vegetation bewachsen, aber für einen Badeurlaub nicht geeignet. Anders als in Bora-Bora und Tahiti schützen hier keine Riffe und Lagunen die Küsten vor der Pazifik-Brandung. So kommt es, dass der Tourismus auf den Marquesas erst spät angekommen ist. In Teilen der Inseln ist er es bis heute nicht - viele Orte bleiben geheimnisvoll und unzugänglich.

Die sechs bewohnten Eilande gehören zu jenen Orten auf dem Globus, die am entferntesten von allen Kontinenten sind. Als der französische Maler Paul Gauguin nach Hiva Oa kam, um seine letzten Lebensjahre dort zu verbringen, wurde in einigen entlegenen Tälern sogar noch dem Kannibalismus gefrönt - vor gerade einmal hundert Jahren. In Atuona starb Paul Gauguin dann am 8. Mai 1903. Eine Visite seines Grabes auf dem Calvaire-Friedhof gehört heute für jeden Besucher Hiva Oas zum Pflichtprogramm. Keine zehn Meter entfernt ist der 1978 verstorbene belgische Chansonnier Jacques Brel bestattet worden, der einen Teil seiner letzten Lebensjahre ebenfalls in Atuona wohnte.

Begrüßung mit Blumen: Das Leben auf den Inseln hat sich in den letzten 30 Jahren rasant verändert
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Begrüßung mit Blumen: Das Leben auf den Inseln hat sich in den letzten 30 Jahren rasant verändert

In dem großen Dorf sind die Straßen noch asphaltiert. Wer dem 1276 Meter hohen, meist von Wolken umhüllten Temetiu-Gipfel im Westen Atuonas den Rücken kehrt, findet sich dagegen rasch auf Staubpisten wieder. Ein Allradfahrzeug ist ein Muss, mehr als 20 Kilometer pro Stunde sind nicht zu schaffen. Immer wieder schweift der Blick in die Ferne: mal hinaus auf den Pazifik, wo Fischer einst jedes Jahr eine Jungfrau die Klippen hinabstürzten, weil sie sich von dem Menschenopfer einen guten Fang versprachen; mal hinein in den tropischen Urwald, dessen Schätze sich zum Teil nur erahnen lassen.

Nur wenige Kultstätten sind so gut erreichbar und restauriert wie die "Iipona"-Stätte im Osten Hiva Oas, wo zwei Meter große "Tiki" - steinerne Menschendarstellungen - die Besucher begrüßen. Andere ehemalige Wohnorte und Versammlungsplätze der Polynesier dagegen sind auch zu Fuß kaum erreichbar - obwohl Lucien Pautehea sich wirklich alle Mühe gibt, den Weg frei zu schlagen. Je näher der Mittag heranrückt, desto drückender wird die Luft.

Marquesas: Die Inselgruppe bildet den nördlichsten Teil von Französisch-Polynesien
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Marquesas: Die Inselgruppe bildet den nördlichsten Teil von Französisch-Polynesien

Trotz aller Abgeschiedenheit hat sich das Leben auf den Marquesas in den vergangenen 30 Jahren so rasant verändert wie selten zuvor in so kurzer Zeit. Ein gutes Beispiel dafür ist die größte Insel Nuku Hiva. Als Rose Corser 1972 zum ersten Mal aus Kalifornien dorthin kam, "gab es auf der Insel keine Elektrizität, und jedes Tal hatte noch seinen Häuptling", erinnert sich die Hotelbesitzerin. Noch 1979 wurden die ersten Touristen auf Nuku Hiva per Boot von Ort zu Ort gefahren, weil es keine Straßen gab. Inzwischen wurde aber selbst die zweistündige Geländewagen-Tour zwischen dem Hauptort Taiohae und dem Flughafen entschärft: Bis zum Toovii-Plateau im Inselinneren führt eine Ende 2002 fertig gestellte breite Asphaltstraße.

Auch auf Nuku Hiva gibt es neben der spektakulären Urwald-Welt mit versteckten Wasserfällen einige Kultstätten aus voreuropäischer Zeit zu entdecken. Allein in Hikokua nahe des Ortes Hatiheu etwa lebten einst rund 3500 Menschen, weiß der Touristenführer Richard Dean - das sind mehr als Nuku Hiva inzwischen Einwohner hat. Wilde Hühner laufen aufgeschreckt über die große freie Fläche des Versammlungsplatzes, den die Archäologen freigelegt haben und der gelegentlich für Zeremonien und Touristen-Shows genutzt wird.

Gauguin-Zentrum in Atuona: Künstler Claude-Charles Farina kopiert die Werke des Malers
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Gauguin-Zentrum in Atuona: Künstler Claude-Charles Farina kopiert die Werke des Malers

Nach 3,5 Stunden und rund zehn Kilometern Wildnis-Wandern ist auf Hiva Oa auch Lucien Pautehea endlich am Ziel: Eine kleine Ansammlung von Steinplatten im Erdreich zeigt an, dass auch hier früher einmal Polynesier gewohnt haben. Lucien muss lange suchen und dann etwa 20 Zentimeter hohes verrottetes Laub zur Seite schaufeln, um die Reste eines kleinen "Tiki" an einer Mauer freizulegen - nicht gut erhalten, aber ein Zeuge aus einer anderen Zeit. Ob Archäologen diesen Platz kennen? Lucien schüttelt den Kopf. Zu abgelegen ist die Stelle, und auch wohl zu unbedeutend. Sie ist eines der vielen Geheimnisse, die die Marquesas vermutlich für immer für sich behalten werden.

Von Christian Röwekamp, gms



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