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29. April 2019, 11:30 Uhr

Fotoreise durch die Mongolei

Landschaft mit Seele

17 Jahre reiste Frédéric Lagrange immer wieder wochenlang in der Mongolei. Er erlebte Sandstürme, knackendes Eis unter den Reifen und schloss Freundschaften. Wir zeigen seine Fotos.

"Es war früh am Morgen, doch die Männer waren schon von billigem Wodka betrunken." Sie hätten keinen Ton gesagt. "Ich habe keine Ahnung, worauf sie warteten." So beschreibt der französische Fotograf Frédéric Lagrange eine Szene am Chöwsgöl-See, die inzwischen 13 Jahre zurückliegt.

Damals, im Jahr 2006, war er im Norden der Mongolei unterwegs, um an seinem Projekt "Mongolia" zu arbeiten. Das Ziel: Er wollte ein visuelles Porträt dieses Landes erschaffen, das er als "immer noch weitestgehend unbekannt" bezeichnet - und gleichzeitig als total faszinierend.

13 Reisen, zum Teil einen Monat lang, unternahm Lagrange dafür seit 2001. Er kam dabei mit den Mongolen in Kontakt, lernte ihre Traditionen und Lebensumstände kennen und dokumentierte seine Beobachtungen auf Negativfilm. Die Bilder, die teils wie Gemälde wirken, zeigen Murmeltierjäger und Viehtreiber, Ringkämpfer, und in Decken verschnürte Babys, karge Landschaften und tief stehende Wolken, die sich im Tolbo-See spiegeln.

In manche der gezeigten Gesichter haben sich Furchen gegraben, die wie Landschaften aussehen. Und manche Landschaften scheinen eine Seele zu haben - wie Menschen.

Frédéric Lagrange, der in Hongkong und New York lebt, hatte erstmals von der Mongolei gehört, als er sieben oder acht Jahre alt war, schreibt er auf seiner Website. Sein Großvater hatte ihm vom Zweiten Weltkrieg erzählt, von seiner Zeit als französischer Kriegsgefangener und von seiner Befreiung durch mongolische Soldaten, die unter sowjetischem Kommando kämpften.

"Ich erinnere mich an seine aufgewühlte Stimme, als er mir erzählte, wie er und andere Gefangene von diesen wuchtigen Männern aus einem fremden Land gerettet wurden", schreibt Lagrange. "Seither konnte ich nicht aufhören, an die Mongolei zu denken. Diese Männer haben meinem Großvater das Leben gerettet - und mir damit auch."

Das Fotografieprojekt bezeichnet Lagrange als Arbeit der Liebe. Um den "Charakter dieses rauen und immer noch so geheimnisvollen Landes" in Bildern einzufangen, um tiefer in die Kultur einzutauchen und die Menschen, die ihm bei seiner ersten Reise so fremd waren, kennenzulernen, nahm er sich 17 Jahre Zeit. Erst dann, so sagt er, konnte er jene Fotos machen, die die wahre Geschichte der Mongolei erzählen.

jus

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