Fünf Monate einsame Insel Robinson Crusoe light
Als wir das Paradies zum ersten Mal sehen, sind wir vom weißen Sand geblendet. Der Strand ist voller Seeigelschalen, unter den Palmen liegen überreife Papayas, in die Flughunde Löcher gefressen haben. Überall haben Meeresschildkröten ihre Spuren hinterlassen, große Löcher im Sand, in denen sie ihre Eier vergraben.
Unser Paradies ist etwa 400 Meter lang und 200 Meter breit. Auf der Landkarte ist es so groß wie ein Sandkorn. Von den mehr als 300 Fidschi-Inseln gehört diese zu den kleinsten, zwei Stunden Bootsfahrt sind es bis zur nächstgrößeren Insel. In zehn Minuten sind wir einmal drum herum gelaufen. Wir, das sind meine Frau Nina und ich, zwei Mittzwanziger aus Heilbronn auf der Suche nach völliger Abgeschiedenheit in der Natur.
Hinter den Palmen verbirgt sich ein in die Jahre gekommenes Holzhaus, das fünf Monate lang unser Zuhause sein wird. Ein paar Balken im Boden sind durchgebrochen, an manchen Stellen leckt das Wellblechdach. Das ist uns egal, viel wichtiger ist die Veranda, über die immer eine schwache Brise zieht. Hier haben wir zwei Matratzen platziert, wir schlafen meistens draußen. Die ganze Nacht hören wir Möwen und Flughunde kreischen, das ist unser Schlaflied. Um die Ecken des Holzhauses sind Regentanks verteilt, in denen wir unser Wasser sammeln.
"Eine Art Geheimnis"
Der Auslöser, hierher zu kommen, war ein einziger Satz. "Ich kenne da eine Insel, die ist eine Art Geheimnis", hatte uns Jonny, ein südafrikanischer Auswanderer, vor ein paar Wochen erzählt. Seine märchenhaft klingenden Geschichten von einer einsamen Trauminsel ließen uns daraufhin nicht mehr los.
Also trafen wir den Ratu, das Oberhaupt der Region und damit Verwalter der geheimen Insel. Sevusevu heißt die Zeremonie, zu der er uns in seinem Dorf empfing. Wir trugen Sulus, traditionelle Wickelröcke, und brachten getrocknete Wurzeln als Gastgeschenk - sie werden gestampft und mit Wasser aufgegossen. Kava, das Nationalgetränk der Fidschianer, betäubt die Lippen und macht gute Träume.
Nach einer halben Stunde im Schneidersitz auf einer geflochtenen Matte sagte der Ratu: "Ihr habt eine gute Entscheidung getroffen. Ihr geht ins Paradies."
Dosenfutter und Angelhaken
Wir nehmen mit, was wir zum Überleben brauchen. Reis, Nudeln, frisches Gemüse. Und viel, viel Dosenfutter. Gemüse in Dosen, Obst in Dosen, Tomatensoße. Nachschub kommt erst wieder in sechs Wochen, unser Freund und Helfer Jonny hat ein Boot und kauft für uns ein. Aber wir haben ja auch etliche Angelhaken und einen Karton Fidschi-Bier.
Auf einer einsamen Insel zu leben bedeutet, dass die Welt dort aufhört, wo das Riff die Lagune umschließt. Genau das, was wir suchen. Wir baden einfach nur in unserer eigenen Existenz. Die Fidschianer haben für diese Lebensart einen speziellen Begriff: Fijitime. "Die Zeit ist dein Freund", sagen sie hier.
Wir stehen auf, wenn es hell wird. Wir gehen schlafen, wenn es dunkel wird. Wie es die Natur eingerichtet hat. Schon seit dem Abitur träumen meine Frau Nina und ich diesen Südseetraum. Endlich finden wir heraus, wie er sich in der Realität anfühlt. 40 Jahre Berufsleben liegen noch vor uns - und wir fragen uns: Soll das alles sein? Und sollen wir uns wirklich das ganze Leben lang Gedanken um Übermorgen machen? Nein, lieber nicht.
Nina liest ihre Bücher und sammelt Muscheln, mein Part ist eher archaisch: Ich muss das Essen besorgen. Mein rechter Zeigefinger ist ganz zerfurcht vom Auswerfen der Leine. Ich habe sie um eine Plastikflasche gewickelt, so machen es die Fidschianer.
Jagd auf Blauflossen-Makrelen
Am Anfang fällt mir das Fischen schwer, aber ich werde besser. Ich lerne, dass die Fische nah am Strand schwimmen, wenn die Flut kommt. Wenn sie jagen, jage ich sie. Meine liebste Beute sind Blauflossen-Makrelen, die schimmern schon von weitem im seichten Wasser. Sie haben am Haken eine solche Kraft, dass ich mir nur noch Wasserski anschnallen bräuchte und durch die Lagune brettern könnte. Wenn ich eine an der Leine habe, renne ich rückwärts den Strand hoch und ziehe sie aus dem Wasser. Ich nehme sie an einem Felspool aus, schneide sie in Filets und grille sie über offenem Feuer. Der Geschmack der Südsee.
Es ist eine Art Robinson-Crusoe-Erlebnis in der Softversion. Freiwillig und dazu mit Solarpanels, die wir für einen Kühlschrank nutzen, der so groß ist wie ein Zimmertresor. Der Verzicht auf westlichen Luxus ist Gewöhnungssache. Wir duschen mit Regenwasser aus einer Blechschale, benutzen ein Plumpsklo und kochen mehrmals am Tag Wasser ab, damit wir es trinken können.
Wir haben vorne am Strand eine Matratze unter eine Palme gelegt, daneben baumelt eine Hängematte. Wieder eine Palme weiter stecken dicke Astgabeln im Sand, über die wir Äste zum Halt quergelegt und alles mit Windenpflanzen aus dem Busch zusammengebunden haben. An diesem Platz trinken wir Piña Colada mit selbst gemachter Kokosnusscreme. Wir haben extra eine Raspel dabei.
Fidschianische Beule am Bein
Gesellschaft leistet uns Herby, eine Babyschildkröte, die wir am Strand aufgelesen haben, als sie allein vor sich hinkrabbelte. Offenbar ein Nachzügler, die Geschwister hatten bereits das Korallenriff erreicht. Wir entschieden uns, die Schildkröte aufzupäppeln.
In einer 30 Liter fassenden Plastikwanne legen wir ihr einen Privatpool an, mit Algen und Korallen. Wir füttern sie mit winzigen Stückchen Fisch, die wir ihr mit einer Pinzette vors Maul halten. Ganz schön verfressen, so eine Babyschildkröte.
Nur einmal gerät unser Unternehmen in Gefahr: An meinem rechten Oberschenkel entzündet sich eine Wunde. Keine Ahnung, wie es dazu kam. Ein riesiger Eiterabszess, der irgendwann so schmerzt, dass ich mich kaum noch setzen kann. Meine Frau verpasst mir Antibiotika und sticht die Wunde auf. Ekelhaft. Zurück bleibt ein tiefer Krater, der zum Glück schnell abheilt. Fidschianische Beulen werden die Dinger genannt, erfahren wir später. Das soll es öfter geben.
Wenn wir das nicht in den Griff bekommen hätten, hätten wir ein Problem gehabt. Die Reise zu einem Krankenhaus dauert mindestens einen Tag. Ob sie dort qualifizierte Ärzte haben, ist fraglich. Wer sich für die einsame Insel entscheidet, muss eben ein gewisses Risiko eingehen.
Adios Meeresschildkröte
Unsere fünf Monate in der selbst gewählten Isolation ziehen so schnell vorbei wie die Wolken über die Palmen. Die Einsamkeit gefällt uns. Manchmal reagieren wir regelrecht paranoid in unserem Paradies. Bilden uns das Geräusch eines Motorboots ein. Springen auf, holen ein Fernglas und beobachten, wer denn kommen könnte. Niemand. Es ist nur das Rauschen der Wellen.
Was uns nach dieser Zeit bleibt, ist neben einem Gefühl der Sehnsucht eines des Glücks. In den letzten Tagen saugen wir noch mal jedes Detail in uns auf. Das Buschmesser, wie es in der Palme steckt. Die Hängematte, deren Schatten in der Abendsonne übers Gras fällt. Abends stehe ich auf der Sandbank und schaue zum Haus. Links das Meer, rechts das Meer. Ich sehe die Kerzen auf der Veranda leuchten, über mir den Sternenhimmel. Der Abschied ist voller Wehmut.
Vor allem fällt es uns schwer, die kleine Babyschildkröte ins weite Meer zu entlassen. Unser Futter hat ihr anscheinend gemundet: An dem Tag, an dem wir uns voneinander trennen, ist Herby doppelt so groß wie zu Beginn.
So ziemlich jeder prophezeit, dass uns die Rückkehr ins alte Leben schwer fallen wird. Ehrlich gesagt: Wir wissen es noch nicht. Es war ja keine Flucht vor irgendwas, das alte Leben war nie schlecht. Wir wollten auf einer Insel leben, weil wir das Bedürfnis nach einem Abenteuer hatten. Wir hoffen, dass wir ein wenig von unserer neuen Gelassenheit mit nach Deutschland nehmen können. Denn was der Mensch wirklich braucht, wissen wir jetzt: Wasser, Fisch, Sonne - und ein bisschen Fijitime.