Fußballstadt Barcelona Ein Kiosk fürs Leben

"Früher waren sie kleine Jungen, heute Millionäre": Joan und Marta Cruellas sehen seit drei Jahrzehnten zu, wie Jungkicker zu Weltstars werden. An ihrem Kiosk in der Arena des FC Barcelona waren sie alle - Messi, Xavi, Hunderte Spieler, Dutzende Trainer. Besuch bei zwei Stadion-Insidern.

Von Oliver Lück


Lionel Messi ist ausverkauft. Aber Samuel Eto'o und Thierry Henry sind noch da. Und sogar einige Ronaldinhos lachen noch aus dem roten Pappkarton auf dem Tresen aus grauem Beton. Der Brasilianer spielt zwar bereits seit Sommer nicht mehr für den Verein und jetzt in Mailand, doch das Verfallsdatum der Lutscher mit seinem Gesicht ist noch nicht erreicht. "Eigentlich müssten wir die Lollis auswechseln", sagt Marta Cruellas, "aber die schmecken ja noch." Ihr Mann Joan nickt, dreht einen der Ronaldinhos zwischen Zeigefinger und Daumen. Er sagt: "Im Fußball geht alles so schnell – manchmal etwas zu schnell für mich und meine Frau."

Vielleicht ist es aber auch genau anders herum: Es fehlt dem Fußball an Beständigkeit. Joan und Marta Cruellas sind so etwas wie die personifizierte Verlässlichkeit bei einem der beliebtesten Fußballvereine unserer Zeit, dem FC Barcelona. Sie haben Hunderte Spieler kommen und gehen sehen. Dutzende Trainer wurden entlassen, einige Präsidenten abgewählt. Doch sie selbst sind geblieben. Seit 31 Jahren steht das Ehepaar hinter dem Tresen ihres kleinen Kiosks im größten Stadion Europas, dem mächtigen Camp Nou.

Fast 100.000 Menschen haben darin Platz. Jede Sightseeingtour führt auch irgendwann zum Camp Nou, das neben der Sagrada Família, dem Parc Güell und dem Picasso-Museum die meistbesuchte Sehenswürdigkeit der Stadt ist. Denn das Stadion ist nicht einfach nur eine Fußballarena, es ist sein eigenes Museum.

Selbst an Tagen ohne Spiel bildet sich am Morgen vor dem Haupteingang eine lange Schlange, die bis zum Abend in Bewegung bleibt. Rund 1,5 Millionen Besucher im Jahr lassen sich für elf Euro durch die Sportstätte führen. Im Vereinsmuseum bestaunen sie die Trophäen, die in Vitrinen unter Designerleuchten präsentiert werden, als wären sie Kunstwerke von Salvador Dalí oder Joan Miró.

Chipstüten im Barca-Design

Eingang Nummer 242, zweite Etage – dort befindet sich der kleine Stand, wo Joan und Marta Cruellas bei Heimspielen Getränke, Wurst mit Brot, Süßes und Barça-Kartoffelchips verkaufen. Die Chipstüten tragen das berühmte Wappen und die Farben des FC Barcelona: Blau und Granatrot. Es sind kräftige, stolze Farben. Es sind stolze Kartoffelchips.

An diesem Abend spielen die Katalanen gegen Valladolid. Drinnen, unten auf dem Rasen, macht Barças Stürmer Samuel Eto'o gerade eines der unglaublichsten Spiele seiner Karriere, schießt vier Tore in einer Halbzeit. Draußen, hinter dem Tresen, schüttelt Joan Cruellas den Kopf, sagt: "Das hat schon seit Jahren keiner mehr geschafft."

Joan Cruellas ist ein Mann Ende 50, der Schnauzbart struppig, das Haar grau und auf dem Kopf licht geworden in den letzten Jahren. Unter der Woche arbeitet er als Grafiker. Am Wochenende ist er Kioskbesitzer – und vor allem eines: Aficionado, Anhänger des FC Barcelona, der in der laufenden Saison mit großem Vorsprung die spanische Liga dominiert.

Seit beinahe 40 Jahren hat Cruellas eine Dauerkarte. Doch sein Sitzplatz bleibt während der Spiele meist leer. "Zu viel zu tun", sagt er knapp. Manche Tore, die des Gegners, bekommen die beiden erst mit, wenn der Stadionsprecher sie durchsagt – der Jubel der meist wenigen Gästefans ist an ihrem Kiosk nicht zu hören.

Auch wenn Joan Cruellas selten in den letzten drei Jahrzehnten ein Spiel ganz gesehen hat, ist er ein großer Kenner des Fußballs. "Er weiß alles", sagt seine Frau und zwinkert. Bei wichtigen Spielen schickt sie ihren Mann rein auf die Tribüne, wenn sie merkt, dass er unruhig wird. Wenn er beginnt, die Plastikbecher auf dem Tresen grundlos von links nach rechts und wieder nach links zu schieben. Und er jeden zweiten Kunden fragt, wie denn Spieler X oder Y so drauf ist an diesem Tag. "Dann sehe ich, wie er leidet", sagt sie. "Der FC Barcelona ist das Größte in unserem Leben", sagt Joan Cruellas, "und ich meine den ganzen Verein, auch die zweite und dritte Mannschaft."

Verehrung für Superstar Messi

Im Mini Estadi, dem kleinen Stadion des Clubs gleich neben dem Camp Nou, hat das Ehepaar einen weiteren kleinen Kiosk, den letzten noch verbliebenen. Dort bewirten die Cruellas die Fans der zweiten Elf. Regelmäßig, wenn die Profis im Mini Estadi trainieren, treffen sich die Anwohner auf den Balkonen der umliegenden Hochhäuser, um Messi, Eto'o & Co. bei der Arbeit zuzusehen. Logenplatz gratis. Die Weltstars vor dem eigenen Wohnzimmer.

Heute steht niemand auf den Balkonen. Barça B spielt in der dritten spanischen Liga gegen Badalona. Im 15.000 Zuschauer fassenden Rund verlieren sich gerade mal 500 Interessierte. Doch Mitte der zweiten Halbzeit ist das Spiel schlagartig Nebensache. Die Zuschauer erheben sich ehrfürchtig. Junge wie Alte stehen und gucken, stehen und tuscheln. Lionel Messi ist da. Er, der vor vier Jahren selbst noch für die Reserve spielte, ist zur Partie seiner alten Kollegen gekommen.

Kinder rufen seinen Namen und möchten Autogramme. Junge Frauen kreischen und verkünden, ein Kind von Messi zu wollen. Der Superstar erfüllt geduldig jeden Autogrammwunsch, lächelt brav in jedes Fotohandy, nimmt Kinder in den Arm. Die meisten verpassen, wie Barça B das 1:0 erzielt. Nach 30 Minuten flüchtet Messi unter dem Schutz von Sicherheitsleuten aus dem Stadion.

Der Kiosk als Spielerversteck

Es gibt Menschen, die vieles dafür geben würden, nur ein Wort mit den Messis dieser Welt sprechen zu dürfen. Es gibt Menschen, die die Geschichten, die sie mit den Stars erlebt haben, ungefragt erzählen würden – auch denen, die sie nicht hören wollten. Joan und Marta Cruellas sind da anders. Sie könnten viele Geschichten von den umjubelten Profis erzählen, etwa die, als sich ein Barça-Spieler hinter ihrem Tresen vor Fans und Journalisten versteckte, oder die, dass sie schon häufiger von Andrés Iniesta und Xavi, den Mittelfeldstrategen, zum Essen eingeladen wurden.

Doch sie erzählen sie nicht jedem. Sie können die Hysterie, die um den Fußball und seine Stars gemacht wird, nicht verstehen. Dafür haben sie zu viele kommen und gehen sehen. Spieler wie Messi, Iniesta oder Xavi, die einst in den Nachwuchsteams spielten, haben sich bei den Cruellas schon als Teenager Süßigkeiten oder eine Cola geholt. "Sie konnten kaum über den Tresen gucken", sagt Marta Cruellas, "früher kamen sie als kleine Jungen, heute als Millionäre."

Weit anders sei das Benehmen manch jüngerer Spieler aus der B- oder C-Mannschaft. In Zeiten, da die Grenzen zwischen Sporthelden, Popstars und Sexsymbolen mehr und mehr verschwimmen, sei es für viele nicht ganz einfach, auf dem Boden zu bleiben. Selbst für die, die noch gar keinen Grund haben, abzuheben. Junge Talente, die sich einen Dreitagebart stehen lassen, Gel in die schwarzen Haare schmieren, Goldketten um den Hals und falsche Brillanten an den Ohren tragen. Manche von ihnen schmeißen am Kiosk der Cruellas das Geld einfach auf den Tresen und gehen, ohne sich zu bedanken.

Die Cruellas aber wirken in ihrer Gelassenheit wie Eltern zwischen den aufgepeppten Möchtegernprofis. Sie sind eine der wenigen Konstanten beim FC Barcelona, ein ruhiger Pol in der oft hysterischen Welt des Fußballs. "Wir werden hier hinter dem Tresen stehen, so lange wir leben", sagt Marta Cruellas, "das ist unsere Aufgabe." Ihr Mann nickt wieder. Dann verkauft er zwei Ronaldinhos und einen Thierry Henry.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.