Galápagos-Inseln Naturparadies am Scheideweg

Träge Meerechsen, blitzschnelle Tölpel und riesige Schildkröten - die Galápagos-Inseln sind der Traum jedes Naturliebhabers. Doch das Paradies ist bedroht. Der boomende Tourismus und die steigende Zahl an Zuwanderern bringen das fragile Ökosystem in Gefahr.
Von Thomas Rödl

Aus dem Rüttelflug heraus stürzen etwa 30 Blaufußtölpel auf das Meer hinunter: Von den spitzen Schnäbeln bis zu den himmelblauen Füßen bildet der ganze Körper eine perfekte Pfeilform. Fast synchron durchschneiden die großen Meeresvögel die Wasseroberfläche, um kurz darauf mit einem Fisch im Schnabel aufzutauchen. Die Kameras von 16 begeisterten Galápagos-Touristen klicken. Dagegen wirken die Meerechsen am Strand geradezu faul und unbeholfen. Platt ausgebreitet auf den schwarzen Uferfelsen nehmen sie die Wärme der Sonne in sich auf. Diese Algen fressenden Leguane leben in großen Kolonien und sind völlig ungerührt, wenn man ihnen nahe kommt.

Mehr als 120.000 Besucher kommen jährlich in den Genuss eines solchen Naturschauspiels auf den Galápagos-Inseln. Mit dem ersten offiziellen Ausflugsboot wurde vor fast 40 Jahren festgelegt, dass Unterbringung und Verpflegung auf den Booten stattfindet und die Landgänge durch Naturführer reglementiert werden. Diese Weitsicht garantierte bis heute Natur schonenden Tourismus und gewährt, dass Touristen einen Nationalparks der Superlative mit einer großen Anzahl an endemischen, das heißt nur hier vorkommenden, Tierarten entdecken können.

Da es kaum Süßwasser auf den Inseln gibt, begann der Mensch erst im 19. Jahrhundert, sie zu besiedeln - daher gibt es die meisten der einheimischen Tier- und Pflanzenarten auch heute noch. Eine echte Ausnahme weltweit, und so wurde der Galápagos-Nationalpark wegen seines besonderen Charakters 1978 zum Unesco-Naturerbe, Biosphärenreservat und Meeresschutzgebiet gekürt.

Bimmelbahn im Disney-Stil

In der größten Siedlung des Archipels, Puerto Ayora an der Südküste der Insel Santa Cruz, leben rund 15.000 Menschen - und täglich werden es mehr. Man ist erstaunt, hier so viele Einwohner und eine moderne Promenade samt Bimmelbahn im Disney-Stil vorzufinden. Viele Einwanderer aus Ecuador und anderen südamerikanischen Ländern suchen in Puerto Ayora eine ganz andere Art Paradies als die Touristen, erzählt Mathias Espinosa. Der Sohn deutsch-ecuadorianischer Eltern lebt seit 16 Jahren auf Galápagos und leitet das Tauchunternehmen "Scuba Iguana".

Die erste große Welle an Einwanderern kam etwa ab 1990. Während auf dem Festland die ökonomischen Verhältnisse vieler Ecuadorianer immer schlechter wurden, schaffte der boomende Tourismus im Paradies der Meerechsen und Riesenschildkröten neue Arbeitsplätze. Schließlich lockte auch noch der rasant ansteigende Marktwert für Seegurken, Hummer, abgeschnittene Seelöwen-Penisse und Haifischflossen viele Fischer auf die Inseln.

Der Nationalpark erlebt dadurch zunehmend Naturschutzprobleme: "Es sind die vielen Leute und die Tatsache, dass immer mehr hier ankommen. Diese Entwicklung kann kaum man noch umkehren", sagt Mathias. Die Bestände vieler Meerestiere hätten im gleichen Maße abgenommen, wie die Einwanderung zunahm. Die vielen Boote benötigen mehr und mehr Treibstoff. Ein Öltanker namens Jessica lief 2001 vor San Christobal auf Grund. Die Vergiftung der Algen nach dieser Katastrophe führte zum schleichenden Tod von fast 60 Prozent der Meerechsen auf der Insel Santa Fé.

"Nicht mehr das Galápagos, das man aus dem Fernsehen kennt"

Reisende Menschen und ihre Waren bringen fremde Tiere und Pflanzen mit, willentlich oder unbemerkt. Diese eingeführten Arten verdrängen zunehmend die einheimische Fauna und Flora, so dass die Anzahl der Neulinge unter den Pflanzenarten schon die der Alteingesessenen übertrifft. Auch haben eingeführte Hunde und Katzen auf einigen Inseln die Echsenbevölkerung weiter drastisch reduziert. "Das ist nicht mehr das Galápagos, das man aus dem Fernsehen kennt", sagt Mathias. "Wenn aber Leute die Meinung vertreten, um die Natur zu schützen, dürfte auf Galápagos eigentlich niemand leben", dann sei das unrealistisch. "Ich bin selbst eine eingeführte Art hier, aber als solche habe ich Verantwortung und versuche etwas Positives für die Umwelt zu machen.”

Mathias stellt in seinem Tauchclub bevorzugt Galapageños an. Er versucht damit lokale Fischer zu überzeugen, vom Hummer- und illegalen Hai- und Seegurkenfang abzulassen und sich ihr Geld stattdessen im Tourismus zu verdienen. Damit das Meer wieder aufatmen kann. Sein bester Tauchlehrer Makaron war früher auch im Seegurkengeschäft und kennt das Meer wie seine Westentasche. Heute führt Makaron Touristen in kleinen Gruppen unter Wasser.

Der Tourismus auf den Galápagos-Inseln, der für den Staat eine wichtige Einnahmequelle darstellt, wuchert. Ein neuer Flughafen wurde auf der Insel Isabela gebaut und die eherne Regel, nur kleine Touristengruppen auf kleinen Booten ins Naturparadies zu lassen, gebrochen: 2005 ankerte zum ersten Mal ein Luxuskreuzschiff mit 500 Passagieren vor der Insel San Cristobal. Massentourismus auf den Galápagos-Inseln? Für Naturschützer ist das undenkbar: Nicht nur die Qualität des Reiseerlebnisses würde leiden, sondern auch die Natur.

Im April unterzeichnete der Präsident Ecuadors, Rafael Correa, ein eiliges Dekret zur Kontrolle von Tourismus und Bevölkerung "zur Überwindung der riesigen institutionellen, Umwelt- und sozialen Krise". Die Regierung erwägt, bereits erteilte Besuchserlaubnisse für Touristen zu stornieren und den Zuzug zu begrenzen. Anlass waren Übergriffe von Mitgliedern der ecuadorianischen Luftwaffe: Die Parkdirektorin Rachel Molina und mehrere ihrer Mitarbeiter waren von den Soldaten brutal mit Gewehrkolben niedergeschlagen worden, als sie illegale Geschäfte mit Touristen dokumentierten. Der Vorfall geschah zudem vor prominentem Publikum: Zur gleichen Zeit befand sich eine hochrangige Delegation der Unesco auf den Inseln. Die Kultur- und Naturschützer werden bis Juli 2007 darüber entscheiden, ob die Galápagos-Inseln auf die Liste bedrohter Weltnaturerbe gesetzt werden.

Galápagos' hässliches Gesicht

Gewaltsame Übergriffe gegen Naturschutzbeauftragte passieren seit den neunziger Jahren mit erschreckender Regelmäßigkeit. Immer dann zeigt Galápagos sein bedrohliches und hässliches Gesicht - von dem Touristen normalerweise nicht viel mitbekommen.

Der Galápagos-Archipel ist heute nicht mehr nur die Heimat von Meerechsen, Seelöwen und Blaufußtölpeln. Zu Galápagos gehören nun auch Bilder von Fischerprotesten und Straßenblockaden, Berichte über korrupte Politiker und steigende Touristenzahlen und über die zahllosen Kinder auf den von immer mehr Autos befahrenen Straßen. Der Nationalpark steht vor einem Scheideweg. Der zunehmende Bevölkerungsdruck auf die sensiblen Lebensräume zwingt zur Suche nach neuen Lösungen, um Darwins Paradies zu erhalten. Während Leute wie Mathias auf lokal organisierten Tourismus setzen, sind andere der Ansicht, dass die Inseln langfristig nur als Naturparadies existieren bleiben, wenn den Einwohnern ein Arbeitsplatz außerhalb des Archipels angeboten wird und die Menschen von den Inseln geholt werden.

Es ist schwer zu sagen, welches Gesicht sich auf den Galápagos-Inseln durchsetzen wird – die hässliche Fratze von Korruption und Massentourismus oder das gelassene Lächeln der Leguane.

Mehr lesen über