Garma-Festival Die Erde ist ihr Himmel

Einmal im Jahr findet das Garma-Kulturfestival statt: eine einzigartige Gelegenheit für nur wenige geladene Reisende, die Rituale einer der ältesten Kulturen der Welt zu erleben. Ethnologen können hier in wenigen Tagen mehr Material sammeln als bei wochenlangen Reisen durch den Busch.

Zuerst ist alles noch grau und still. In den Minuten vor Sonnenaufgang ist der endlose Eukalyptuswald um uns herum nur zu erahnen, das Meer blitzt als heller Strich am Horizont. Stumm kauern wir auf einer Felsklippe im Busch. Die Taschenlampen, die unsere Gruppe auf dem Weg durch die Dunkelheit zur Glühwürmchen-Prozession machte, sind erloschen.

Dann erhebt Gulumbu ihre Stimme. Brüchig und rau "singt sie den Morgen", flüstert ihre Schwiegertochter Alice. "Durch unseren Gesang wecken wir Yolngu-Frauen die Vögel, lassen wir den Morgenstern verblassen und den Wind atmen. Jeden Morgen singt eine von uns dieses Lied, seit der Traumzeit und der Erschaffung der Welt. Ohne dieses Lied würde es nicht Tag werden."

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Aboriginal People: Menschen zwischen den Welten

Foto: Tourism Australia

Als Gulumbu verstummt, hat die aufgehende Sonne der tropischen Landschaft ihre Farben zurückgegeben, der Erde ihr leuchtendes Rot, den Eukalyptusblättern das silbrige Grün. Vögel singen, Eidechsen lugen unter den Steinen hervor. Und auf einmal sind wir alle nicht mehr Teil eines uralten Rituals, sondern Gäste des siebten Garma-Festivals des Yolngu-Volkes, die sich morgens um halb fünf fröstelnd aus ihren Iglu-Zelten geschält haben, um Mäuschen im Alltag der Aboriginal People zu spielen.

Man könnte Garma als fünftägiges Ethno-Spektakel beschreiben, mit dem findige Führer des Yolngu-Volks es verstanden haben, einmal im Jahr Touristen in ihren entlegenen Winkel Australiens zu locken. Doch Garma ist erst in zweiter Linie für Besucher gemacht: Für die Clans des Arnhem-Landes ist es das jährliche Familientreffen, zu dem mitten im Busch bis zu 1000 Menschen zusammenkommen.

Es ist Campingurlaub, Heiratsmarkt, Gerüchteküche. Für die Männer ist es Anlass für Ausflüge, bei denen sie im Meer mit dem Speer nach Stachelrochen jagen. Für die Frauen ist Garma Gelegenheit, in großer Runde ihre traditionellen Bilder zu malen. Dabei sitzen große Künstlerinnen mit in der Malhütte: Gulumbu Yunupingu hat ihre Baumrinden mit mythologischen Motiven schon bei der Expo 2000 in Hannover ausgestellt, 2004 wurde ihr für eine Serie von Grabschmuckpfählen der erste Preis für Aborigines-Kunst verliehen.

Wiege der Aboriginal-Kultur

Für die in Kompaniestärke angereisten Ethnologen, Musikwissenschaftler und Sprachforscher ist Garma ein Glücksfall. Sie können hier in wenigen Tagen mehr Material sammeln als bei wochenlangen Reisen durch den Busch. Garma - das Wort bedeutet in der Yolngu-Sprache "öffentlich" - ist zudem Auftakt eines landesweiten Archivierungsprojekts, mit dem Lieder und Legenden aller Urvölker aufgezeichnet und so vor dem Vergessen bewahrt werden sollen: Überall sind Mikrofone, Kameras.

Und für die wenigen Touristen ist Garma die einmalige Chance, Aboriginal-Kultur mitzuerleben, ohne als Adressat eines Folklore-Spektakels im Mittelpunkt zu stehen: ein guter Grund, von Darwin 600 Kilometer nach Osten zu fliegen, auf dem Buschflughafen der öden Minenstadt Nhulunbuy in einen schlammig roten Jeep zu klettern und eine Stunde später mitten im Busch in eines von hunderten Zelten zu kriechen.

Schon am ersten Morgen stellt sich heraus, dass das traditionelle Yolngu-Leben Talente verlangt, die wir Städter nicht mitbringen: Nach einigen Stunden Körbeflechten und Feuermachen per Stöckchenreiben haben fast alle Blasen an den Händen. Dafür schlafen wir nachts in der Wiege der Aboriginal-Kultur: Dieser Küstenstreifen ist vermutlich jener Ort, an dem vor etwa 45.000 Jahren die ersten Menschen in Australien landeten. Dazu galt es, eine 70 Kilometer breite Meerenge zwischen Indonesien und Australien zu überwinden. Damals haben zum ersten Mal Menschen planmäßig eine derartige Strecke auf See bewältigt - zu einer Zeit, als in Europa noch die Neandertaler siedelten.

Von der Gove-Halbinsel aus eroberten die Ureinwohner in den folgenden Jahrtausenden Australien - vom Hochgebirge bis in die Tropen, von der Wüste bis ins Sumpfland. Aus einzelnen Clans wurden Völker: Etwa 250 Sprachen mit etwa 700 Dialekten entstanden.

Spiritueller Mittelpunkt des Lebens war und ist die Landschaft, die die Aboriginal People ernährt. So ist der Wald, in dem unsere Zelte stehen, ein Heiligtum. Hier wurde dem Mythos nach das didgeridoo erschaffen, jenes traditionelle Blasinstrument, dem die Ureinwohner wenige dunkle Töne und eine Vielfalt von Geräuschen entlocken: Einer der gottgleichen Vorväter schleuderte zu Traumzeiten von dieser Klippe aus voller Zorn einen Baumstamm ins ferne Meer, der Baum barst und ward zum Blasinstrument.

Didgeridoos rufen zum großen Tanz

Wem der Urahn zürnte, finden wir nicht heraus. Heiliges Wissen darf nur an Eingeweihte weitergegeben werden, neugierigen Fragen weichen die Yolngus höflich aus. Auch deshalb verschmelzen die Welten, die Besucher und Einheimische trennen, nur selten: Hat man morgens noch gemeinsam die Sonne begrüßt, sitzen Yolngus und Weiße abends nach Programmende von einander getrennt an den Lagerfeuern.

Es ist das volle Röhren der didgeridoos, das Abend für Abend zum bunggul, zum großen Tanz bei Sonnenuntergang, zusammenruft. Unsere Zeltnachbarn, die beim Mittagessen in Jeans und T-Shirt neben uns saßen, tragen jetzt Lendenschurz, Körper und Gesicht sind mit Lehm bemalt. Zum Rhythmus der Lieder halten sie feierlich Einzug auf dem Versammlungsplatz, dann beginnt die Vorführung: Männer und Frauen schreiten durch den Sand, tänzeln vor und zurück.

Anschwellender Gesang markiert den Moment, in dem Solisten mit schnellen Sprüngen den Tanz zum Ende bringen, eindrucksvoll und rätselhaft zugleich. Wäre da nicht Mandawuy Yunupingu, der den weißen Gästen erklärt, wie diese Tänze, die das ganze Wissen der Yolngu enthalten, zu lesen sind. "Dies ist der Tanz, der an die frühen Handelsbeziehungen mit indonesischen Fischern erinnert", sagt er über Mikrofon an, als der Vortänzer sich mit großer Geste eine Zigarette ansteckt: "Um 1600 herum kamen sie an diese Küsten und brachten uns den Tabak." Auch der nächste Tanz wird verständlich, wenn man weiß, dass das scheinbar wilde Gehopse eine Art Anleitung zur erfolgreichen Känguru-Jagd ist.

"Geisterwelten kann man nicht erklären"

Mandawuy ist nicht nur der Zeremonienmeister des bunggul. Er ist der Sänger der weltweit erfolgreichen Didgeridoo-Rockgruppe Yothu Yindi und wurde 1992 zum "Australier des Jahres" gekürt. Das Geld, das er als Musiker verdiente, steckte er in die Yothu-Yindi-Stiftung und das Garma-Festival. Seine Mission ist das gegenseitige Lernen. "Ich glaube, die meisten weißen Australier akzeptieren inzwischen, dass unser Wissen eine tiefe intellektuelle Kraft hat", sagt er nach dem bunggul bei einer Tasse Tee unter Abermillionen Sternen.

Doch noch immer wird die Kultur der Aborigines als geheimnisumwittert und unzugänglich wahrgenommen. "Unser Leben ist aber kein Museumsstück. Damit ihr das begreift, wollen wir es für die Dauer von Garma mit euch teilen."

Den letzten Schleier des Mysteriums aber will auch Mandawuy nicht lüften. "Geisterwelten kann man nicht erklären. Wo ihr an eure Grenzen stoßt, lernt ihr immerhin eines: So verloren wie ihr haben sich unsere Vorfahren gefühlt, als sie plötzlich eure Kultur begreifen sollten."

Dass die Yolngus zu einem der politisch aktivsten der Aboriginal-Völker wurden, liegt vor allem daran, dass ihr Land so unzugänglich ist. Erst 1935 stießen Methodisten-Missionare in den endlosen Eukalyptuswald des Arnhem-Landes vor. Als dort Anfang der sechziger Jahre Bauxit gefunden wurde, waren die Heimstätten vieler anderer Aborigines-Völker bereits zerstört, die Yolngus gewarnt. 1963 wandten sie sich mit einer auf Baumrinde verfassten Petition ans Parlament, damit ihr Land vom Tagebau verschont bleibe. Das Rinden-Schriftstück wurde berühmt und hängt heute an einem Ehrenplatz im Parlamentsgebäude. Die Bauxit-Mine wurde dennoch gebaut - und brachte wenigstens ein bisschen Geld und Arbeit.

Geister der Vorfahren in der roten Erde

Abseits der Zeltkolonie, geschützt vor den Blicken der Männer, haben die Frauen am letzten Vormittag ein Feuer entzündet. Jetzt ersticken sie die Flammen mit nassen Binsen aus dem nahen Bach, breiten Blätter über die Glut. Eine junge Frau wird herangeführt. Sie geht langsam, vor vier Tagen hat sie ein Kind geboren. Nackt, mit dem Rücken an den Stamm gelehnt, hockt sie sich tapfer lächelnd über die dampfende Feuerstelle.

Eine Alte schlägt ihr mit Reisig hart auf die Brust. Der Dampf sorgt dafür, dass sich die Organe wieder zusammenziehen, die Schläge fördern den Milchfluss, erklärt Gulumbu. Sie nimmt eine Hand voll roten Sand und knetet ihn dem neugeborenen Mädchen in den Nacken. Warum? "In dieser Erde leben die Geister unserer Vorfahren. Es ist ihre Art, das Kind zu segnen."

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