Bergtour-Blog aus Pakistan Inlandsflug mit Achttausender-Blick

Schon der Weg zum Basislager ist für die Achttausender-Aspiranten eine kleine Odyssee: Per Flugzeug, Auto und mit einem siebentägigen Fußmarsch nähern sie sich dem Karakorum. Unvergesslich bleiben die Begegnungen mit pakistanischen Beamten - und ein Flug mit grandioser Aussicht.

AP

Von Thorsten Schüller


Hitze. Gedrängel. Lärm und Abgase. Auf dem Vorplatz des Internationalen Flughafens von Islamabad schieben sich Hunderte von Autos langsam in völlig unterschiedliche Richtungen voran. Jeder freie Zentimeter wird von den Fahrern sofort erobert. Ein überforderter Polizist brüllt einen Taxifahrer an, der ununterbrochen hupt, weil ein Kleinbus vor ihm nicht weiterfährt. Doch der Fahrer des Kleinbusses wird seinerseits von anderen Fahrzeugen am Weiterrollen gehindert.

Wir, sieben Bergsteiger aus Deutschland und Österreich, sind mit unseren schwer beladenen Gepäckwagen mittendrin in diesem Wahnsinn und versuchen, zu einem Kleinbus vorzustoßen, der uns in das Zentrum der Stadt fahren soll. Immer wieder bleiben wir an Stoßstangen und Außenspiegeln hängen. Der Schweiß rinnt uns in die T-Shirts, die gleißende Sonne blendet. Wir sind kaum angekommen und fühlen uns schon erschöpft.

Als wir nachmittags barfuß über den Steinboden vor der Faisal-Moschee gehen, hat das Thermometer die 40-Grad-Marke erreicht und die Steine auf dem weitläufigen Außengelände dieses monumentalen Gebäudes so stark aufgeheizt, dass wir uns fast die Füße verbrennen. Wie machen das nur die bis zu 40.000 Gläubigen, die hier immer wieder zusammenkommen, um gemeinsam zu Allah zu beten?

Auch nachts kühlt es in Islamabad nicht wirklich ab. Vor allem, wenn mal wieder das Stromnetz zusammenbricht und damit auch die Klimaanlagen den Dienst verweigern, wird es in unseren Hotelzimmern schlagartig unerträglich heiß. Doch mehr als uns Touristen treffen die die ständigen Energieunterbrechungen die pakistanische Wirtschaft: "Wie sollen unsere Unternehmen arbeiten, wenn sie eine Stunde lang Strom haben und dann wieder zwei Stunden lang nicht?", klagt Hassan, unser Stadtführer.

Ärger mit der Polizei

Am nächsten Morgen sind wir schon wieder auf dem Weg zum Flughafen. Wir hoffen, mit Pakistan International Airways in etwa 40 Minuten nach Skardu fliegen zu können, dem Einfallstor in den zentralen Karakorum. Die Alternative wäre, mit dem Auto in 35 Stunden oder mehr auf dem Karakorum-Highway dorthin zu fahren. Doch noch bevor wir den Airport erreichen, stoppt uns ein Polizist. Er gibt unserem Fahrer zu verstehen, dass er soeben bei Rot über eine Ampel gefahren sei.

Der Fahrer wundert sich, denn da war keine Ampel. Doch der Polizist lässt sich trotz heftiger Diskussionen nicht von seiner Meinung abbringen und stellt einen Strafzettel aus. Äußerlich gelassen, aber innerlich aufgewühlt nimmt unser Fahrer wieder hinter seinem Lenkrad Platz. Hassan sagt, dass es in Pakistan einfach zu viele Beamte gebe: "Du kannst noch sehr versuchen, alles richtig zu machen, irgendein Kerl in Uniform meint immer, dass du etwas falsch gemacht hast."

Wenn man dagegen wirklich etwas falsch macht, sind Problemlösungen manchmal einfacher als gedacht - weil sich manches auf dem kurzen Dienstweg lösen lässt. Zum Beispiel im Fall des beleibten Mannes im weißen Gewand, der beim Check-in für die Gepäckannahme zuständig ist. Er reicht uns die Hand, klopft uns freundschaftlich auf die Schultern, zeigt vielsagend auf unser Gepäck und lädt es dann Stück für Stück auf die Waage. Was die anzeigt, interessiert ihn offenbar nicht.

Doch nachdem die letzte Tasche abgefertigt ist, kommt unser Kurzzeitfreund wieder auf uns zu und gibt uns zu verstehen, dass er sich nun doch etwas Geld verdient habe. "Das Gepäck hat mächtig Übergewicht", flüstert er. Damit hat er nicht Unrecht, wir haben bestimmt 100 Kilo zu viel dabei. Doch mit Hilfe von 1000 Rupien "Trinkgeld" - umgerechnet acht Euro - scheinen diese Kilo wie in Luft aufgelöst.

Achttausender-Blick aus dem Flugzeugfenster

Wir haben Glück. Die betagte Boeing 737 nimmt tatsächlich Kurs auf Skardu. Solch einen Flug zu bekommen, ist alles andere als selbstverständlich, oft hindern dichte Wolken die Piloten an der Landung auf dem 2600 Meter hoch gelegenen Himalajaflughafen. Unser Glück ist vollkommen, als unterwegs zur Rechten auch noch der Achttausender Nanga Parbat zu sehen ist, ehe die Maschine in die Täler eintaucht, dicht an steilen und trockenen Berghängen vorbeigleitet und schließlich aufsetzt.

Skardu ist eine grüne Oase inmitten einer trockenen, braunen Hochgebirgslandschaft. Die Ebene, in der die Stadt liegt, wird durchzogen von einem breit mäanderndem Fluss, der ausgedehnten Wäldern und den Feldern der Bauern Kraft zum Leben gibt.

Ali, unser pakistanischer Organisator, fährt uns zum ehrwürdigen Mashabrum-Hotel. Viele große Bergsteiger, die spektakuläre Touren im Karakorum geschafft haben, sind hier abgestiegen. An den Wänden zeugen zahlreiche Poster, Karten und Fotos von ihren alpinen Taten. In Skardu kaufen wir zum letzten Mal vor unserer Tour ein: Milchpulver, Schokolade, Kugelschreiber und Sonnencreme. Die Händler bedienen uns mit einem freundlichen Lächeln, Kinder begrüßen uns per Handschlag. "Skardu ist der friedlichste Platz in ganz Pakistan", sagt Muhammad Siddiq. Er stellt sich als unser Führer vor und wird uns bis zum Basislager des Gasherbrum begleiten.

Mit 20.000 Euro auf der Straße

Auch Ali scheint großes Vertrauen zu den Bewohnern von Skardu zu haben. Jedenfalls nimmt er die 20.000 Euro entgegen, die wir ihm für seine Dienste und seine bisherigen Kosten schulden, und spaziert damit durch die nächtlichen Straßen zu seinem Haus. Seine Sorge ist allerdings, wie er das Geld sicher zu seiner Bank nach Islamabad bringen soll. Er erzählt, dass ihm einmal eine große Bergsteigergruppe 137.000 Euro in bar gezahlt habe. Er habe sich eine dicke Lederjacke angezogen, sämtliche Taschen mit dem Geld gefüllt und sei so ins Flugzeug in Richtung Hauptstadt gestiegen.

Dort angekommen, sei ihm bei der sommerlichen Hitze der Schweiß in Strömen heruntergelaufen, und die Menschen hätten ihn mitleidig angesehen. Groß war die Erleichterung, als er das Geld schließlich bei seiner Bank eingezahlt habe: "Das war, als hätte ich den K2 bestiegen."

Von Skardu ist es noch eine Tagesreise mit dem Geländewagen nach Askole auf 3000 Meter Höhe. Sechs Stunden dauert die Fahrt durch das wilde Tal des reißenden Braldu-Flusses. Obwohl es nicht regnet und die Hänge derzeit nicht ins Rutschen kommen, müssen wir immer wieder anhalten, weil Arbeiter die Straße von kleinen Steinlawinen befreien. An manchen Stellen überqueren wir Lawinenreste, dann wieder quält sich das Allradfahrzeug enge Kurven hinauf, die unser Fahrer nur mit mehrmaligem Rangieren nehmen kann. Diese Fahrt ist ein Härtetest für Material und Menschen.

Von Askole aus werden wir zu Fuß weitergehen und in das Herz des Karakorum vorstoßen - ein siebentägiger Marsch durch die Wildnis Pakistans bis zum Basislager liegt vor uns.

Fotostrecke

7  Bilder
Blog Gasherbrum-Besteigung: Die sieben Expeditions-Teilnehmer



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
shatreng 15.07.2012
1. Ewigkeit
Zitat von sysopAPSchon der Weg zum Basislager ist für die Achttausender-Aspiranten eine kleine Odyssee: Per Flugzeug, Auto und mit einem siebentägigen Fußmarsch nähern sie sich dem Karakorum. Unvergesslich bleiben die Begegnungen mit pakistanischen Beamten - und ein Flug mit grandioser Aussicht. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,843917,00.html
Juhu, nach einer gefühlten Ewigkeit endlich der zweite Blogeintrag ;) Ich bin jetzt schon ganz gespannt und warte auf neue Berichte! Viel Spaß auf dem Weg ins Basislager.
watzmann 16.07.2012
2. Schritt um Schritt zum großen Ziel
Ich denke alle Bergbegeisterten hier fiebern mit eurem Projekt mit und warten gespannt auf jeden neunen Beitrag von euch. Weiterhin alles Gute, viel Erfolg und neben guter Gesundheit vorallem gutes Wetter!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.